Rezension über:

Eberhard Weis: Montgelas. Zweiter Band: Der Architekt des modernen bayerischen Staates 1799-1838, München: C.H.Beck 2005, 872 S., ISBN 978-3-406-03567-8, EUR 68,00
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Rezension von:
Wolfgang Piereth
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Piereth: Rezension von: Eberhard Weis: Montgelas. Zweiter Band: Der Architekt des modernen bayerischen Staates 1799-1838, München: C.H.Beck 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/8543.html


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Eberhard Weis: Montgelas

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Wer sich mit dem deutschen 19. Jahrhundert und insbesondere mit der bayerischen Reformära beschäftigt, wird dieses Buch lange und mit Spannung erwartet haben: Gut drei Jahrzehnte nach dem ersten Band hat Eberhard Weis nun den zweiten Teil seiner großen Montgelas-Biografie vorgelegt, in dem er die wichtige und zeitweilig hochdramatische Ministerzeit Montgelas' behandelt. Wie schon der erste Band besticht auch die Fortsetzung durch die stupende Quellenkenntnis des Verfassers, seine stets fundierten und behutsam abgewogenen Urteile und seine Fähigkeit zu lebendiger Darstellung. Das historiografische Umfeld freilich könnte nicht unterschiedlicher sein: Der 1971 erstmals erschienene Band über Montgelas "zwischen Revolution und Reform"[1] stand am Beginn und war wesentlicher Teil eines Paradigmenwechsels, indem er maßgeblich zur intensiveren Erforschung und zur Aufwertung der lange Jahre vernachlässigten und verkannten Rheinbundzeit beitrug. Der nun vorgelegte zweite Band kann den damals gesetzten Impuls fruchtbar aufnehmen, denn er basiert nicht nur auf einer überaus imposanten Quellengrundlage, sondern auch auf der mittlerweile breit gefächerten Forschung zur bayerischen Reformära, die Weis selbst nicht selten inspiriert, betreut oder vorangetrieben hat.

Die knapp 900 Seiten starke Biografie ist in 31 Kapitel (und zahlreiche Unterkapitel) gegliedert, wobei sich innen- und außenpolitische Themen in loser Folge abwechseln. Weis trägt damit dem Umstand Rechnung, dass Außen- und Innenpolitik in jener Zeit engstens miteinander verzahnt waren: Nur der durch Napoleon ausgelöste Zusammenbruch der alten Ordnung machte den Weg für die innerstaatliche Reformpolitik frei und löste den für ihre Durchsetzung notwendigen Handlungsdruck aus. Umgekehrt war die dramatische staatliche Finanzkrise, welche die Reformära begleitete und beeinflusste, ganz wesentlich mit verursacht durch die insgesamt sieben europäischen Kriege, in die Bayern in jener Zeit hineingezogen wurde (in vier davon war Bayern selbst Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen).

Montgelas war von 1799 bis zu seinem Sturz 1817 Außenminister, seit 1806 zusätzlich Innenminister und seit 1809 auch noch Finanzminister Bayerns. Er setzte seine Führungsrolle im Regierungsapparat rasch durch (7, 9), war aber gleichwohl kein Alleinherrscher. Immer wieder arbeitet Weis heraus, wie Montgelas insbesondere in heiklen Situationen bemüht war, die Verantwortung beim Kurfürsten bzw. König zu belassen - und dabei taktisches Geschick und psychologisches Einfühlungsvermögen zeigte - oder sie mit anderen Ministern und Diplomaten zu teilen (etwa 265). Zudem wird deutlich, dass Montgelas einen permanenten "Balanceakt" (553) vollführen musste zwischen dem konservativen, auf Privilegienerhalt pochenden Adel einerseits und den auf weitere Reformen drängenden bürgerlichen Kreisen und Beamten andererseits. Namentlich das Anwachsen der Adelsopposition führte schließlich neben dem nachlassenden Druck Napoleons und fiskalischen Schwierigkeiten dazu, dass die Reformpolitik ab 1809 gezügelt und 1813 "praktisch beendet" wurde (243).

