Rezension über:

Thomas Maissen: Die Geburt der Republic. Staatsverständnis und Repräsentation in der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft (= Historische Semantik; Bd. 4), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, 672 S., 43 Abb., ISBN 978-3-525-36706-3, EUR 59,90
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Rezension von:
Inken Schmidt-Voges
Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Inken Schmidt-Voges: Rezension von: Thomas Maissen: Die Geburt der Republic. Staatsverständnis und Repräsentation in der frühneuzeitlichen Eidgenossenschaft, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/11830.html


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Thomas Maissen: Die Geburt der Republic

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Die Frage nach Gehalt und Gestalt des Sprechens von der "Republik" ist wohl einer der am stärksten auf die Sinnstiftung demokratischer Regierungsformen bezogenen Aspekte der Politikgeschichte. [1] Thomas Maissen hat hierzu nun mit seiner Habilitationsschrift einen ebenso anregenden wie herausfordernden Beitrag geleistet - anregend aufgrund seiner methodischen Vorgehensweise, herausfordernd in den Ergebnissen, die sie hervorgebracht hat.

Ausgehend von der Frage, "wann und weshalb in der Schweiz ein republikanisches Selbstverständnis entstand, das diesen Namen verdient" (14), führt Maissen am Beispiel der alten Eidgenossenschaft aus, wie sich eine konsequente Historisierung zentraler Begrifflichkeiten im Hinblick auf ein Staatswesen ausnimmt, dessen Selbstverständnis noch immer stark von der Konstruktion einer langen Kontinuität republikanisch-demokratischer Kultur geprägt ist.

Methodisch orientiert sich die Arbeit an einer Historischen Semantik, wie sie Lüsebrink und Reichardt vorgestellt und angewandt haben. [2] Hervorzuheben ist allerdings die sehr viel stärkere Berücksichtigung bildkünstlerischer und zeremonieller Ausdrucksformen, deren Eigenständigkeit als Medium respektiert und nicht nur zu textlichen, sondern auch zu anderen bildlichen Gattungen in Beziehung gesetzt wird. Darüber hinaus kommen Textquellen nahezu aller kommunikativen Kontexte vor - von Schriften zur politischen Theorie über Zeremonialprotokolle bis hin zu Gelegenheitsdichtungen und Korrespondenzen der Zürcher Ratsherren und Sozietäten. Wenn die methodischen Überlegungen auch nicht durch elaborierte Formulierungen bestechen, so doch in ihrer stringenten Anwendungs- und Objektbezogenheit.

Mit der einleitenden Kontrastierung zweier zeitgleich publizierter Politiktheorien Jean Bodins (Six livres de la République, 1576) und Josias Simlers (Von dem Regiment der lobl. Eydgenoßschaft, 1576) öffnet Maissen eine doppelte Perspektive auf die Entwicklung des politischen Selbstverständnisses in der Eidgenossenschaft. Dieses war durch die komplexe Verflechtung zwischen der allgemeinen "Theoriebildung" zum frühneuzeitlichen Staat, der allmählichen Herauslösung aus dem Alten Reich, der inner- wie zwischenkantonalen Entwicklungen und der allgemeinen politischen Lage nach 1648 gekennzeichnet.

Im ersten Teil des Bandes wird gewissermaßen der 'Blick von außen' vorgeführt, indem die Karriere und Polyvalenz des Republik-Begriffs im 17. Jahrhundert und der eidgenössischen Rolle als 'Prototyp' vorgestellt wird. Dabei werden auch immer die Wechselbeziehungen zu der zunehmenden Präsenz der Eidgenossenschaft als eigenständiges Völkerrechtssubjekt in Europa nach 1648 mitreflektiert. Der zweite Teil setzt dem den 'Blick von innen' entgegen, der im Gegensatz zu der relativ frühen Klassifizierung als 'Republik' von außen die ausgesprochen zögerlichen und heterogenen Selbstbezeichnungen in den einzelnen Orten wie der Eidgenossenschaft als Ganzes herausarbeitet.

Diese grundsätzliche Tendenz, die als eines der zentralen Ergebnisse der Studie genannt werden kann (570), wird besonders deutlich in der Untersuchung des Vorortes Zürich. Hier zeigt sich die vielschichtige Gemengelage unterschiedlicher Sprechweisen von einer 'Republik' in einer akribischen Nachzeichnung in den diversen Kontexten - von der heilsgeschichtlichen Perspektive der politischen Theorien Zwinglis und Bullingers über die humanistische Adaption der 'res publica' für Stadtstaaten bis zur Selbstdarstellung in Münzen, Siegeln und Wappenscheiben.

