Rezension über:

Liv Mariah Yarrow: Historiography at the End of the Republic. Provincial Perspectives on Roman Rule (= Oxford Classical Monographs), Oxford: Oxford University Press 2006, xiv + 396 S., ISBN 978-0-19-927754-4, GBP 65,00
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Rezension von:
Johannes Engels
Institut für Altertumskunde, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Engels: Rezension von: Liv Mariah Yarrow: Historiography at the End of the Republic. Provincial Perspectives on Roman Rule, Oxford: Oxford University Press 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/7757.html


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Liv Mariah Yarrow: Historiography at the End of the Republic

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Yarrow untersucht die Geschichtswerke von sechs "core authors", vom Verfasser des Ersten Makkabäerbuches, von Nikolaos von Damaskos [1], Poseidonios aus Apameia, Diodoros aus Agyrion [2], Pompeius Trogus [3] und Memnon aus Herakleia (Introduction:Setting the Scene 1-17). Diese Historiker veröffentlichten ihre Werke zwischen dem Epochenjahr 146 v.Chr. und dem Tod des Augustus 14 n.Chr. Dabei blickten die Autoren auf die römische Weltherrschaft als "outsider to the Roman ruling class" sowie zugleich als "personal observers of Roman domination" (2). Die Werke der ausgewählten Autoren sind (mit Ausnahme des vollständig erhaltenen Ersten Makkabäerbuches) zumindest in einem für eine Analyse genügend großen Umfang erhalten, wenn auch wichtige zeitgeschichtliche Werkteile nur als "reliquiae" (Peter Brunt), d.h. als Fragmente, Exzerpte, Paraphrasen, oder in einer Epitome. Meines Erachtens wäre eine Berücksichtigung Strabons von Amaseia als siebtem core author wünschenswert gewesen. Zwar sind in der Tat nur sehr wenige Fragmente der strabonischen Universalhistorie (Historika Hypomnemata) erhalten, doch andererseits gibt es zahlreiche unter Yarrows Fragestellungen aussagekräftige Passagen in den Geographika. Yarrow argumentiert jedoch, die Funktion der historisch relevanten Passagen innerhalb der Geographika sei "significantly different from that of a contemporary history" (91). Dies leuchtet dem Rezensenten nicht ein, da Strabon zufolge die zeitgeschichtlichen Notizen der Geographika und die entsprechenden Passagen der Universalhistorie sich gegenseitig ergänzen sollten. [4]

Anhand ausgewählter Beispiele sollen im ersten Kapitel (The Power of the Intellectual: Leading Thinkers, Thinking Leaders, 18-77) die politischen Dimensionen und Einflussmöglichkeiten untersucht werden, welche Intellektuelle aus der provinziellen Elite als Berater, Erzieher oder Autor erlangen konnten. Rom entwickelte im 1. Jh. v.Chr. und noch stärker unter Augustus eine Sogwirkung als Zentrum der Mittelmeerwelt. Die Welthauptstadt bot aufstrebenden Talenten beste Chancen, das eigene Ansehen in der kulturellen Welt zu erhöhen und reichsweit bekannt zu werden. Zudem gab es dort größere Chancen als in älteren Zentren wie Athen, Alexandria, Pergamon oder Rhodos, in persönliche Kontakte mit führenden Römern zu kommen. Nicht wenige Intellektuelle wurden jedoch auch zu ihrem Umzug nach Rom durch Kriegsereignisse, Unruhen oder Umstürze in ihren Heimatstädten und -reichen gedrängt. Selbst im günstigsten Falle blieb ihre vielschichtige Beziehung zu führenden Römern auffällig asymmetrisch. Die Risiken für griechische Intellektuelle infolge einer Bindung an einzelne Römer waren in den turbulenten Zeiten der ausgehenden Republik und der Etablierung der neuen Prinzipatsordnung höher als für ihre römischen Patrone. Es gab allerdings gegen Ende der Republik die interessante Möglichkeit für wenige Intellektuelle, ihre Beziehungen zu führenden Römern zu diversifizieren und über Jahre Kontakte mit mehreren Patronen zu unterhalten. Das sicherte sie gegen einen abrupten Sturz eines einzigen Patrons ab. Eine solche Option hatten weder die Intellektuellen und Berater an den hellenistischen Höfen noch später die nachfolgenden Generationen nach Errichtung des Prinzipates in Rom. Die Einflussmöglichkeiten eines Intellektuellen auf einen mächtigen Mann der damaligen Epoche lassen sich aufgrund der Quellenlage exemplarisch gut am Fall des Theophanes von Mytilene (54-67) aufzeigen. Selbst seine Möglichkeiten blieben aber begrenzt, auf die aktuelle Politik und die zukünftigen Entscheidungen führender Römer, insbesondere des Pompeius, Einfluss zu nehmen. Nur ausnahmsweise verkehrte einer der Philosophen, Redner und Historiker über Jahre auf gleicher Augenhöhe mit Römern konsularischen Ranges, z.B. Poseidonios mit Cicero und Pompeius.

