Rezension über:

Jürgen Müller: Der Deutsche Bund 1815-1866 (= Enzyklopädie deutscher Geschichte; Bd. 78), München: Oldenbourg 2006, X + 131 S., ISBN 978-3-486-55028-3, EUR 19,80
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Rezension von:
Wolfgang Piereth
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Piereth: Rezension von: Jürgen Müller: Der Deutsche Bund 1815-1866, München: Oldenbourg 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/11636.html


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Jürgen Müller: Der Deutsche Bund 1815-1866

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Um es gleich vorwegzunehmen: Dies ist ein ganz vorzügliches Buch. Ein Schmuckstück der Oldenbourgschen EDG-Reihe und endlich, endlich eine moderne, konzis geschriebene, an Grundlagenwissen und an weiterführenden Perspektiven reiche Darstellung des ebenso sperrigen wie wichtigen Themas 'Deutscher Bund'. Der Autor, der Frankfurter Privatdozent Jürgen Müller, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Bund und dabei insbesondere mit den lange Zeit chronisch unterbelichteten postrevolutionären 1850er-Jahren: Er hat zwei in jener Ära angesiedelte Quellenbände bearbeitet und in diesem Kontext auch seine Habilitationsschrift angefertigt. [1]

Wer sich mit der Geschichte des Deutschen Bundes befasst, steht vor mehreren Problemen: Eine auf Archivquellen basierende Gesamtdarstellung des Bundes fehlt bis heute; gelungene Spezialstudien zur Bundespolitik sind rar, insbesondere, sobald man den Bereich der Repressionspolitik verlässt. Der Deutsche Bund ist ein komplexer und komplizierter Forschungsgegenstand: Seine Akten sind wegen der staatenbündischen Struktur des Bundes über fast drei Dutzend einzelstaatliche Archive verstreut, und weil der Bund keine politisch eigenständigen zentralen Institutionen ausbildete, ist es außerordentlich schwierig, ihn als gestaltende politische Kraft einzufangen und darzustellen - allzu leicht gerät eine Geschichte des Deutschen Bundes zu einer Geschichte der Zeit des Deutschen Bundes, die in Wirklichkeit die Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur der Einzelstaaten, in erster Linie Preußens und Österreichs, in den Blick nimmt.

Müller hat diese Herausforderung souverän gemeistert. Er bleibt mit eiserner Disziplin seinem Kernthema, dem Handeln des Deutschen Bundes, treu und vermeidet jede auch noch so verlockende Abschweifung. Und diese thematische Konzentration gelingt ihm deshalb so überzeugend, weil er zum Bund und zur Bundespolitik auch tatsächlich viel Substanzielles zu sagen hat. Wie in der EDG-Reihe üblich, ist Müllers Buch dreigeteilt in Enzyklopädischen Überblick (1-49), Grundprobleme und Tendenzen der Forschung (51-88) sowie Quellen- und Literaturübersicht (89-112); eine Zeittafel (113-120) und ein Register runden den Band ab, eine Karte fehlt (wie leider ebenfalls üblich).

Der Enzyklopädische Überblick ist in neun Kapitel gegliedert, die weithin den anerkannten Entwicklungsabschnitten des Bundes folgen. Müller betont, dass in der "rudimentären Bundesverfassung" (6) von 1815 durchaus Chancen zur politischen, ökonomischen und sozialen Integration Deutschlands steckten, die indes viel zu wenig genutzt wurden. Bundesstaatlichen Charakter gewann der Bund nach der berühmt-berüchtigten restaurativen Wende von 1819/20 allenfalls im Bereich der Repressionspolitik. Schon die 1820er-Jahre sind für Müller gekennzeichnet von einer "gewaltsam erzwungenen politischen Ruhe" (12) - wobei ich mich frage, ob er hier nicht die Aktionsfelder der politischen Opposition, etwa im Bereich des Philhellenismus, zu gering schätzt und so hinter den aktuellen Forschungsstand zurück fällt -, nach der französischen Julirevolution von 1830 verschärften sich die vielfältigen Unterdrückungsmaßnahmen noch einmal enorm und verdrängten jede konstruktive Entwicklungschance des Bundes (21).