Drei Faktoren, die Maissen für die Ausprägung eines republikanischen Selbstverständnisses im Sinne eines souveränen, polyarchischen Herrschaftssystems in Zürich herausarbeitet, lassen sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts feststellen. Zum einen wurde die heilsgeschichtlich orientierte reformierte Politikkultur allmählich von einer säkularen Ausrichtung abgelöst, die sich stärker an Macht- und Strategiefragen orientierte. Dies führt Maissen am Wandel der Bündnispolitik aus. Zum anderen wandelte sich gleichzeitig der Legitimität begründende Bezug auf das Reich und die kaiserlichen Privilegien Schritt für Schritt. Dabei ist für die Betonung der eigenen Souveränität und die Einbindung in die Eidgenossenschaft nur ein indirekter Bezug zur Exemtion im Jahr 1648 festzustellen. Und drittens zeigte sich schließlich eine verstärkte interne Auseinandersetzung mit der Frage nach der eigenen Politikform. Sie konstituierte sich wesentlich durch die Fremdwahrnehmung als 'Republik' in den Korrespondenzen mit den Niederlanden.

Die analytische Trennung der einzelnen Aspekte und deren Zuordnung zu ihren jeweiligen Medien führen die enge gegenseitige Bedingtheit dieser Entwicklungen vor Augen. So gelingt es Maissen sehr anschaulich, die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Ausdrucksformen zu verdeutlichen, die es dann unter dem Einfluss der Aufklärung ermöglichten, ein republikanisches Selbstverständnis zu formulieren, das unter den Auspizien der Helvetik einen gewissen Sendungscharakter erhielt.

Inwieweit hier Zürich aber als "Paradigma" einzuordnen ist, bleibt trotz oder gerade wegen dieser detaillierten Ausführungen offen. Die Adaption eines Republik-Begriffs mit eigener Souveränität und einem anti-monarchischen Impetus verlief in den übrigen Orten und den zugewandten Eidgenossenschaften des Wallis und der Drei Bünde aufgrund der sehr unterschiedlichen Verfassungen individuell. Umso erstaunlicher ist es, dass sich zum Ende des 18. Jahrhunderts in allen Teilen wenigstens ein Grundkonsens in der Bedeutungszuweisung des Republik-Begriffs andeutete, der sich wesentlich aus den historischen Wurzeln der Eidgenossenschaft erklärte. Paradoxerweise konnte aber der revolutionäre Republik-Begriff der Helvetischen Republik (1798-1803) gerade keine integrative Kraft entwickeln, weil er die gestuften Souveränitäten der einzelnen Orte und Landsgemeinden, die historische Spezialität der Eidgenossenschaft missachtete.

Das Ergebnis dieser konsequenten Anwendung einer semantischen Methode macht deutlich, dass die Bildung von übergreifenden Konzepten mit zeitlos gedachten Grundkonstanten in Form von '-ismen' - hier also des Republikanismus - wenig Ertrag für ein historisches Verständnis bringt (582). Vielmehr hat Maissen auf sehr luzide Weise die bis in die Singularität gehende Heterogenität der Füllung und Verwendung des Republik-Begriffs herausgearbeitet. Und die Strategien der beabsichtigen Unschärfe, die es erlauben trotz großer Heterogenität in föderativen Staaten von Republik zu sprechen, wären sicherlich ein Anknüpfungspunkt, auch die Republik(anismus)debatten zum 19. Jahrhundert zu bereichern.


Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa jüngst die Debatten bei Paul Nolte: Der südwestdeutsche Frühliberalismus in der Kontinuität der Frühen Neuzeit, in: GWU 43 (1992), 743-756 und Reinhard Blänkner: Tugend, Verfassung, Zivilreligion. Normative Integration im aufgeklärten Liberalismus, in: Hubertus Buchstein / Rainer Schmalz-Bruns / Gerhard Göhler (Hg.): Politik der Integration. Symbole, Repräsentation, Institution, Baden-Baden 2006.

[2] Rolf Reichardt / Hans-Jürgen Lüsebrink (Hg.): Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820, München 2000; Reichardt (Hg.): Aufklärung und historische Semantik, Berlin 1998.

Inken Schmidt-Voges