Rezension über:

Daniel Eichler: Fränkische Reichsversammlungen unter Ludwig dem Frommen (= Monumenta Germaniae Historica. Studien und Texte; Bd. 45), Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2007, XXII + 124 S., ISBN 978-3-7752-5705-3, EUR 20,00
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Rezension von:
Philippe Depreux
Universität Limoges, Institut universitaire de France
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Philippe Depreux: Rezension von: Daniel Eichler: Fränkische Reichsversammlungen unter Ludwig dem Frommen, Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 7/8 [15.07.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/07/14076.html


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Daniel Eichler: Fränkische Reichsversammlungen unter Ludwig dem Frommen

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Das schmale Buch von Daniel Eichler ist im Rahmen der Vorarbeiten zur Edition der Urkunden Ludwigs des Frommen entstanden und lag im Wintersemester 2005/06 der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn als Magisterarbeit vor. Es baut auf der mit dem Editionsprojekt verbundenen Überprüfung der Regesta imperii von Böhmer-Mühlbacher auf und trägt zu einer Neubewertung der politischen Versammlungen im ganzen Karolingerreich bei, die je nach Teilreich und Epoche ungleich erforscht wurden. Das Werk behandelt folgende Themen: Zunächst werden der Wortschatz (7-28) sowie die verschiedenen und schwer voneinander zu unterscheidenden Bezeichnungen für Versammlungen (29-51) behandelt, dann werden Frequenz, Ort und Zeitpunkt der Treffen dargelegt (52-72); danach folgen ein paar knappe Seiten zum Teilnehmerkreis und zum Einzugsbereich (73-76), in denen der Verfasser von vornherein bemerkt, dass "die Frage nach der Präsenz auf den Reichsversammlungen und damit nach den Teilnehmerzahlen und dem Einzugsbereich der Zusammenkünfte [...] sicherlich zu den größten Problemen [zählt], mit denen sich die Forschung im vorliegenden Zusammenhang konfrontiert sieht". Diese Frage kann auch durch das vorliegende Buch nicht beantwortet werden. Im letzten Kapitel wird die Frage des Ablaufs der Versammlungen und der dort getroffenen Entscheidungen behandelt (77-106), die dieses sehr sachlich konzipierte Buch auch im Hinblick auf Fragestellungen zur Kommunikation im Mittelalter zur nützlichen Lektüre macht. Wenn man auch gerne dem Verfasser folgt, wenn er die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bezeichnungen der Treffen in mittelalterlichen Quellen und in der Sekundärliteratur für unbedeutend erklärt, so kann man schwerlich verstehen, warum er in der Tabelle im Anhang an der "BM2-Kategorisierung" festhält (wünschenswert wäre dort zusätzlich der vergleichende Abdruck der Quellenterminologie gewesen). Im übrigen geht es in diesem Buch nicht um die Verwendung des Begriffes "Reichsversammlungen" "im wissenschaftlichen Schrifttum" im Allgemeinen, wie es auf Seite 7 heißt, sondern die vorliegende Arbeit untersucht ausschließlich die deutschsprachige Literatur (zu anderen Themen wird allerdings die internationale Forschung berücksichtigt). Angesichts der Tatsache, dass diese Untersuchung im Rahmen der Urkundenedition Ludwigs des Frommen entstanden ist, hätte sich der Versuch gelohnt, nicht nur aus einigen erzählenden Quellen und aus der Sekundärliteratur, sondern auch aus der Urkundenproduktion einige Indizien zur Dauer der Versammlungen (84-86) zu gewinnen. Im Zusammenhang mit der Pfalz Thionville (dt. Diedenhofen) spricht der Verfasser von der "räumlichen Nähe zum Bistum Metz" (60), so als läge sie nicht in ebendiesem Bistum. Ein Vergleich mit der Praxis von Ludwigs Söhnen (z. B. mit der seines gleichnamigen Sohnes) hätte diese Arbeit noch lohnender gemacht (dafür ist die zitierte Literatur allerdings etwas lückenhaft).

Eichler spricht sich gegen die strenge Unterscheidung zwischen allgemeinen Reichsversammlungen und Treffen in kleinerem Kreis aus, die aus Hinkmars Darstellung und Idealisierung der Regierungspraxis in seinem Traktat De ordine palatii hervorgeht, und hebt die "Flexibilität [...] dieses Herrschaftsinstruments" hervor. Damit hat er Recht. Diese Untersuchung, die auch die zentrale Bedeutung der Pfalzen im Kerngebiet des Frankenlandes - zwischen Seine und Rhein - bestätigt (85% der Treffen konzentrieren sich auf 50% der Versammlungsorte überhaupt), macht Einzeluntersuchungen, die alle Umstände, bezeugte Teilnehmer und zu verhandelnde Themen bis ins Detail berücksichtigen sollten, um so notwendiger, insofern die Reichsversammlung - wie der Verfasser anmerkt (110) - "ein flexibles Instrument in der Hand des Herrschers [war], um den Bedarf an Gesetzgebung, Rechtssprechung und Regierung in einem auf personalen Bindungen beruhenden Gemeinwesen zu erfüllen". Diese Arbeit, in der leider den Teilnehmern zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte, zeigt deutlich, welche Entwicklung die Regierungsweise Ludwigs des Frommen kennzeichnet - von der zentralen Regierungspraxis von Aachen aus in den ersten Jahren bis zur Notwendigkeit häufigerer Treffen an wechselnden Orten ab den zwanziger Jahren. Darin wird die Krise der Regierung Ludwigs des Frommen besonders deutlich. Hier ist die Auswahl des Datums anscheinend von Bedeutung: Obwohl "sogenannte heilige Tage [...] als Versammlungstermin [...] keine Rolle [spielten]" (109), bildet das Fest Mariä Reinigung "eine Ausnahme", denn dieses Fest, das "wahrscheinlich mit dem Epochentag Ludwigs des Frommen zusammenfiel", wurde "vor allem in Krisenzeiten des öfteren für Reichsversammlungen herangezogen" - die Wahl dieses Datums könnte also eine symbolische Bedeutung gehabt haben.

Zum Schluß sei nochmals betont, dass dieses Buch als Magisterarbeit entstanden ist, und obwohl der Leser bei manchen Themen den Eindruck haben mag, dass die Auskünfte zum Geschehen vor Ort und die Analyse zu kurz kommen, ist zu bedenken, dass dies vor allem in der Natur der Quellen begründet liegt, die viele Fragen wegen ihrer Kargheit leider für immer offen lassen.

Philippe Depreux