Rezension über:

Bettina Effner / Helge Heidemeyer (Hgg.): Flucht im geteilten Deutschland. Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2005, 208 S., 102 teilw. farb. Abb., ISBN 978-3-89809-065-0, EUR 19,90
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Marion Detjen: Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989, München: Siedler 2005, 476 S., ISBN 978-3-88680-834-2, 24,90
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Rezension von:
Hermann Wentker
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Hermann Wentker: Flucht und Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989 (Rezension), in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/9731.html


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Flucht und Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989

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Eine der wichtigsten Klammern zwischen West- und Ostdeutschland stellte die Abwanderung von Deutschen aus der DDR in die Bundesrepublik sowie eine sehr viel geringer dimensionierte Wanderungsbewegung in östlicher Richtung dar. Die Bedeutung von Flucht und Ausreise spiegelt sich auch in der historischen Forschung wider, die in den letzten Jahren zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema hervorgebracht hat. In diese Arbeiten einzuordnen ist auch der von Bettina Effner und Helge Heidemeyer herausgegebene Aufsatzband, der im Zusammenhang mit der Eröffnung der Dauerausstellung im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde 2005 erschienen ist. Die Herausgeber waren gut beraten, keinen Ausstellungskatalog, sondern einen für eine breitere Öffentlichkeit gedachten, bebilderten Sammelband zu dem Thema "Flucht im geteilten Deutschland" vorzulegen, der den Forschungsstand widerspiegelt und zum Teil transzendiert.

Eine "Zuwanderungsstatistik" aus der DDR zwischen 1949 und 1990 verdeutlicht die Dimensionen des Fluchtgeschehens: Insgesamt kamen in dieser Zeit fast 5 Mio. Menschen aus der DDR (einschließlich Ost-Berlins) in die Bundesrepublik. Wünschenswert wäre es gewesen, wenigstens dort, wo sie vorliegen, neben den "Zuwandererzahlen" auch die "Abwandererzahlen", die DDR-intern registriert wurden, mit aufzunehmen. Die Interpretation des Auf und Ab der Zahlen ist durchweg plausibel; die Genehmigung von etwa 30.000 Ausreiseanträgen 1984 ist indes nicht nur auf den Versuch Ost-Berlins zurückzuführen, innenpolitischen Druck abzubauen, sondern stellte auch eine der Gegenleistungen der DDR für den Milliardenkredit von 1983 dar.

Ein Überblicksaufsatz von Gerhard A. Ritter ordnet zu Beginn die Fluchtbewegungen der Fünfzigerjahre und von 1989 in die deutsch-deutsche Politik- und Wirtschaftsgeschichte ein und hebt zu Recht hervor, dass der Flüchtlingsstrom 1989/90 zu einem Katalysator sowohl des Untergangs der DDR als auch des deutschen Einigungsprozesses wurde.

Weitere Beiträge gruppieren sich zunächst um den Themenkomplex "Flucht aus der DDR". Hier analysiert Henrik Bispinck kompetent die Gründe für das Verlassen des ostdeutschen Staates und kommt zu dem Ergebnis, dass "die Mehrheit der Fluchtmotive [...] direkt oder indirekt mit dem politischen System der DDR und seinen Auswirkungen auf die Bevölkerung" zusammenhing (64). Mit den Wegen in den Westen befasst sich Christine Brecht, die die Flucht vor und nach dem Mauerbau, die legale Ausreise sowie den Freikauf politischer Häftlinge thematisiert.

Der zweite Komplex behandelt die Integration bzw. Nicht-Integration von DDR-Flüchtlingen in der Bundesrepublik. Während in den Fünfzigerjahren die größten Probleme in der Versorgung und Unterbringung der neuen Bundesbürger bestanden, bereiteten Christine Brecht zufolge in den späteren Jahrzehnten vor allem die mentalen Unterschiede, die sich auf Grund der Auseinanderentwicklung der beiden deutschen Teilgesellschaften ergaben, die meisten Schwierigkeiten. Doch nicht immer waren die Eingliederungsversuche in die westdeutsche Gesellschaft erfolgreich. Eine ganze Reihe von DDR-Flüchtlingen trat daher wieder den Weg in die Heimat an: Unter den West-Ost-Migranten waren, wie Cornelia Röhlke schreibt, immerhin zwei Drittel ehemalige DDR-Bürger.

