Rezension über:

Liudmila V. Charipova: Latin books and the Eastern Orthodox clerical elite in Kiev, 1632-1780 (= Studies in Early Modern European History), Manchester: Manchester University Press 2006, X + 259 S., ISBN 978-0-7190-7296-3, GBP 50,00
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Rezension von:
Angelika Schmähling
Abteilung für osteuropäische Geschichte, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Angelika Schmähling: Rezension von: Liudmila V. Charipova: Latin books and the Eastern Orthodox clerical elite in Kiev, 1632-1780, Manchester: Manchester University Press 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/10454.html


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Liudmila V. Charipova: Latin books and the Eastern Orthodox clerical elite in Kiev, 1632-1780

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1632 gründete der spätere Kiever Metropolit Petro Mohyla das "Collegium Mohilaeani Kiiouiensis", aus dem Ende des 17. Jahrhunderts die geistliche Akademie entstand. Die Akademie wurde zum Vorbild für viele russische Priesterseminare und stellte im ganzen 18. Jahrhundert einen beträchtlichen Teil der höheren Geistlichen im Zarenreich. Liudmila Charipova widmet ihre Studie der Akademiebibliothek, die 1780 durch einen Brand weitgehend zerstört wurde. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, erstmals die noch existierenden Werke aus den ursprünglichen Beständen aufzuspüren. Von den 8632 Büchern, die die Akademiebibliothek 1780 laut einer zeitgenössischen Quelle umfasst haben soll, hat Charipova in der Kiever Nationalbibliothek noch 203 Originalbände (bzw. 262 Titel) sowie 11 Handschriften ausfindig machen können (125-126). Mit den Ergebnissen ihrer Suche erhellt die Verfasserin die Frühgeschichte der Akademie und ihrer Bibliothek, stellt beide aber auch in einen gesamteuropäischen Kontext. Charipovas Kernthese besagt, dass das Mohyla-Kolleg und seine Bibliothek im 17. Jahrhundert herausragende Bedeutung für die Entwicklung einer orthodoxen geistlichen Elite hatten. Im 18. Jahrhundert dagegen gerieten beide Institutionen in eine Krise, da der Wille und die finanziellen Möglichkeiten fehlten, Studieninhalte und Buchbestand zu aktualisieren.

Im ersten Kapitel gibt Charipova einen kurzen Abriss über die verwickelte Geschichte des ukrainischen Territoriums im 16. und 17. Jahrhundert im Spannungsfeld zwischen polnisch-litauischem und Moskauer Einfluss, zwischen Katholizismus, Orthodoxie und Unionsbestrebungen (17-38). Besonderes Augenmerk richtet sie auf das Bildungssystem, das bis ins frühe 17. Jahrhundert von jesuitischen Einrichtungen dominiert war. Die wenigen orthodoxen Schulen konnten damit nicht konkurrieren, zumal sie dem Lateinischen skeptisch gegenüberstanden. Säkulares Wissen war aber fast ausschließlich über lateinische Bücher zugänglich. Petro Mohyla (1596-1646), Abt des Kiever Höhlenklosters und Metropolit von Kiev, gründete deshalb mit seinem Kolleg eine erste orthodoxe Schule nach jesuitischem Vorbild. Der Lehrplan beinhaltete die klassischen freien Künste, Hauptsprache war Latein; Disputationen und Theater gehörten zu den Lernmethoden. Theologie wurde erst seit 1698 unterrichtet (39-65).

Grundstock für die Bibliothek des Kollegs bildete die Privatsammlung des Petro Mohyla (66-86) mit - laut zeitgenössischen Quellen - 2131 Büchern (66). Der Schwerpunkt lag bei christlicher Dogmatik, Riten und Bräuchen der Kirche. Charipova bezeichnet Mohyla als einen Opportunisten, dem die Verfasser seiner Bücher gleichgültig waren, solange sie seine Thesen stützten: "they could be pagan, Orthodox, Catholic, Protestant, or Muslim, as long as they served his purpose" (81). Neben der wissenschaftlichen Spezialliteratur sammelte Mohyla aber auch gezielt Lehrbücher für das Kolleg. Über den Nachlass Mohylas hinaus formte der Bestand der Akademie-Bibliothek sich fast ausschließlich aus Schenkungen ehemaliger Schüler und Lehrer (87-125). Dies hatte den Nachteil, dass die Bestände durch die Interessen der Alumni geprägt waren; für eine systematische Ergänzung der Lücken fehlten die finanziellen Mittel. Die politische Lage erschwerte Neuanschaffungen zusätzlich, da der Buchmarkt im Zarenreich, dem die ukrainischen Gebiete seit 1654 angeschlossen waren, einer strengen Zensur unterlag. Dadurch veraltete die Bibliothek, sodass sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts nur mehr einem "Kuriositätenladen" glich (99).

