Rezension über:

Erich S. Gruen (ed.): Cultural Borrowings and Ethnic Appropriations in Antiquity (= Oriens et Occidens. Studien zu antiken Kulturkontakten und ihrem Nachleben; Bd. 8), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, 314 S., ISBN 978-3-515-08735-3, EUR 44,00
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Rezension von:
Johannes Engels
Institut für Altertumskunde, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Engels: Rezension von: Erich S. Gruen (ed.): Cultural Borrowings and Ethnic Appropriations in Antiquity, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/9330.html


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Erich S. Gruen (ed.): Cultural Borrowings and Ethnic Appropriations in Antiquity

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Untersuchungen zu den Mechanismen der Konstruktion sozialer und ethnischer Identitäten und zu Akkulturationsprozessen in der antiken Mittelmeeroikumene bilden seit Jahren einen Schwerpunkt altertumswissenschaftlicher Forschungen. Auch der vorliegende Sammelband widmet sich diesen Themen und bietet nach einer konzisen Einleitung von Erich S. Gruen vierzehn thematisch und methodisch abwechslungsreiche Studien. Oberthema aller Beiträge sind "ancient peoples' appropriations of cultural heritage and the depiction of other societies' characteristics for the purpose of expressing their own" (Gruen 7). Die Studien behandeln insbesondere Randgebiete und Randvölker der griechisch-römischen Oikumenewelt, z. B. Ägypter, Assyrer, Juden, Perser, Phoiniker, Araber, und Regionen Griechenlands, Italiens oder Siziliens, in denen besonders intensive Akkulturationsprozesse stattgefunden haben. Jonathan M. Hall zieht in seinem Beitrag eine wichtige Schlussfolgerung, die aus unterschiedlichem Blickwinkel auch von allen anderen Einzelstudien unterstützt wird (262): "Any historical analysis needs to take into account the fact that social and ethnic identities are not so much a priori 'containers' that determine the behaviour of their constituents as they are discursive constructions instigated by the intersection of political, social and cultural structures and individual agency." Im Rahmen dieser Besprechung können nur exemplarisch fünf der vierzehn Beiträge näher vorgestellt werden, alle Studien lohnen jedoch die Lektüre. [1]

Roland Hendel ("Genesis 1-11 and its Mesopotamian Problem", 23-36) bezeichnet Israel als einen "relative latecomer" in der Welt des Nahen Ostens der Antike. Israel habe seine kulturelle Identität "in contrast to the older Near Eastern cultures as a new beginning, a supersession" definiert (24). Die Israeliten setzten hierbei verschiedene Techniken und Strategien ein, um mit der kulturellen Präsenz und Präzedenz der umgebenden mesopotamischen Hochkulturen umzugehen. Besonders wichtig waren "Appropriation" und "Mimikry" (kulturelle Aneignung und Nachahmung) von grundlegenden Erzählungen, z. B. der mesopotamischen Fluterzählung in der Bibel, sowie "Inversion", also die Umkehrung einer Geschichte oder die radikale Umwertung einer Sache oder Person, z. B. die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Denn in der Bibel wird dieser Turmbau umgewertet als ein Akt der Rebellion gegen die Gottheit und als Zeichen der Hybris der Menschen.

Hans Joachim Gehrke ("Heroen als Grenzgänger zwischen Griechen und Barbaren", 50-67) untersucht Heroen, die in ihren Taten und Reisen die Grenze zwischen der hellenischen und der barbarischen Welt eindrucksvoll überschritten haben, wie Bellerophon, Glaukos und Sarpedon. Diese lykischen Heroen verkörpern geradezu die Orientierung an Werten und Verhaltensweisen des griechischen Adelsethos, z. B. das agonale Prinzip, die Reziprozität und Ethnozentrierung. Sie sind daher sozusagen "Mental-Griechen" (58). Auch über die zahlreichen Abenteuer des Herakles und Perseus im außergriechischen Raum und ihre angeblich große Nachkommenschaft ließen sich die Grenzen zwischen der Welt der Griechen und der Barbaren bequem überwinden. "Die griechische Vorstellungswelt bietet uns also einerseits Ethnozentrismus (als Hellenozentrismus) und Barbarendiskurs, aber uno actu auch dessen Überwindung - gerade in der Ethnizität" (64).

