Rezension über:

Lothar Kolmer / Christian Rohr (Hgg.): Tassilo III. von Bayern. Macht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg: Friedrich Pustet 2005, 256 S., 26 Abb., ISBN 978-3-7917-1949-8, EUR 29,90
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Rezension von:
Philippe Depreux
Mission Historique Française en Allemagne, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Philippe Depreux: Rezension von: Lothar Kolmer / Christian Rohr (Hgg.): Tassilo III. von Bayern. Macht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert, Regensburg: Friedrich Pustet 2005, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 9 [15.09.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/09/7813.html


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Lothar Kolmer / Christian Rohr (Hgg.): Tassilo III. von Bayern

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Die Bedeutung Tassilos, des letzten, von Karl dem Großen abgesetzten Herzogs aus der Agilolfingerfamilie, ist nicht zu leugnen. Nach mehr als 1200 Jahren zeugt das an jedem 11. Dezember in der Stiftskirche Kremsmünster gefeierte Stifterrequiem von dem noch heute gepflegten Andenken an eine Figur der bayerischen Autonomie, die erstere der von Christian Lohmer dargestellten Erinnerungsformen ("Mythos Agilolfinger. Das Nachleben der Bayernherzöge in Mittelalter und Neuzeit"). Noch wichtiger ist das Schicksal Tassilos für die karolingische Geschichtsschreibung, denn die Darstellung seiner Beziehungen zu seinem Onkel und zu seinem Cousin, d. h. zu König Pippin und zu dessen Sohn, Karl dem Großen, steht sozusagen am Anfang der karolingischen Annalistik: Allem Anschein nach wurden die Annales regni Francorum in Zusammenhang mit seinem Prozess niedergeschrieben. Ist aber tatsächlich etwas Neues von der Analyse der narrativen Quellen zu erwarten? In seiner Einleitung zu diesem Buch, welches die Vorträge eines im Mai 2004 im Stift Mattsee gehaltenen Symposion vorstellt, zweifelt Lothar Kolmer daran, indem er auf die Problematik der geschichtlichen Kenntnis am Beispiel Tassilos eingeht. Dabei schwankt er zwischen zwei Erklärungsmustern: der Verfälschungstheorie von Matthias Becher und der von Johannes Fried jüngst aufgestellten Theorie der verzerrten Erinnerung ("Tassilo überschrieben").

Verfassungsgeschichtlich ist Tassilo ein sehr interessanter Fall, der allerdings große methodische Probleme aufwirft. Wenn es auch gerechtfertigt ist, an der Glaubwürdigkeit einer isoliert dastehenden Quelle oder Behauptung zu zweifeln, so ist es fraglich, ob man in Bezug auf eine so quellenarme Epoche dem römischen Rechtsprinzip "testis unus testis nullus" folgen darf. Matthias Becher, der von einem "Schauprozess" spricht, fasst die Thesen seiner Dissertation zusammen ("Zwischen Macht und Recht: Der Sturz Tassilos III. von Bayern 788"). Zwar erhielt Tassilos vasallische Bindung an den Frankenkönig erst in der Rückschau von 787/788 ihre Relevanz (51). Heißt das aber, dass die Darstellung in den Quellen tatsächlich verfälscht ist? Dabei geht es weniger darum, zu beurteilen, ob "Karls Handlungsweise [...] gerechtfertigt" war oder nicht (40), als nach den frühesten Spuren des Lehnswesen zu suchen. [1]

Neue Erkenntnisse zur Herrschaft Tassilos erbringt die Frage nach der Rolle Tassilos in Bayern und seinen Nachbarn gegenüber. Der Einfluss Tassilos außerhalb Bayerns wird von Walter Pohl deutlich relativiert ("Bayern und seine Nachbarn im 8. Jahrhundert"). Dagegen ist seine Wirkung auf die bayerische Kirche sehr stark gewesen, wovon z. B. die auf seinen Impuls hin erfolgten Kirchengründungen zeugen. Eine persönliche Gründung Tassilos wird in diesem Band von Heinz Dopsch untersucht: "Zur Gründung der Abtei Mattsee. Die erste Klosterstiftung Herzog Tassilos III.?" (er datiert die Gründung Mattsees um 760). Trotzdem lässt sich der Sturz dieses Inhabers einer "quasiköniglichen Dignität" (33) vor allem dadurch erklären, dass die geistlichen Würdenträger sich schließlich von ihm abkehrten. Nach Franz-Reiner Erkens lässt sich ihre Haltung damit rechtfertigen, dass es nach Pippins und Karls Salbung dem Bayernherzog nicht möglich war, sich als dauerhafter Rivale zu behaupten ("Summus princeps und dux quem rex ordinavit. Tassilo III. im Spannungsfeld von fürstlichem Selbstverständnis und königlichem Auftrag"). Wahrscheinlich spielt auch ein Generationswechsel eine entscheidende Rolle, wie Stephan Freund argumentiert: In den Achtzigerjahren starben einige mögliche Fürsprecher Tassilos am Karolingerhof ("Von Tassilo zu Karl dem Großen: Die Salzburger [Erz-]Bischöfe und die Reichspolitik").

Abgesehen von einem Beitrag zu einem Regensburger Domherr und Stiftspropst in Mattsee aus dem 15. Jahrhundert, der fehl am Platze zu sein scheint, sind die weiteren Aufsätze hauptsächlich als Einführungen zur bayerischen Quellenkunde des Frühmittelalters zu betrachten (vor allem der Beitrag von Fritz Lošek, der ein breites Panorama der Quellen bietet). Darf man aber tatsächlich von einem "Bildungssystem der Bayernherzöge" sprechen, wie Paul Dienstbier es tut (151)? Es ist zumindest sicher, dass Tassilos Absetzung eine Zäsur in der Arbeit der bayerischen Scriptoria bedeutete, deren Aktivität von Max Diesenberger (sich auf die Untersuchungen von Bernhard Bischoff stützend) nochmals betont wird. Am interessantesten ist aber der Hinweis des Autors auf die Veränderung von Handschriften nach der Machtübernahme Karls des Großen (und der Beschlagnahmung einiger der schönsten Exemplare).

Wie dieses Buch an ausgewählten Beispielen zeigt, ist die Geschichte Tassilos nicht nur faszinierend, sondern erlaubt auch neue Fragestellungen und Interpretationen, wie dies auch beim so genannten "Tassilokelch" von Kremsmünster der Fall ist, dessen Forschungsgeschichte von Renate Prochno dargestellt wird. Diese Veröffentlichung bringt wenig neue Ergebnisse, bietet aber viel Überlegungsstoff zum Thema der Machtausübung, deren Darstellung und Auswirkungen in den Quellen im Frühmittelalter.


Anmerkung:

[1] Darüber habe ich mich ausführlich in "Tassilon III et le roi des Francs - examen d'une vassalité controversée", in: Revue Historique, 293 (1995), 23-73 geäußert. Im November 2004 in Poitiers hat der Rechtshistoriker Olivier Guillot in seinem Referat anlässlich des Kolloquiums "Le monde carolingien: bilan, perspectives, champs de recherches" die These der Einsetzung der Vasallität für die höheren Amtsträger in der Zeit Karl Martells untermauert.

Philippe Depreux