Rezension über:

Daniel Logemann: Das polnische Fenster. Deutsch-polnische Kontakte im staatssozialistischen Alltag Leipzigs 1972-1989 (= Europas Osten im 20. Jahrhundert. Schriften des Imre Kertész Kollegs Jena; Bd. 2), München: Oldenbourg 2012, 372 S., ISBN 978-3-486-71303-9, EUR 49,80
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Rezension von:
Hermann Wentker
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Hermann Wentker: Rezension von: Daniel Logemann: Das polnische Fenster. Deutsch-polnische Kontakte im staatssozialistischen Alltag Leipzigs 1972-1989, München: Oldenbourg 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 3 [15.03.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/03/22406.html


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Daniel Logemann: Das polnische Fenster

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Nachdem die staatlichen Beziehungen zwischen Polen und der DDR inzwischen relativ gut erforscht sind, wendet sich die neueste Forschung verstärkt den Kontakten der beiden Gesellschaften zu. Auch Daniel Logemann leistet dazu einen Beitrag, indem er in seiner Dissertation "die ostdeutsch-volkspolnischen Verflechtungen auf der Leipziger Mikroebene untersucht" (3). Er konzentriert sich auf eine "deutsch-polnische Alltagsgeschichte der zwischenmenschlichen Kontakte" und betritt damit in der Tat "weitgehend Neuland" (14). Seine Arbeit beruht vor allem auf Akten aus dem Sächsischen Staatsarchiv Leipzig, der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen im Bundesarchiv, dem Archiv der BStU, dem polnischen Staatsarchiv (AAN) und dem Archiv des polnischen Außenministeriums. Darüber hinaus hat er Interviews geführt und literarische Reiseberichte genutzt. Der Untersuchungszeitraum ist insofern günstig gewählt, als ab der Einführung des visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen 1972 die Kontakte zwischen Ostdeutschen und Polen einen ungeahnten Aufschwung nahmen. Diese gingen mit Schließung der Grenze im Oktober 1980 zwar wieder spürbar zurück - aber gerade dadurch wird die Relevanz der unterschiedlichen Rahmenbedingungen für die deutsch-polnische Alltagsgeschichte deutlich.

Logemanns Interesse gilt zunächst den Kontakten deutscher und polnischer Funktionäre, die sich ja nicht im Offiziellen erschöpften, sondern auch ins Private reichten. Des Weiteren geht es um polnische Vertragsarbeiter, die lediglich den Arbeitsalltag mit ihren ostdeutschen Kollegen teilten, aber kaum ihre Freizeit zusammen mit Leipzigern verbrachten. Den polnischen Studenten ging es ähnlich, doch waren sie insgesamt etwas besser integriert. Eine wichtige Rolle für das deutsch-polnische Leben in Leipzig spielte das Polnische Informations- und Kulturzentrum (PIKZ), das 1969 eröffnet wurde und vor allem ein propagandistisches Informationsprogramm bot. Allerdings entfaltete es seine Wirkungen auch jenseits der Propaganda als Ort, wo Leipziger und Polen aufeinandertreffen und diese Kontakte "eigen-sinnig" nutzen konnten. Ferner macht Logemann auch einzelne Polen-affine Leipziger aus, die sich teils aus persönlichem Interesse, teils aus persönlichen Bindungen über Freundschaften oder Hochzeiten vom Nachbarland kulturell angezogen fühlten. Schließlich widmet er sich dem Tourismus und dem Schleichhandel. Gerade bei den Reisen der Leipziger ins Nachbarland machte sich die Zäsur von 1980 schmerzhaft bemerkbar: Waren nach 1972 die Zahlen der ostdeutschen und polnischen Individualtouristen in ungeahnte Höhen emporgeschnellt, gingen diese nach der Grenzschließung schlagartig zurück, und die Ostdeutschen konnten nun nur noch in Reisegruppen das Nachbarland besuchen. Polen waren seit 1972 vor allem als Einkaufstouristen in die DDR und nach Leipzig gekommen, wo sie mit den Einheimischen um die knappen Güter des täglichen Bedarfs konkurrierten. Freilich kam es hier auch im Rahmen des Schleichhandels, bei dem es darum ging, von Angebotslücken in beiden Ländern und verschiedenen Preisniveaus zu profitieren, zu kriminellen Kontakten zwischen Ostdeutschen und Polen.

