Rezension über:

Daniela Münkel: Willy Brandt und die ''Vierte Gewalt". Politik und Massenmedien in den 50er bis 70er Jahren (= Campus Historische Studien; Bd. 41), Frankfurt/M.: Campus 2005, 332 S., ISBN 978-3-593-37871-8, EUR 29,90
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Rezension von:
Philipp Gassert
Department of History, University of Pennsylvania, Philadelphia, PA
Empfohlene Zitierweise:
Philipp Gassert: Rezension von: Daniela Münkel: Willy Brandt und die ''Vierte Gewalt". Politik und Massenmedien in den 50er bis 70er Jahren, Frankfurt/M.: Campus 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/9653.html


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Daniela Münkel: Willy Brandt und die ''Vierte Gewalt"

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Mit ihrer Fallstudie über Brandt und die Medien verfolgt die Hannoveraner Historikerin Daniela Münkel ein dreifaches Anliegen: Methodisch geht es ihr um eine Verbindung von Politik- und Mediengeschichte. Sie plädiert dafür, "Mediengeschichte zum integralen Bestandteil zeitgeschichtlicher Fragestellungen zu machen" (18). Inhaltlich soll aufgezeigt werden, welche Konsequenzen die Medialisierung für die Politik und umgekehrt die wachsende Politisierung der Öffentlichkeit für die Medien hatte. Damit soll drittens ein wesentlicher Beitrag zum historischen Verständnis der langen 1960er Jahre geleistet werden, welche die Autorin in Übereinstimmung mit der herrschenden Meinung als "Jahrzehnt der beschleunigten Modernisierung und Demokratisierung" (13) und "Pluralisierung" (14) charakterisiert, in denen sich wesentlich auch der Übergang zur "Mediendemokratie" vollzogen habe (292).

Die Untersuchung setzt mit einer Darstellung der Medienpolitik Adenauers und der SPD-Opposition in den 1950er Jahren ein, der die "modernere" Konzeption Willy Brandts gegenüber gestellt wird - Letztere wird indes hauptsächlich aus staatstragenden Reden des Kandidaten rekonstruiert. Brandt habe in Journalisten "eher Partner als Werkzeuge" gesehen (48). Das folgende Kapitel zeigt, dass das Bündnis weniger auf wolkiger Wahlverwandtschaft als auf klarer Interessenkongruenz beruhte. Politische Verleger wie Springer, Augstein und Nannen hofften über Brandt Einfluss auf die Politik zu erlangen, wie umgekehrt dieser mithilfe der Medien auch innerparteilich Statur gewann. Auf der Basis des Brandt-Nachlasses wird erstmals umfassend dessen Förderung durch Springer in Berlin und seit Anfang der 1960er Jahre zunehmend auch durch die Hamburger Trias "Spiegel", "Stern", "Zeit" rekonstruiert. Inhaltlich waren es neben Brandts persönlichem Stil und seinem Status als Vertreter des "anderen Deutschland" die ostpolitischen Neuansätze, die ihm die Unterstützung der liberalen Leitmedien garantierten und ihn bis zu seiner Wiederwahl 1972 trugen.

In welch hohem Maße Intellektuelle und Journalisten, die sich als "kritisch" verstanden, sich von Brandt in den späten 1960er und 1970er Jahren kooptieren ließen, zeigt ein quellengesättigtes Kapitel über "Journalisten und Politik: Helfer, Mitarbeiter und Berater". Ausführlich geht die Autorin auf die "Sozialdemokratische Wählerinitiative" (SWI) ein, in der Journalisten eine zentrale Rolle spielten. Angesichts des öffentlich-rechtlichen Objektivitätsideals hielten manche Brandt nahestehende Journalisten wie Peter Merseburger nach außen ostentativ Distanz (170). Unterkapitel zu Egon Bahr, Klaus Harpprecht, Conrad Ahlers und Günter Gaus schlüsseln die persönlichen Netzwerke auf. Mit Ausnahme Bahrs als dem ostpolitischen Vordenker, der schon in der Berliner Zeit in die Politik übergewechselt war, bleibt der konkrete politische Einfluss dieser Journalisten aber unklar. Transparent hingegen werden die Schwierigkeiten, die "recht eigenwillige Persönlichkeiten" wie Ahlers und Gaus innerparteilich und koalitionsintern machten (205). Knapp fällt die Reflexion darüber aus, inwiefern die Integration führender Journalisten in die Politik deren Selbstverständnis veränderte, nachdem sich der "vierte Stand" als Kontrollinstanz gegenüber der Politik gerade erst neu erfunden hatte. Münkel äußert sich verhalten kritisch, wertet letztlich das journalistische Engagement als Indiz wachsender "Demokratisierung" (133).