Im Zentrum von Montgelas' Handeln stand der Staat - Bayern -, den er nach außen vergrößern und abrunden, nach innen modernisieren und vereinheitlichen wollte (4, 305). Weis kann zeigen, wie Montgelas sich seit Herbst 1800 allmählich und sehr behutsam dem napoleonischen Frankreich annäherte, das sich zum neuen Gravitationszentrum der europäischen Politik entwickelt hatte (60). Dies war eine schwierige, für den Erhalt der staatlichen Existenz Bayerns indes lebensnotwendige Operation. Montgelas strebte aber keineswegs von Beginn an ein Bündnis mit Frankreich an, er stand vielmehr, wie Weis betont, bis über das Jahr 1802 hinaus "dem Gedanken eines solchen Bündnisses mit größtem Mißtrauen und immer neuen Vorbehalten gegenüber" (137). Und auch in den folgenden Jahren war Montgelas alles andere als ein blinder Verehrer Napoleons, wie an vielen Stellen des Buches deutlich wird. Hellsichtig analysierte er die Grenzen und Defizite des napoleonischen Herrschaftssystems (469 f.), schon 1810 erkannte er "starke Zeichen des Verfalls im französischen Empire" (488 und Zitat 666). Insofern war der Bündniswechsel im Herbst 1813 - noch vor der Leipziger Völkerschlacht - zur Sicherung bayerischer Interessen konsequent und - wie sich bald herausstellte - richtig. Er leitete indes auch eine Phase ein, in der Montgelas die bayerische Außenpolitik zusehends in eine "Sackgasse" manövrierte (756), weil der Minister die Bedeutung des Deutschen Bundes nicht erkannte und Bayern mit unrealistischen Souveränitätsforderungen mehr und mehr isolierte. Diese Blockade wurde erst nach seinem Sturz gelöst.

Das innerstaatliche Reformwerk entfaltet Weis eingehend und in allen Facetten. Diese Schaffung des modernen bayerischen Staates ist untrennbar mit dem Namen Montgelas' verbunden, doch Weis vergisst nicht zu erwähnen, welche Anteile an den Erfolgen und Misserfolgen dieses "Gemeinschaftswerk[es]" andere Minister und Referenten hatten (507). Zu den nachwirkenden Pionierleistungen zählen die Trennung von Staat und Dynastie, das neue Beamtenrecht, die Toleranzgesetze. Ambivalent fällt das Urteil über die bis heute kontrovers diskutierte Säkularisation aus, die Montgelas nicht zuletzt aus verfassungspolitischen und fiskalischen Motiven vorantrieb: "Sie war ein Fehler mit ihrer Kompromißlosigkeit, ihrer Radikalität und ihrer den reichsrechtlichen Rahmen voll ausschöpfenden Totalität, aber sie ist ein historisches Faktum, das man nicht ohne den Kontext der gleichzeitigen europäischen Geschichte beurteilen kann." (229). Schwierigkeiten, Friktionen und Blockaden löste die Reformpolitik häufig wegen ihres gouvernementalen, zentralistischen Grundzugs aus, etwa bei der gescheiterten Integration Tirols oder bei der Beseitigung der kommunalen Selbstverwaltung, für die Montgelas in staatsabsolutistischer Manier kein Verständnis aufbringen konnte (528). Freilich relativiert Weis die Vorstellung eines arroganten und abgehobenen Zentralismus, indem er an vielen Stellen zeigt, wie intensiv die Regierung Montgelas die öffentliche Meinung verfolgt, beachtet und zu beeinflussen versucht hat.

Fazit: Eine meisterhafte Biografie und in Zukunft das Standardwerk für die bayerische Reformära.


Anmerkung:

[1] Eberhard Weis: Montgelas 1759-1799. Zwischen Revolution und Reform. München 1971 (2., durchgesehene Aufl. München 1988).

Wolfgang Piereth