Deutlich wird, dass Ostdeutsche und Polen oftmals offizielle Kontakte, die politisch-ideologisch motiviert waren, ins Private wendeten und für eigene Zwecke umdeuteten. Der Begriff des "Eigen-Sinns" wird daher von Logemann zu Recht immer wieder benutzt. Doch er bleibt dabei nicht stehen, sondern fragt überdies, ob sich infolge der Zunahme dieser Verbindungen auch die beiden Gesellschaften einander annäherten. Diese Frage wird differenziert beantwortet: Die ostdeutschen Individualtouristen in Polen etwa waren relativ offen gegenüber der polnischen Gesellschaft, und für die polonophilen Kreise in Leipzig hätten ihre Kontakte zu Polen geradezu "einen Fluchtpunkt" geboten. (172) Die Gruppenreisen nach 1980 verhinderten hingegen das Entstehen von Nähe und Privatheit: Nicht ideologische Integration, sondern "die Konfrontation sehr verschiedener politischer Kulturen" war oftmals das Ergebnis. (259) In diesen Zusammenhang gehört auch die plausible These, dass die antipolnischen Stimmungen und Vorurteile bei den Ostdeutschen trotz - oder vielleicht gerade wegen - der engeren Kontakte blieben und zum Teil sogar verstärkt wurden. Vor allem der polnische Einkaufstourismus und der Schleichhandel beförderten solche Stereotype, da dadurch die ohnehin knappen Güter auf dem ostdeutschen Markt noch knapper zu werden drohten. Hier gab es außerdem weitgehende Übereinstimmungen zwischen den Wahrnehmungen der Staatssicherheit und der "Normalbürger". Logemann thematisiert auch, dass die DDR über ihr Sicherheitsorgan vor allem diese privaten Kontakte möglichst eng begrenzen und kontrollieren wollte, was nur ansatzweise gelang: So konnte das MfS weder das PIKZ effektiv unterwandern, noch bekam es den Schleichhandel in den Griff. Allerdings war der Staatssicherheitsdienst in den privaten deutsch-polnischen Kontakträumen stets präsent.

Trotz dieser durchaus weiterführenden Ergebnisse lassen sich vor allem drei Kritikpunkte anbringen. Erstens werden die politischen Rahmenbedingungen nur unzureichend dargestellt. Die Grenzöffnung von 1972 war eine politische Entscheidung, über deren Hintergründe so gut wie nichts gesagt wird: Dass damit Warschau und Ost-Berlin "auf inneren und äußeren Druck" reagiert hätten (48), ist eine zu einfache und missverständliche Erklärung. Sie stand unter anderem im Zusammenhang mit einer wesentlichen Verbesserung der politischen Beziehungen beider Staaten, was für die Zulassung größerer individueller Freiheiten im Reiseverkehr von entscheidender Bedeutung war. Umgekehrt war es fast ausschließlich die Furcht vor dem polnischen Solidarność-Bazillus, die die DDR dazu bewog, im Oktober 1980 die Grenze zu schließen. Logemann erwähnt dies zwar an einer Stelle, macht ansonsten aber immer wieder wirtschaftliche Gründe dafür geltend, ohne entsprechende Belege anführen zu können. Dass zahlreiche Ostdeutsche die Grenzschließung begrüßten, da sie nun die polnische Konkurrenz weniger fürchten mussten, trifft sicher zu, hat aber mit dem Motiv der Grenzschließung nichts zu tun. Doch werden nicht nur die größeren politischen Zusammenhänge vernachlässigt, sondern auch die kleineren: So hätte man gern mehr über die Hintergründe für die Eröffnung des PIKZ in Leipzig erfahren und etwas mehr über die polnische auswärtige Kulturpolitik gegenüber der DDR, in die ein solches Unternehmen ja eingebettet werden musste.

Zweitens bleibt vieles in der Studie im Ungefähren. Das bezieht sich vor allem auf Zahlenangaben, die für die Beurteilung der Intensität gesellschaftlicher Kontakte unerlässlich sind. So schreibt Logemann zwar, dass 1980 101 polnische Studenten in Leipzig studierten; über die Anzahl der Vertragsarbeiter hingegen erfahren wir nichts. Die Touristenzahlen - nicht nur auf lokaler Ebene - wären ebenfalls von Interesse gewesen. Genannt werden aber nur die Zahlen aus dem Jahr 1972, um dann zu schreiben, dass zwischen 1972 und 1980 "ca. 100 Millionen Menschen aus der DDR und Volkspolen ins jeweilige Nachbarland" reisten (49). Wie konnte das bei 17 Millionen Ostdeutschen und 38 Millionen Polen gehen? Außerdem wären einige Präzisierungen auch bei bestimmten Personen von Interesse gewesen: So erfährt man zwar, dass der erste Leiter des PIKZ kein Deutsch konnte, er bleibt jedoch genauso namen- und gesichtslos wie seine Nachfolger.

Drittens ergibt sich aus der Anlage der Studie, in der fast ausschließlich die Kontakte zwischen Ostdeutschen und Polen in Leipzig untersucht werden, eine gewisse Schieflage. Denn dadurch entsteht der Eindruck, als ob nur ostdeutsche Behörden und die ostdeutsche Gesellschaft bei ihren antipolnischen Vorurteilen und Stereotypen verharrt hätten. Inwieweit auch die polnische Seite gegenüber den Deutschen aus dem sozialistischen Bruderland ihre antideutschen Stereotypen weiter pflegte, diese Frage wird kaum gestellt, geschweige denn beantwortet. Dabei wäre auch dies auf regionaler Ebene zu untersuchen gewesen: Denn Krakau war die Partnerwojewodschaft des Bezirks Leipzig.

Hermann Wentker