Rezension über:

Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte; Bd. 40), Hamburg: Christians 2003, 600 S., ISBN 978-3-7672-1429-3, EUR 34,80
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Rezension von:
Ulrich Wyrwa
Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Stellungnahmen zu dieser Rezension:
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Wyrwa: Rezension von: Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg: Christians 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 2 [15.02.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/02/8015.html


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Rainer Hering: Konstruierte Nation

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Am Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich in Europa ein neuer Begriff von Nation durch und es entstand eine neue nationale Bewegung, in deren Umfeld der programmatische Begriff Nationalismus geprägt wurde. Der Unterschied zu den früheren Nationalbewegungen in Europa lag nicht so sehr darin, dass diese weniger aggressiv und kriegerisch gewesen wären - auch die frühe Nationalbewegung definierte sich in erster Linie durch nationale Feindbilder -, der Unterschied bestand vor allem darin, dass die Nation anders gedacht und das Denken in nationalen Kategorien absolut gesetzt wurde. Es bildete sich ein neuer integraler Nationalismus aus, der die Nation zu einem Subjekt der Geschichte erklärte.

In Deutschland ist dieser neue Begriff von Nation vor allem vom Alldeutschen Verband propagiert worden. Nach der vor zwanzig Jahren vorgelegten kulturhistorischen Studie über die Entstehung und Entwicklung dieses Verbandes von 1890 bis 1914 von Roger Chickering hat nun Rainer Hering eine neue Gesamtdarstellung der Geschichte des Alldeutschen Verbandes vorgelegt, die auch die Radikalisierung der alldeutschen Bewegung mit dem Ersten Weltkrieg erfasst und bis zur Auflösung im Jahr 1939 reicht.

Zunächst gibt Hering einen umfangreichen Überblick über die in den 1980er-Jahren einsetzende neuere Nationalismusforschung, die er unter der Überschrift 'Zur Konstruktion einer deutschen Nation' bündelt. Anschließend skizziert Hering die politischen Verbände im Deutschen Kaiserreich, wobei er neben den Agitationsverbänden auch die Interessenverbände in die Darstellung einbezieht. Wenig plausibel bleibt dabei jedoch, dass Hering, der den Alldeutschen Verband treffend immer wieder als einen Agitationsverband charakterisiert, darauf insistiert, ihn auch als Interessenverband zu klassifizieren (91).

Ausführlich wird die Geschichte von der Gründung des Allgemeinen Deutschen Verbandes im Jahr 1890 über die nach einer inneren Krise erfolgte Umbenennung in Alldeutscher Verband im Jahr 1894 bis hin zur Auflösung im Jahr 1939 beschrieben. Seine Vorläufer liegen in den kolonialpolitischen Vereinen der späten 1870er-Jahre, und die Empörung in weiten Teilen der Öffentlichkeit über den Helgoland-Sansibar Vertrag des Deutschen Reiches mit Großbritannien war die Geburtsstunde des Allgemeinen Deutschen Verbandes. Ziel der Vereinsgründung war es, die deutsche Vormachtstellung in der Welt zu erlangen und sich auf einen neuen Weltkrieg vorzubereiten. Innerhalb von zwei Jahren konnte der Verband mit diesem Programm gut 20.000 Mitglieder rekrutieren. Kurz nach der Jahrhundertwende erfuhr der Verband eine erste programmatische Radikalisierung, die dann ab 1908 unter dem neuen Vorsitzenden Heinrich Claß noch einmal verschärft wurde. Der Verband begriff sich immer mehr als eine nationale Opposition gegen die Regierung des Deutschen Reiches. Im August 1914 begrüßte er mit großer Begeisterung den Krieg, und durch die Niederlage des Deutschen Reiches erfuhr seine Radikalisierung einen neuen Schub. Der Kampf gegen die Republik wurde nun zum zentralen Anliegen der alldeutschen Agitation. Zum Ausdruck kam der neue Fanatismus des Verbandes auch darin, dass er nun offen eine antisemitische Politik einschlug und einen völkischen Nationsbegriff entwickelte. Der Verband war, wie Hering treffend formuliert, "das verbindende Element zwischen dem extremen Nationalismus des Wilhelminismus und den neuen völkisch-radikalen Organisationen der Weimarer Republik" (152). Er erreichte mit seiner antidemokratischen und antisemitischen Sprache Bevölkerungsschichten, zu denen die NSDAP keinen Zugang hatte.

Auch wenn die NS-Regierung viele Forderungen des Verbandes umsetzte, blieb das Verhältnis zwischen ihnen gespannt. Die Alldeutschen wurden nach Hering ein Opfer ihrer eigenen Forderung nach einer völkischen Diktatur. Da vor allem seit dem Ersten Weltkrieg der Antisemitismus ein zentrales Element der alldeutschen Propaganda darstellte, widmet Hering diesem Thema ein eigenes Kapitel, in dem er zeigen kann, dass die Judenfeindschaft zunächst kein konstitutives Element der Verbandsideologie gewesen ist. Es gab zwar früh Versuche, den Verband auf eine antisemitische Linie zu bringen, durchsetzen konnten sich die Antisemiten innerhalb der alldeutschen Bewegung damit zunächst nicht. Schon in den 1890er-Jahren wurde jedoch rassistisches Denken immer stärker propagiert, was sich nach 1908 verstärkte nachdem der Antisemit Heinrich Claß zum Vorsitzenden gewählt worden war. Seine antisemitischen Schriften publizierte Claß zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht unter seinem Namen - ein Aspekt, der durchaus noch stärker hätte ausgeleuchtet werden können.