Margaret C. Miller ("Barbarian Lineage in Classical Greek Mythology and Art: Pelops, Danaos and Kadmos", 68-89) konstatiert einen Mangel an "iconographic consistency" in der klassischen Kunst. Sie fragt deshalb danach, wer warum in der klassischen Kunst als ein Fremder und Barbar dargestellt wurde und wer eben nicht. Sie untersucht dieses allgemeine Problem anhand dreier aufschlussreicher Fallbeispiele: Pelops, Danaos und Kadmos waren drei berühmte Personen der griechischen Mythologie, die alle aus dem außergriechischen Raum nach Griechenland gelangt waren. Pelops (70-75) wird in der festländischen Kunst Griechenlands des 5. und 4. Jahrhunderts selten dargestellt, öfter dagegen in Süditalien und dort dann mit fremden, orientalischen Zügen, auffälligerweise aber nicht auf der Peloponnes. Danaos, der als Immigrant vom ägyptischen Flüchtling zum König von Argos wurde (75-79), zeichnet ebenso wie seine Töchter eine doppeldeutige ikonografische Charakterisierung aus. Während die phönikischen Ursprünge des Kadmos in der griechischen Tragödie und auch in anderen Literaturgattungen betont werden, wird er in den klassischen Bildquellen nicht als ein Orientale abgebildet (79-84). Der Grund dafür könnte Miller zufolge darin liegen, dass Kadmos nicht nur als der Kulturheros gefeiert wurde, der das Alphabet nach Hellas einführte, sondern ebenso auch als griechischer Heros Ktistes von Theben.

Irad Malkin ("Herakles and Melqart: Greeks and Phoenicians in the Middle Ground", 238-258) erörtert die westsizilische Region zwischen dem karthagischen und griechischen Einflussgebiet, in der auch starke indigene sizilische Bevölkerungsgruppen lebten. Im Hinterland der griechischen und phönikischen Kolonien entwickelte sich eine typische kulturell und ethnisch gemischte Zwischenzone, ein "colonial middle ground", in dem besonders intensive und vielfältige materielle und kulturell-geistige Akkulturationsphänomene stattfanden. Auf den Feldern des Mythos und der Religion sind in Sizilien hierfür die Herakles- bzw. Melqart-Kulte besonders aufschlussreich. Sie zeigen das volle Spektrum der möglichen Prozesse von Austausch und kultureller Aneignung.

Michael Sommer ("Palmyra and Hatra: 'Civic' and 'Tribal' Institutions at the Near Eastern Steppe Frontier", 285-296) wendet sich anhand des Beispiels der beiden Städte Palmyra und Hatra am Rande der Steppengrenze gegen den oft stereotyp unterstellten, angeblich unversöhnlichen Gegensatz zwischen Sesshaften und Nomaden, der Poliszivilisation und ihren Institutionen einerseits und den Stammesgesellschaften mit ihren archaischen Clanstrukturen andererseits. "There are, however, a number of societies in the Near East, in which tribal and civic elements were, and sometimes still are, so closely interlinked that a third ideal type is required" (286). Es zeigt sich, dass in Palmyra und Hatra Institutionen und Strukturen der Polis und des Stammes nebeneinander bestanden und sich sinnvoll ergänzten. Mitglieder der dortigen Eliten nahmen sowohl in den Polisinstitutionen als auch in den Stammeshierarchien wichtige Posten ein. [2] Allerdings lassen sich Sommers Beobachtungen nicht verallgemeinernd z. B. auf die griechischen Poleis am Rande des skythischen Nomadengebietes übertragen.

Der Band kann allen Lesern, die an den vielfältigen Formen und Feldern von Kulturkontakten zwischen der griechisch-römischen Welt und ihren Nachbarn interessiert sind, nachdrücklich empfohlen werden. Denn er bietet in den Worten Erich S. Gruens ein buntes Kaleidoskop der "intercultural construction of collective identity in the ancient world" (8).


Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu das Inhaltsverzeichnis unter http://www.sehepunkte.de/2006/09/toc/6678.pdf.

[2] Vgl. zur Vertiefung der Thesen Sommers auch dessen Monografie: Roms orientalische Steppengrenze: Palmyra - Edessa - Dura-Europos - Hatra. Eine Kulturgeschichte von Pompeius bis Diokletian, (Oriens et Occidens; 9) Stuttgart 2005; s. hierzu die Rezension von Jean-Baptiste Yon, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de/2006/07/9188.html.

Johannes Engels