Das letzte Kapitel wirft, im Rahmen einer biografischen Studie überraschend, die Frage nach der "Amerikanisierung" der Bundestagswahlkämpfe von 1953 bis 1972 auf. Da die Autorin von der analytischen Schärfe des Amerikanisierungsbegriffs nicht recht überzeugt ist (286), kommt sie zu dem erwarteten Ergebnis, dass allenfalls von einem durch amerikanische Vorbilder beeinflussten Modernisierungsprozess die Rede sein könne. Läge nicht die Frage näher, wie mit dem normativen Bezug auf Amerika symbolisches Kapital für den "deutschen Kennedy" Brandt mobilisiert werden konnte? Überhaupt zeigen sich hier Grenzen des biografischen Ansatzes. Zwar war Brandt als mehrmaliger SPD-Spitzenkandidat seit 1961 Dreh- und Angelpunkt sozialdemokratischer Öffentlichkeitsarbeit. Wie konkret die Muster der Anhänger- und Wählermobilisierung sich vor dem Hintergrund des Aufbrechens der politischen Milieus und der viel beschworenen Medialisierung der Politik änderten, kann nur angedeutet werden. Stereotyp wirken die Formulierungen zur CDU, mit der die Autorin die Wahlkampfmethoden der SPD kontrastiert. Die Christdemokraten seien in den 1960er Jahren im Status quo verharrt (285). Diese Aussage lässt sich für die späten 1960er aber so nicht halten. Mit der Großen Koalition und dem Verlust der alleinigen Kontrolle des Bundespresseamts begann der Ausbau der CDU zur "modernen Volkspartei", der einen ersten Höhepunkt bereits mit dem CDU-Bundesparteitag 1968 erreichte.

Mit ihrer gut lesbaren und gründlich recherchierten Arbeit hat Daniela Münkel einen wichtigen Baustein zu einer historischen Biografie der neben Adenauer wichtigsten politischen Gestalt in der Geschichte der alten Bundesrepublik vorgelegt. Dies stellt ein bedeutendes Verdienst dar, hat sich doch die Mehrzahl der bisherigen Untersuchungen auf Brandts ostpolitisches Wirken konzentriert. Umso bedauerlicher ist, dass die Darstellung mit dem Wahltriumph 1972 abbricht. So bleibt eine Lücke in der spannungsreichen Beziehungsgeschichte vom vierten Kanzler und vierter Gewalt. Auch der Vorschlag, die Umbruchphase in den mittleren Jahren der alten Bundesrepublik um den Machtwechsel 1969 neu zu periodisieren (133, 271), wirkt Brandt-zentrisch und folgt der älteren Interpretation von der zweiten Gründung, die die Kontinuität von Großer Koalition und sozialliberaler Koalition unterschätzt. Die Medialisierung der Politik erlangte mit Brandts Einzug ins Palais Schaumburg keine völlig neue Qualität, wie umgekehrt der Transformation des Politischen zur "Mediendemokratie" mit dessen Abtritt 1974 keineswegs abgeschlossen war. Hier wären die Linien bis in die 1980er Jahre zu ziehen.

Unklar bleibt nicht zuletzt aufgrund der chronologischen und thematischen Beschränkung der Studie, was jenseits der konstatierten "engere[n] Verzahnung von Politik und Medien" (298) der in der Fragestellung thematisierte Prozess der Medialisierung exakt für die politische Werktagswirklichkeit bewirkte. Phasen einer starken Konvergenz von Medienpersonal und Politikern hat es immer wieder gegeben. Sie endete nach Brandts Wiederwahl 1972, wie die Autorin selbst konstatiert (291). Aber war die Integration führender Journalisten nicht im Sinne der alten Pressepolitik konventionell? Hier wäre durch Vergleichen noch konkreter zu fragen, wie sich die unter Brandt zu beobachtende Symbiose von Politik und Medien von ähnlichen Erscheinungen in der Ära Adenauer (oder auch unter dem glücklosen, aber nichtsdestotrotz über seinen eigenen brain trust verfügenden Erhard) unterschied und warum sich hierin ein neues Verhältnis von Politik und Medien konstituierte. War die Kanzlerschaft Willy Brandts "der erste Höhepunkt" einer Entwicklung hin zur "Mediendemokratie" (301)? Oder die letzte Blüte des alten Männerbundes von Politikern und Journalisten im politischen Vorfernsehzeitalter, der im Laufe der 1970er Jahre zerbrach?

Philipp Gassert