Der dritte Komplex ist Marienfelde selbst gewidmet. Hier geht es, erstens, um die Entstehung des Notaufnahmelagers und um das Leben im Lager von 1953 bis 1990 (Katja Augustin) und, zweitens, um das Notaufnahmeverfahren nach dem Notaufnahmegesetz vom 22. August 1950 sowie der Durchführungsverordnung vom 11. Juni 1951 (Elke Kimmel). Darin kommt auch ein Konflikt zwischen der Alliierten Sichtungsstelle, die in Berlin die Flüchtlinge als Erste befragte, um Informationen über die inneren Verhältnisse der DDR zu erhalten und möglicherweise Spione anzuwerben, und den bundesdeutschen Stellen zur Sprache. Letztere fühlten sich zurückgesetzt und verwiesen darauf, dass die Arbeit der Alliierten Sichtungsstelle für die in der DDR zurückgebliebenen Angehörigen von Flüchtlingen zur Gefahr werden konnte. Dies hing, drittens, damit zusammen, dass das Notaufnahmelager seit seiner Gründung ein Feindobjekt im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) darstellte (Burghard Ciesla). Das MfS konnte dort sogar einen wichtigen Spitzel anwerben: Es handelte sich um Götz Schlicht, der die Beratungsstelle des "Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen" im Notaufnahmelager leitete und zwischen März 1958 und August 1961 die Identität von mindestens 650 Besuchern an das MfS weiter meldete.

Dem Band, der mit einem Beitrag zu Flucht und Ausreise im Spiegel der Kunst (Doris Müller-Toovey) abschließt, kommt zugute, dass die Verfasser der Aufsätze nicht nur die schriftlichen Quellen auswerten, sondern auch die in der Gedenkstätte zur Verfügung stehenden Zeitzeugeninterviews von Flüchtlingen benutzt haben. Durch den wiederholten Verweis auf individuelle Schicksale wird deutlich, dass es sich bei der Fluchtbewegung um ein politisches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Problem handelte, das ein von Person zu Person höchst unterschiedliches Gepräge haben konnte. Insgesamt haben Effner und Heidemeyer einen gelungenen, im besten Sinne populären Sammelband vorgelegt.

Die DDR konnte der Massenflucht nicht anders Herr werden, als 1961 das einzige noch verbliebene Schlupfloch Berlin zu schließen. Nun schlug die Stunde der Fluchthelfer: Denn in dem Maße, in dem die DDR die Abriegelung ihres Staates perfektionierte, musste jenen, die in den Westen fliehen wollten, mit zunehmend professionalisierter Hilfe unter die Arme gegriffen werden. Eine umfassende Geschichte der Fluchthilfe bietet jetzt die aus einer Dissertation hervorgegangene Darstellung von Marion Detjen. Das Buch beruht zum großen Teil auf MfS-Akten, weniger auf westdeutschem Archivmaterial - etwa Protokollen von Flüchtlingsbefragungen in den Notaufnahmelagern und westdeutschen Gerichtsakten - und der Presseberichterstattung. Hinzu kommen von der Autorin selbst durchgeführte Zeitzeugeninterviews; außerdem hat sie Fluchthelfer-Interviews ausfindig gemacht, die Uwe Johnson bereits 1964/65 aufzeichnete. Da das Fluchthilfe-Thema auch in den deutsch-deutschen Verhandlungen über das Transitabkommen von 1971 eine wesentliche Rolle spielte, hätte sie zusätzlich auch auf die einschlägigen Bände der "Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland" zurückgreifen müssen.

Detjen thematisiert die unterschiedlichen, sich nach 1961 herausbildenden Fluchthilfegruppen, ihre Motive sowie die abenteuerlichen Fluchtwege: Schleusungen mit gefälschten Passierscheinen, Personalausweisen und Reisepässen, Untertunnelung der Sektorengrenze, Fluchtaktionen durch die Kanalisation, Einsatz von Kraftfahrzeugen mit Verstecken im grenzüberschreitenden Verkehr, Nutzung von Diplomaten-Privilegien im Transit sind nur einige der durchweg quellennah beschriebenen Methoden.

