Rezension über:

Andrea Ajzensztejn: Die jüdische Gemeinschaft in Königsberg. Von der Niederlassung bis zur rechtlichen Gleichstellung (= Hamburger Beiträge zur Geschichte des östlichen Europa; Bd. 10), Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2004, 378 S., ISBN 978-3-8300-1350-1, EUR 98,00
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Rezension von:
Ulrich Wyrwa
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Wyrwa: Rezension von: Andrea Ajzensztejn: Die jüdische Gemeinschaft in Königsberg. Von der Niederlassung bis zur rechtlichen Gleichstellung, Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/10/9459.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Andrea Ajzensztejn: Die jüdische Gemeinschaft in Königsberg

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Lokalgeschichten stellten bereits im 19. Jahrhundert innerhalb der jüdischen Geschichtsschreibung ein beliebtes Genre dar, und mit dem aktuellen Anstieg des Interesses an der jüdischen Geschichte hat auch die Zahl der Darstellung einzelner jüdischer Gemeindegeschichten zugenommen. Waren diese zunächst auf die Zeit der Verfolgung und Ermordung der Juden im Nationalsozialismus gerichtet, so hat sich die spätere lokalgeschichtliche Forschung immer stärker dem Zeitalter der Emanzipation zugewandt. In diesen Kontext gehört die Dissertation von Andrea Ajzensztejn über die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Königsberg, die sich auf die Zeit vom 18. Jahrhundert bis zur rechtlichen Gleichstellung der Juden im Norddeutschen Bund konzentriert. Der jüdischen Gemeinde von Königsberg kommt in diesem Zeitraum nicht zuletzt deshalb besondere Bedeutung zu, weil die Königsberger Juden zu den "Pionieren der Aufklärung" gehörten.

Ajzensztejn geht zunächst bis zur ersten Niederlassung von Juden in Königsberg im 17. Jahrhundert zurück, skizziert Rechtslage, demografische Entwicklung und interne Struktur der jüdischen Gemeinde und beleuchtet auch die wirtschaftliche Tätigkeit der Königsberger Juden im 18. Jahrhundert. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie der Universität Königsberg, wobei sie zugleich das Verhältnis von Immanuel Kant zu Juden, insbesondere zu seinen jüdischen Studenten, und zum Judentum im Allgemeinen schildert. Der jüdischen Aufklärungsbewegung und der Zeitschrift "Hameassef" geht sie ebenso nach wie der orthodoxen Gegenbewegung zu den ersten Reformversuchen innerhalb der jüdischen Gemeinde der Stadt. Schließlich zeigt sie den Wandel des Familienlebens und der Stellung der Frauen innerhalb des jüdischen Alltags auf.

Nach diesem ersten, bis zum preußischen Emanzipationsedikt von 1812 reichenden Abschnitt widmet sich die Autorin im zweiten Teil ihrer Arbeit der Entwicklung vom Wiener Kongress bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes, wobei sie neben den im ersten Teil bereits behandelten Aspekten 'Demografie und innere Struktur der Gemeinde', 'wirtschaftliche Tätigkeit der jüdischen Bevölkerung', 'Universität', 'Orthodoxie und Reform' auch die politische Entwicklung in Königsberg und das politische Engagement Königsberger Juden sowie die Judenfeindschaft der christlichen Bevölkerung in ihre Darstellung einbezieht. Letztere setzte bereits unmittelbar nach den Preußischen Emanzipationsedikten mit den Hep-Hep-Unruhen von 1819 ein, die jedoch in Königsberg vergleichsweise glimpflich verliefen. Wenig Verständnis für das historische Geschehen zeigt Ajzensztejn indes in ihrer Darstellung der Revolution von 1848. Deren Bedeutung für die jüdische Geschichte wird sie kaum gerecht, wenn sie die Ereignisse als "tumultartige Straßenszenen und Ausschreitungen" schildert und hervorhebt, dass Königsberg "in den Revolutionswirren hinter den Gewalttaten in Berlin und anderen Städten" zurückblieb. Zu Recht hingegen hebt sie die Bedeutung des Königsberger Liberalen Johann Jacoby hervor, der nicht nur vor der Revolution eine zentrale Figur des politischen Lebens und der liberalen Bewegung der Stadt war, sondern auch an der neuen demokratischen Nationalbewegung am Ende der 1850er-Jahre entscheidenden Anteil hatte und in den späteren Jahren der Sozialdemokratie beitrat. Ob dieser Schritt mit der Formulierung: "Er war besessen von seiner Forderung nach absoluter Gerechtigkeit" angemessen beschrieben ist, erscheint jedoch fraglich.

Die Besonderheit der jüdischen Geschichte Königsbergs, dies zeigt die Studie, liegt einerseits darin, dass die Stadt ein "geographischer Schnittpunkt zwischen Osten und Westen" war, und dass andererseits die jüdischen Reformer der ostpreußischen Residenzstadt zu "Vorkämpfern" im Emanzipationsprozess wurden. Nach dem preußischen Emanzipationsedikt von 1812 verlagerte sich die Aktivität, so Ajzensztejn, auf die innerjüdischen Debatten zwischen Reform und Orthodoxie, die hier zur Abspaltung letzterer von der jüdischen Mehrheitsgemeinde führten. Die zahlreichen Überschneidungen zwischen beiden Gruppen treten dabei jedoch ebenso in den Hintergrund wie die Umwälzungen innerhalb des treffender als 'neoorthodox' zu bezeichnenden Lagers. Weniger Beachtung hat die Autorin den sozialen Beziehungen von Juden und Nicht-Juden im städtischen Leben geschenkt, sodass ihr Schlusssatz, beide Kreise seien meistens unter sich geblieben und es habe sich auch in Königsberg eine "deutsch-jüdische Subkultur", wie sie in Anlehnung an David Sorkin schreibt, herausgebildet, nicht unproblematisch erscheint.

Ajzensztejn geht zwar in ihrer Arbeit auf die grundlegenden konzeptionellen Fragen und methodologischen Probleme, welche die Entwicklung der jüdischen Geschichte im Zeitalter der Emanzipation für die Forschung aufwirft, nicht ein, doch handelt es sich bei ihrer Studie gleichwohl um eine solide Darstellung der inneren Geschichte einer jüdischen Gemeinde.

Ulrich Wyrwa