Sehr schön kann Müller zeigen, wie dieses Repressionssystem in den 1840er-Jahren vor dem Hintergrund eines mächtigen Nationalisierungsschubs und des Thronwechsels in Preußen "zunehmend ins Leere" lief (27). Die jahrzehntelange Unterdrückungspolitik hatte den Bund in der liberalen Öffentlichkeit indes so vollständig diskreditiert, dass alle Reformideen zu spät kamen, um ihn 1848/49 als mitgestaltende Kraft zu erhalten. Erst das Scheitern der Revolution ebnete den Weg zur Reaktivierung des Bundes. Die Reaktionsmaßnahmen der frühen 1850er-Jahre waren "zweifellos einschneidende Maßnahmen", jedoch erreichte die Repression nach dem Urteil Müllers "bei weitem nicht das Ausmaß der Verfolgungen der 1820er und 1830er-Jahre" (41). Hauptursache hierfür war, dass vor allem viele mittel- und kleinstaatliche Regierungen die Reaktionspolitik nur halbherzig umsetzten. Die Unterdrückung der politischen Opposition war nach Müller überwiegend das Werk der Einzelstaaten, den Anteil des Bundes selbst hält er indes für geringer als lange Zeit angenommen (ergänzende Argumentation im Forschungsteil, 67).

Die mit dem Krimkrieg einsetzende Diskussion über eine große Bundesreform erreichte zwar bald eine breite politische Öffentlichkeit, fiel jedoch wie schließlich der gesamte Bund der preußisch-österreichischen Rivalität zum Opfer. Zu Recht verweist Müller darauf, dass sich der Bund - gewissermaßen im Schlagschatten des deutschen Dualismus - darum bemüht hat, die Rechtsvereinheitlichung voranzutreiben und so "wichtige Grundlagen für die innere Nationsbildung in Deutschland" legen konnte (43). Diese Form von "Nationalgesetzgebung" avancierte zu einem Mittel der Bundesreform - und genau deshalb blieb sie auch stecken, denn Preußen war an einer erfolgreichen Reform nicht interessiert und blockierte daher auch die Rechtsvereinheitlichung. Wenige Jahre später freilich gingen die von Bundeskommissionen formulierten Entwürfe eines Urheberrechts, einer Maß- und Gewichtsordnung und einer Zivilprozessordnung nahezu unverändert in die Gesetzgebung von Norddeutschem Bund bzw. Kaiserreich ein.

Mit der Frage, warum der Bund eine "konservative Entwicklungsblockade" (Dieter Langewiesche) aufbaute und schließlich als politische Organisationsform scheiterte, beschäftigt sich das erste Kapitel des in fünf Abschnitte gegliederten und ebenfalls hervorragend gelungenen Forschungsteils. Müller ist erkennbar kein Anhänger der strukturalistischen These, wonach die Unreformierbarkeit des Bundes schon in seiner Verfassung angelegt gewesen sei. Er betont, dass nach den "föderativen Entwicklungschancen und nationalintegrativen Potenzialen des Bundes" bislang kaum gefragt wurde (60). Tatsächlich markiert er eine ganze Reihe von lohnenden Forschungsfeldern, etwa die Wirtschaftspolitik des Bundes, die Rolle seiner Reklamationskommission, die Einsätze des Bundesheeres im Innern, die Umsetzung von Bundesbeschlüssen in den Einzelstaaten und schließlich das Verhältnis zwischen Bundespolitik einerseits und innerer Nationsbildung andererseits.

Fazit: Das Buch zum Deutschen Bund.


Anmerkung:

[1] Quellen zur Geschichte des Deutschen Bundes. Für die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hrsg. v. Lothar Gall. Abt. III/Bd. 1: Die Dresdener Konferenz und die Wiederherstellung des Deutschen Bundes 1850/51, bearb. von Jürgen Müller, München 1996. Abt. III/Bd. 2: Der Deutsche Bund zwischen Reaktion und Reform 1851-1858, bearb. von Jürgen Müller, München 1998. Jürgen Müller: Deutscher Bund und deutsche Nation 1848-1866, Göttingen 2005.

Wolfgang Piereth