Im 5. Kapitel (125-152) geht Charipova der Ursache des Brandes von 1780 nach - wenig überraschend lautet das Ergebnis Funkenflug und Unachtsamkeit (127). Detailliert beschreibt sie dann die noch existierenden Bände aus dem ursprünglichen Fundus der Akademiebibliothek. Eine nach den Vorbesitzern geordnete Liste dieser Bücher findet sich im Anhang (180-231).

Abschließend versucht Charipova, die These der "print revolution" am Beispiel der Akademiebibliothek zu messen (153-175). Im Gegensatz zu westlichen Kollegen, die die Veränderungen durch den Buchdruck miterlebten, wurden die Kiever Gelehrten sogleich mit den Ergebnissen dieses Prozesses konfrontiert. Allerdings geht Charipova davon aus, dass diese Veränderungen zunächst nur oberflächlich und partiell griffen (157). Die eigentliche revolutionäre Wirkung der Bibliothek sieht Charipova darin, dass die Kiever intellektuelle Elite durch die vornehmlich lateinischen Bücher Denkweise und Begrifflichkeit der philosophischen Schulen erlernte. Die Kiever Akademie beeinflusste dann auch die Moskauer Schulen und Seminare, verfolgt allerdings immer vom Misstrauen gegen die "Latinisierer", die für viele orthodoxe Geistliche prinzipiell unter Häresieverdacht standen (171).

Charipovas Arbeit hinterlässt beim Leser ein zwiespältiges Gefühl: Sie glänzt bei der detaillierten Beschreibung der einzelnen Bücherfunde und der Rekonstruktion ihrer Vorbesitzer; ausgerechnet in ihren Schlussfolgerungen bleibt die Verfasserin aber merkwürdig blass. So stellt sie ihre Hauptthese vom Niedergang der Akademie und ihrer Bibliothek im 18. Jahrhundert weitgehend ohne Belege in den Raum. Um diese Entwicklung zu verstehen, müssten zumindest die Veränderungen erläutert werden, die sich mit dem Anschluss an das großrussische Reich und vor allem durch die Reformen Peters I. ergaben. Die Abhängigkeit vom Heiligen Synod, der Einfluss der Zensur auf Buchdruck und -import werden aber nur kurz erwähnt (98-99). Dabei sind es gerade diese Gründe für das Überaltern der Bibliothek, die auch die Kernthese festigen. Ähnlich stellt Charipova die Behauptung auf, Petro Mohyla habe bis dato unbekanntes philosophisches Vokabular im Kirchenslavischen eingeführt, bleibt aber jeden Beleg oder weiterführenden Literaturverweis schuldig.

Genauere statistische Aussagen vermeidet Charipova bei der Darstellung ihrer Funde. In Bezug auf die "überlebenden" Bücher ist das verständlich, da sie nur einen zufällig erhaltenen Bruchteil der einstigen Bestände darstellen. Allerdings lassen sich aus anderen Quellen ca. 1450 Titel der ursprünglichen Bibliothek rekonstruieren (158). Allein die Sammlung des Bischofs Ilarion, die 1758 an die Akademie ging, machte 486 Bände (bzw. 318 Titel) aus (91). Hier ließen sich durchaus repräsentative statistische Aussagen über Sprache und Inhalt der Werke treffen; es ist bedauerlich, dass Charipova solche Dokumente nur beschreibt, ohne weiter mit ihnen zu arbeiten. Kaum kommentiert bleibt auch die im Anhang angeführte Bibliografie aus dem "Teratourgema" des Athanasius Kalnofojski (166; 232-235).

Charipova weist selbst auf die Schwächen der Methode hin, Bücher als Hauptquelle ihrer Untersuchung heranzuziehen. Im Schlusswort bekennt sie freimütig, die großen Fragen anderen überlassen zu wollen; sie selbst sei zufrieden damit, die Neugier der Leser wecken zu können (178-179). Eine mutigere Herangehensweise wäre wünschenswert gewesen. Dennoch hat Charipovas Arbeit allein schon durch das zitierte Archivmaterial Bedeutung für alle Historiker, die sich genauer mit den Kiever Wurzeln der neueren osteuropäischen Religions- und Geistesgeschichte befassen wollen.

Angelika Schmähling