Rezension über:

Stefan Marx: Franz Meyers 1908 - 2002. Eine politische Biographie (= Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens; Bd. 65), Essen: Klartext 2003, 532 S., ISBN 978-3-89861-199-2, EUR 27,90
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Rezension von:
Torsten Oppelland
Institut für Politikwissenschaft, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Empfohlene Zitierweise:
Torsten Oppelland: Rezension von: Stefan Marx: Franz Meyers 1908 - 2002. Eine politische Biographie, Essen: Klartext 2003, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/8252.html


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Stefan Marx: Franz Meyers 1908 - 2002

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Die Wahlerfolge der Christdemokraten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bedeuteten für die CDU als Partei immer wieder auch einen Verlust, denn häufig verlor man viel versprechende Politiker an die Exekutive. Der letzte CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen vor Jürgen Rüttgers, Franz Meyers, ist ein geradezu typisches Beispiel dafür.

Meyers war kein klassischer Parteipolitiker, wie er heute - mit der Ausnahme Ostdeutschlands, wo manche politische Karrieren in der Wendezeit andere Ursprünge hatten - in allen Parteien den Ton angibt. Er wurde nicht in der Partei, sondern vielmehr im katholischen Milieu sozialisiert. Stefan Marx schildert in seiner Biografie die wichtigsten Stationen: Mitgliedschaft im katholischen Schülerverein "Neudeutschland", der stark durch die Jugendbewegung inspiriert war, dann während des Studiums in Freiburg und Köln in der zum KV gehörenden Studentenverbindung "Flamberg", den Meyers als führendes Mitglied der Altherrenschaft lieber auflöste als gleichschalten ließ, und schließlich eine kurzzeitige Mitgliedschaft in der Zentrumspartei. Meyers gab unter dem Nationalsozialismus sein unter dem Eindruck des Vaters eines Mitschülers gewähltes Berufsziel, "rheinischer Bürgermeister" zu werden, erst einmal auf und wurde Rechtsanwalt. Meyers gelang es, sich in seiner Heimatstadt Mönchengladbach als Rechtsanwalt beruflich und privat einzurichten, nicht zuletzt durch seine Heirat sozial aufzusteigen und dabei "vom Nationalsozialismus unberührt" zu bleiben (59). Dem Krieg jedoch konnte sich Meyers nicht entziehen; als Wehrmachtsoffizier kämpfte er vor allem an der Ostfront.

Die Herkunft aus dem rheinisch-katholischen Milieu führte Meyers nach 1945 nicht sofort in die Politik; erst nachdem seine Anwaltspraxis wieder aufgebaut war und ihm seine persönliche Unabhängigkeit sicherte, trat er 1948 der CDU bei und kandidierte schon zwei Jahre später erfolgreich für den Landtag. 1952 konnte er sich seinen Jugendtraum erfüllen, als er zum Oberbürgermeister Mönchengladbachs gewählt wurde. Dieses unter der englischen Kommunalverfassung nur mehr repräsentative Amt als Stadtoberhaupt übte er nur wenige Wochen aus, da er von Karl Arnold zum Innenminister des jungen Landes Nordrhein-Westfalen berufen wurde. Eine derart steile Karriere war nur möglich, weil die damalige CDU noch eine recht mitgliederschwache Honoratiorenpartei war, in der ein erfolgreicher, junger, aus dem richtigen Milieu (das konnte in dem gemischt-konfessionellen Land auch ein evangelisches sein) stammender Rechtsanwalt auch ohne die "Ochsentour" durch die Partei schnell zu Ämtern und Mandaten gelangen konnte.

Als Innenminister profilierte sich Meyers als "Macher" und Modernisierer, aber zugleich auch als ein volkstümlicher Politiker, dessen rheinische Art bei der Bevölkerung gut ankam. Insofern war es wenig überraschend, dass Karl Arnolds Sturz als Ministerpräsident 1956 für ihn kaum einen Karriereknick bedeutete. Er wurde im selben Jahr in den geschäftsführenden Bundesvorstand der CDU gewählt, ein dreiköpfiges Gremium, das Adenauer in der Parteiführung entlasten sollte. Anders als Bundesinnenminister Gerhard Schröder und der Bundestagsabgeordnete Kiesinger hatte Meyers, nachdem er sein Ministeramt verloren hatte, für diese Aufgabe Zeit; so wurde er von Adenauer als eine Art faktischer Generalsekretär mit der Vorbereitung der Bundestagswahl von 1957 betraut und erwarb sich Verdienste um die organisatorische Erneuerung der Partei. Meyers wurde zudem im Wahlkreis Aachen in den Bundestag gewählt. Er stand vor einer bundespolitischen Parteikarriere, als die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 1958 mit einem CDU-Erfolg endete, die Partei aber wegen des unerwarteten Todes von Karl Arnold keinen Ministerpräsidentenkandidaten mehr hatte. Meyers setzte sich in der Landtagsfraktion gegen seinen westfälischen Rivalen Josef Hermann Dufhues und andere Bewerber durch. Über eine wirkliche Hausmacht verfügte er in der CDU Nordrhein-Westfalens, die durch die stete Konkurrenz der rheinischen und westfälischen Landesverbände geprägt war, aber nicht. Dies erwies sich so lange als wenig problematisch, wie Meyers als Ministerpräsident von der Landtagsfraktion unterstützt wurde, Wahlen gewann und erfolgreich regieren konnte. Doch als die Landtagswahl 1966 weniger erfolgreich verlief, musste Meyers erfahren, dass der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion wochenlang hinter seinem Rücken über die Bildung einer Großen Koalition verhandelte. Nach dem Scheitern der Verhandlungen bildeten SPD und FDP eine Koalition und beendeten die Ministerpräsidentenschaft Meyers im Dezember des Jahres durch ein konstruktives Misstrauensvotum. Wie sich die Zeiten auch in der CDU geändert hatten, musste Meyers 1970 zur Kenntnis nehmen. Es genügte nicht mehr, ein verdienter, noch immer populärer ehemaliger Ministerpräsident zu sein, um als Spitzenkandidat der Partei nominiert zu werden. Und so schied Meyers schon 1970 aus der aktiven Politik aus.

Die Zeit als Ministerpräsident stellt nahe liegender Weise den Schwerpunkt der Biografie von Stefan Marx dar. Er würdigt - durchaus kritisch im Detail - Franz Meyers als einen "Landesvater" (482), dem es gelang, wichtige landespolitische Akzente etwa beim Ausbau der Universitätslandschaft, in der Kunstförderung und im Umweltschutz zu setzen, der aber andererseits bei der Bewältigung der Kohlekrise weitgehend scheiterte. Auch seine Versuche, durch die Einführung eines Landeswappens und von Landesorden schon Anfang der Sechzigerjahre eine Art Identitätspolitik für das neu geschaffene Land zu betreiben, stieß in einer modernistisch gestimmten Öffentlichkeit eher auf Spott.

Diese sprachlich zuweilen etwas klischeehafte Biografie hat ihre Stärken in der quellennahen Präsentation des Protagonisten und seiner Politik; die Schwächen liegen eher in dessen Einordnung in die strukturellen Gegebenheiten seiner Zeit. Die Beschreibung des katholischen Milieus, in dem Meyers aufwuchs, bleibt blass, und auch die Ausführungen zur CDU, zu den strukturellen Ursachen für ihren Niedergang in Nordrhein-Westfalen oder zur Kohlekrise vermögen nicht ganz zu überzeugen. Hier ist die Arbeit auch nicht immer auf der Höhe der Forschung.

Torsten Oppelland