Die Fluchthilfe machte in mehrfacher Hinsicht eine Entwicklung durch. Unmittelbar nach dem Mauerbau wurde sie vor allem von Studenten getragen, die aus Idealismus handelten: Sie wollten aktive Solidarität mit den Eingeschlossenen zeigen und der DDR schaden. Doch die zunehmende Professionalisierung der Fluchthilfe forderte ihren Preis. Die Fluchthelfer mussten nicht nur sich selbst, sondern auch die immer kompliziertere und aufwändigere Fluchthilfe finanzieren. Zum einen nutzten sie dazu die Illustrierten und Magazine, denen sie ihre Bilder und Geschichten verkauften; zum anderen gingen sie dazu über, Honorare von den Flüchtlingen zu verlangen. Ab dem Frühjahr 1962 wurde die Fluchthilfe also mehr und mehr kommerzialisiert, bis sie ab 1965 Detjen zufolge von "Fluchthilfe-Geschäftsleuten" beherrscht war. Auch das erste Passierscheinabkommen (17. Dezember 1963) bildete eine Zäsur: Hatte der Berliner Senat zuvor öffentlich oder verdeckt Fluchthelfer unterstützt, gerieten diese nun in einen Gegensatz zu dessen Bemühungen, durch Verhandlungen die Mauer durchlässiger zu machen. Der Senat forderte diese daher auf, Fluchthilfeaktionen im Rahmen der Besucherregelungen zu unterlassen, um nicht "das Ganze kaputtzumachen" (245). 1963 wurden zudem die Netzwerkstrukturen der Fluchthilfe auf Grund zahlreicher Fehlschläge, Todesfälle und Verhaftungen zerstört, und ein Konzentrationsprozess setzte ein. In den Siebzigerjahren erhielt die Fluchthilfe mit dem Transitabkommen von 1971 zeitweise Auftrieb, und politisch motivierte Fluchthelfer - oft ehemalige DDR-Häftlinge - betraten wieder die Szene. Auf Grund der massiven Gegenmaßnahmen des MfS hielten sich deren Erfolge indes in Grenzen. Als 1984 das SED-Regime über 30.000 Bürgern die legale Ausreise gestattete und auch danach Reisen in die Bundesrepublik erleichterte, wurde den Fluchthelfern die Geschäftsgrundlage entzogen.

Mindestens genauso wichtig wie die Geschichte der Fluchthilfe selbst ist der von Detjen eingehend analysierte Umgang damit in beiden deutschen Staaten. Hier stehen aufseiten der DDR vor allem das MfS und seine Methoden im Mittelpunkt. Die Fluchthilfe wurde vom Staatssicherheitsdienst von Anfang an bekämpft und als "organisierter Menschenhandel" kriminalisiert. 1961/62 verhängten DDR-Gerichte zum Teil drakonische Strafen, die ihren Abschreckungszweck aber nur zum Teil erfüllten. Bis 1969 wurden im Westen 977 verurteilte Fluchthelfer gezählt. Freilich änderte sich in der DDR die Taktik: Ab Mitte der Sechzigerjahre griff sie zu weniger rigorosen Maßnahmen, da sie hoffte, "die Bundesrepublik bei der Verfolgung der Fluchthilfe vor den eigenen Karren" spannen zu können (315). Mit dem Transitabkommen ging das Regime jedoch wieder zu einer schärferen Gangart über; außerdem gelang es dem MfS, alle Fluchthilfeorganisationen mit Informellen Mitarbeitern zu durchsetzen.

In der Bundesrepublik wurden die Fluchthelfer zunächst nicht nur unterstützt, sondern sogar als Helden gefeiert. Mit der Kommerzialisierung der Fluchthilfe gerieten sie jedoch in die Nähe des Unmoralischen. Auf Grund der gleichzeitig einsetzenden Entspannungspolitik wurden die Fluchthelfer zu Störenfrieden, die an dem weitgehend anerkannten, prekären Status quo rührten. Unter diesen Bedingungen konnte die Propaganda der DDR auch in der Bundesrepublik Erfolge feiern: Denn das Bild des Fluchthelfers entsprach Ende der Siebziger "weitgehend der Karikatur des 'staatsfeindlichen Menschenhandels', wie sie die DDR seit 1963 [...] verbreitete" (341). Auch in Westdeutschland wurden nach 1971 Prozesse gegen Fluchthelfer angestrengt wegen der mit der Fluchthilfe verbundenen Straftaten (vor allem Urkundendelikten). Verurteilt wurden nur wenige, die meisten Prozesse endeten mit Freisprüchen, und über 90 Prozent der Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Gleichwohl wird daran deutlich, dass sich auch im westdeutschen Rechtsstaat die Justiz dem öffentlichen Paradigmenwechsel, dem das Phänomen Fluchthilfe unterlag, nicht entziehen konnte.

Am Ende ihrer gelungenen Darstellung plädiert Detjen dafür, Fluchthilfe als eine Form des Widerstands gegen die SED-Diktatur zu begreifen. Zu Recht setzt sie bei der Motivation der Fluchthelfer an, geht aber zu weit, wenn sie unterstellt, alle von ihnen hätten der DDR Schaden zufügen wollen, und daran anschließt: "Eine wie auch immer ausgeprägte politische Widerstandsmotivation kann man kaum einem der Fluchthelfer absprechen." (349) Ihr ist zwar insofern zuzustimmen, als eine kommerzielle eine politische Zielsetzung nicht ausschloss: Doch ist es notwendig, in jedem Einzelfall sorgsam abzuwägen, um abschließend festzustellen, welche Absicht ausschlaggebend war.

Hermann Wentker