Für Yarrows Analysen sind insbesondere Passagen zentral, welche zeitgeschichtliche Ereignisse berichten und kommentieren. Allerdings ist diese Analyse aufgrund des fragmentarischen Überlieferungszustandes wichtiger Quellenpassagen methodisch schwierig. Daher sind ihre Darlegungen im zweiten Kapitel (Theory and Method, 78-122, insbesondere 104-116) über die angemessene Interpretation von Fragmenten, Exzerpten und Paraphrasen wichtig. Yarrow folgt generell Peter Brunts vorsichtiger Vorgehensweise. Yarrow untersucht im dritten Kapitel (Constructing the Narrative: Authorial Objectives and the Use of Rome, 123-166) die Strukturierung des erzählten Stoffes durch ihre Hauptautoren. Mehrere antike Universalhistoriker sahen ihre Tätigkeit als eine "Herkulesaufgabe" an (124-133, vgl. Trogus/Justin praef. 3 und Nikolaos FGrHist 90 F 135). Auch hierzu passt treffend Strabons Vergleich seiner Universalhistorie und Oikumenegeographie mit einem "Kolossalwerk" (Geog. 1,1,23 C. 14).

Das Kapitel 4 (From the Outside Looking in: Roman Cultue and Domestic Politics, 167-230) untersucht die Leitfrage, wie und aus welcher Absicht die Kernautoren bestimmte wichtige Ereignisse, Handlungen und Einstellungen führender Römer darstellen und kommentieren. Einzelne Handlungen und Einstellungen führender Römer werden bewusst für den Bericht ausgewählt und teils kritisch kommentiert. Die "Anti-Romans", die Gegner der römischen Herrschaft, z.B. Mithradates von Pontos, die Ptolemäer in Alexandreia, die abtrünnigen italischen Bundesgenossen oder der Lusitanier Viriathus werden bei aller Sympathie für einzelne Personen doch so vorgestellt, daß sie selbst aus Sicht der provinziellen Untertanen der Römer keine wünschenswerte Alternative zu Roms Weltherrschaft geboten hätten.

Die Schuld am sukzessiven Niedergang und Ende der unabhängigen hellenistischen Königreiche und Freistaaten geben die untersuchten Autoren nicht primär dem Imperialismus der römischen Elite, ihrem Konkurrenzethos und Streben nach gloria militaris und Reichtum, sondern den zur Herrschaft unwürdigen späten hellenistischen Monarchen und den Streitparteien in den Poleis (Kapitel 5: The Romans Abroad: Force, Diplomacy and the Management of Empire, 231-282). Auch Roms Rolle als Schiedsrichter in Konflikten über Nachfolgefragen oder in Territorialstreitfällen (254-269) wurde häufiger von den Streitparteien selbst erbeten als aktiv von Rom angestrebt. Mehrere Konfliktfälle der römischen Außenpolitik, die Yarrow diskutiert, hätten durch eine vollständige Berücksichtigung des epigraphischen Quellenmaterials noch deutlicher werden können. Yarrow wollte aber offenbar ihre Konzentration auf die Autoren nicht stören.

Alle untersuchten Autoren wurden von der grundlegenden Erfahrung des "lack of a successful or even possible rival for Roman authority" geprägt (Kapitel 6: Enemies of Rome? The Symbolic Alternatives, 283-341, Zitat 283). Die eindeutig klare Anerkennung der römischen Herrschaft bei den sechs Autoren sieht Yarrow als das wichtigste Ergebnis ihrer Analysen an (Conclusion 342-350). Yarrow erklärt diese Position durch "the benefits Rome may bestow, the dangers of resistance, and the lack of viable alternatives" (342). Daher resultiere das didaktische Anliegen der Autoren, mit ihren Geschichtswerken auf die römische Elite dahingehend einzuwirken, dass sie sich in ihrer Herrschaftsausübung freiwillig mäßigen sollte, den Untertanen aber zu vermitteln, dass eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Römern auch für sie die einzig vernünftige Einstellung sei. Diese realistische Position überrascht jedoch deshalb kaum, weil alle sechs Autoren provinzialen Eliten angehörten. Für sie stellte sich die Bilanz einer Kooperation mit der römischen Weltmacht von Anfang an viel günstiger dar als für die Angehörigen der Unterschichten.

Yarrows sorgfältige und gut lesbare Studie kann insbesondere Fachleuten der antiken Historiographie empfohlen werden. Sie ist aber auch für alle Leser von Interesse, die den folgenreichen Transformationsprozess der Mittelmeerwelt zwischen 146 v.Chr. und 14 n.Chr. aus der Perspektive der provinziellen Eliten besser verstehen wollen.


Anmerkungen:

[1] Siehe zu Nikolaos als Autor auch Jürgen Malitz: Nikolaos von Damaskos. Leben des Kaisers Augustus (=TzF 80), Darmstadt 2003.

[2] Vgl. auch Gerhard Wirth: Diodor und das Ende des Hellenismus. Mutmaßungen zu einem fast unbekannten Historiker, Wien 1993 sowie ders.: Katastrophe und Zukunftshoffnung. Mutmaßungen zur zweiten Hälfte von Diodors Bibliothek und ihren verlorenen Büchern, Wien 2007.

[3] Bernhard R. van Wickevoort Crommelin: Die Universalgeschichte des Pompeius Trogus. Herculea audacia orbem terrarum adgressus (=Beiträge zur Geschichtskultur, Bd. 7), Hagen 1993 ist als Literaturhinweis zu ergänzen.

[4] Vgl. Johannes Engels: Augusteische Oikumenegeographie und Universalhistorie im Werk Strabons von Amaseia (=Geographica Historica, Bd. 12), Stuttgart 1999, mit ausführlichen Hinweisen auch zu den Werken des Nikolaos von Damaskos, Diodor, Poseidonios und Pompeius Trogus.

Johannes Engels