Um die Agitation des Verbandes 'vor Ort' und die konkrete politische Praxis der Aktivitäten zu erfassen, schildert Hering die Entstehung und Entwicklung der Hamburger Ortsgruppe, der zweitgrößten nach Berlin. Er zeigt, dass der Verband eher eine Honoratiorenorganisation war, in der sich vor allem Akademiker engagierten. In dem umfangreichsten fünften und letzten Kapitel - "Die Konstruktion einer alldeutschen Nation" - skizziert Hering zunächst die Haltung des Verbandes zur Frage der Wahlrechtsreform im Kaiserreich, daraufhin schildert er die neue politische Ideologie nach dem Ersten Weltkrieg, der eine "einschneidende Zäsur in der Geschichte des Verbandes" darstellte (344). Aus der Opposition im Staat wurde die Opposition gegen den Staat, und die Propaganda entwickelte Konzepte darüber, wie ein völkischer Staat auszusehen habe. Schließlich umreißt Hering die Geschlechterbilder: Frauen waren von der Politik ausgeschlossen, sie galten lediglich als Mitkämpferinnen ihrer Männer. Hering weist insbesondere auf Mathilde Claß hin, die Frau des Vorsitzenden, welche die Alldeutschen Blätter redigierte, aber auch - dies mag hier hinzugefügt werden - entscheidend an der Deutschen Geschichte, die Heinrich Claß unter dem Pseudonym Einhart veröffentlichte, mitarbeitete. Im letzten Abschnitt schildert Hering schließlich das Verhältnis des Verbandes zu den politischen Parteien, wobei er zunächst die Ideologie der Überparteilichkeit als bestimmendes Element der politischen Rechten im Kaiserreich und in der Weimarer Republik herausarbeitet.

Insgesamt bietet Herings Monografie eine umfassende Geschichte des Alldeutschen Verbandes bis zu seiner Auflösung 1939. Gleichwohl seien abschließend einige problematische Aspekte benannt. Zunächst erscheint der Begriff der "Konstruktion" überdehnt. Dass Nationen keine natürlichen Gebilde, sondern Artefakte, vorgestellte politischen Gemeinschaften sind, ist mittlerweile zu einem Gemeinplatz nicht nur der Nationalismusforschung geworden. Die Formel von der Erfindung oder der Konstruktion der Nation hat sich mittlerweile so ubiquitär verbreitet, dass Dieter Langewiesche etwa kürzlich angemahnt hat, sie vorsichtiger zu gebrauchen. [1]

Angesichts des Gewichtes, das Hering auf dem Begriff der "Konstruktion der Nation" legt, ist es zweitens umso erstaunlicher, dass der grundlegende Wandel im Konzept der Nation, wie er sich im 19. Jahrhundert vollzogen hat und eingangs hier nur angedeutet werden konnte, eigentümlich blass bleibt. Auch hat Hering die inneren Brüche, die divergierenden Konzepte und die zwiespältigen Dynamiken der nationalistischen Argumente allzu schnell zu Gunsten einer kohärenten und in sich geschlossenen "Konstruktion der Nation" geglättet.

Drittens ist das äußerst problematische und widersprüchliche Verhältnis der österreichischen und der deutschen alldeutschen Bewegung unberücksichtigt geblieben.

Viertens hat Hering dem Engagement des Verbandes für die im Ausland lebenden Deutschen wenig Beachtung geschenkt. Dies ist nicht zuletzt deshalb erstaunlich, weil gerade darin das Spezifische des alldeutschen Nationsbegriffes fassbar wird.

Schließlich wäre fünftens kritisch anzumerken, dass der europäische Zusammenhang der neuen nationalistischen Ideologieentwicklung nicht einbezogen wurde. Die Entstehung dieser Form von nationalistischem Denken ist keine deutsche Besonderheit, und ein paar kurze Bemerkungen über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede etwa der deutschen, französischen und italienischen nationalistischen Bewegungen wären für das Verständnis des Alldeutschen Verbandes durchaus hilfreich.

Gleichwohl bietet die Studie eine materialreiche Gesamtdarstellung des Alldeutschen Verbandes, die zudem ein ungemein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis enthält und durch Personen-, Orts- und Organisationsregister vorbildlich erschlossen ist.


Anmerkung:

[1] Dieter Langewiesche: Was heißt 'Erfindung der Nation'? Nationalgeschichte als Artefakt - oder Geschichtsdeutung als Machtkampf, in: Historische Zeitschrift 277 (2003), 593-617, hier v. a. 601.

Ulrich Wyrwa