Rezension über:

Oliver Werner: Ein Betrieb in zwei Diktaturen. Von der Bleichert Transportanlagen GmbH zum VEB VTA Leipzig 1932 bis 1963 (= Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte; Bd. 101), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, 275 S., ISBN 978-3-515-08544-1, EUR 47,00
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Rezension von:
Friederike Sattler
Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Empfohlene Zitierweise:
Friederike Sattler: Rezension von: Oliver Werner: Ein Betrieb in zwei Diktaturen. Von der Bleichert Transportanlagen GmbH zum VEB VTA Leipzig 1932 bis 1963, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/07/7644.html


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Oliver Werner: Ein Betrieb in zwei Diktaturen

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Oliver Werners Dissertation über die Leipziger Transportanlagenfabrik Bleichert versteht sich weniger als eine Unternehmensgeschichte denn als Beitrag zur sektoral vergleichenden Diktaturforschung. In Absetzung zu totalitarismustheoretischen Diktaturvergleichen, die sich auf das Herrschaftssystem als Ganzes richten, kommt es Werner darauf an, mit einer sozialhistorischen Detailstudie, die im Längsschnitt über die politische Zäsur des Jahres 1945 hinwegführt, das Verständnis für das Ineinandergreifen von sozialen Eigendynamiken, sektoralen Eigenlogiken und diktatorischen Herrschaftsmechanismen zu vertiefen. Ihn interessiert, ob die "Gemeinsamkeit politischer Diktaturen als 'extreme' Gesellschaftsformen - mit der Betonung des menschlichen Willens [...] und einer systematischen Vernachlässigung sozialer Eigendynamik in den Herrschaftskonzepten - auch zu gemeinsamen Problemen führt, etwa im komplexen Bereich eines modernen Industriebetriebes" (15). Um dieser Frage nachzugehen, hat er einen Untersuchungsansatz gewählt, der sich an den Modellen der Neuen Institutionenökonomik orientiert, also rationales Handeln und Entscheiden der Akteure annimmt. Konkret gefragt wird nach der Politisierung interner betrieblicher Entscheidungen sowie nach der betrieblichen Interessenartikulation gegenüber externen politisch-staatlichen Instanzen. Dabei bleibt der Blick stets auf die Mitglieder der Betriebsleitung konzentriert, die Belegschaft wurde bewusst nicht mit in die Analyse einbezogen.

Werner bietet zunächst einen knappen Überblick über die allgemeine Entwicklung des Betriebes: Das 1874 gegründete Familienunternehmen Albert Bleichert, einst führender deutscher Hersteller von Drahtseilbahnen, musste im März 1932 infolge einer überzogenen Expansionsstrategie - trotz verschiedener eigentumsrechtlicher Verschränkungen mit anderen Maschinenbauunternehmen - in Liquidation gehen, wurde aber noch im Sommer 1932 von der Felten & Guilleaume Carlswerke AG übernommen und als Bleichert Transportanlagen GmbH weitergeführt. Angesichts von Nachlässigkeiten der neuen Eigentümerin sowie wachsender Exporthemmnisse verbesserte sich die betriebliche Lage nur langsam. Erst ab 1937/38 stiegen die Umsätze durch die stärkere Einbeziehung in die Rüstungswirtschaft deutlich an. Nach Kriegsende wurde der Betrieb beschlagnahmt, der Sowjetischen Aktiengesellschaft "Transmasch" eingegliedert und vornehmlich für die Produktion von Reparationsgütern eingespannt. Ab 1954, nach Rückgabe der letzten SAG-Betriebe an die DDR-Regierung, firmierte das Traditionsunternehmen Bleichert als VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig, welcher der VVB Bergbauausrüstungen und Förderanlagen unterstellt war. Als Maschinenbaubetrieb, der auf Sonderfertigungen ausgerichtet und von zahlreichen Zulieferern abhängig war, hatte der VEB VTA Leipzig unter den chronischen Schwächen der zentralen Planwirtschaft besonders zu leiden.

Der Hauptteil der Untersuchung gliedert sich in zwei größere Abschnitte. Dabei handelt es sich zum einen um drei zeitlich versetzte Fallstudien, die nach dem Geltungsgrad politischer Argumente bei Personal- und Wirtschaftsentscheidungen fragen, zum anderen um vier Fallstudien, in denen die Interessenartikulation des Betriebes gegenüber politisch-staatlichen Instanzen analysiert wird. Die Fallstudien sind durchweg quellennah, anschaulich und gut lesbar geschrieben, allerdings von recht unterschiedlicher Konsistenz und Aussagekraft für den angestrebten Diktaturvergleich. Der in der ersten Fallstudie geschilderte Konflikt um die Betriebsführung in den Jahren 1937/38 zum Beispiel wird als gescheiterter Politisierungsversuch durch einen der Beteiligten interpretiert, ohne die zuvor getroffene personalpolitische Entscheidung für genau diesen Beteiligten, der ein überzeugtes NSDAP-Mitglied war, durch die Konzernleitung überhaupt zu thematisieren. Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass mit diesem Fallbeispiel nur wenig Handfestes über die Durchsetzungskraft politischer Argumente gegenüber fachlichen Erwägungen ergründet werden kann, dafür umso mehr über die Persönlichkeitsstruktur eines der Beteiligten. In der dritten Fallstudie dagegen wird das Obsiegen der Parteilichkeit gegenüber der Fachlichkeit am Beispiel der Absetzung des ingenieur-technisch versierten, nach planwirtschaftlichen Maßstäben aber nur wenig erfolgreichen Hauptdirektors von VTA Leipzig auf zähes Betreiben der SED-Betriebsparteiorganisation in den Jahren 1957/58 detailliert und überzeugend dargelegt. Im Hinblick auf den beabsichtigten Vergleich sind die Fallstudien jedoch insgesamt etwas unsystematisch angelegt und hätten sicherlich durch eine strengere Regieführung noch gewinnen können: So ist zum Beispiel das Verhältnis zwischen Betriebs- und Konzernleitung für die nationalsozialistische Zeit gut herausgearbeitet worden, das Verhältnis zwischen Betriebs- und VVB-Leitung für die Zeit der DDR dagegen bleibt weitgehend im Dunkeln.

Den sektoralen Diktaturvergleich selbst führt Werner abschließend auf knappen zwölf Seiten durch. Ausgehend vom Prinzipal-Agent-Modell und den Eigentums- und Verfügungsrechten konstatiert er zunächst fundamentale Unterschiede des Stellenwerts politischer Institutionen für betriebliche Abläufe in beiden Diktaturen. Im Nationalsozialismus hatte die NSDAP in dieser Hinsicht lediglich informelle Bedeutung, und die Verteilung der Verfügungsrechte war infolge des Fortbestehens privaten Eigentums relativ eindeutig und überschaubar geregelt. In der DDR hingegen zielte die SED früh auf eine umfassende Einflussnahme. Die Beseitigung des privaten Eigentums und die Delegierung von Verfügungsrechten sowohl an die Partei als auch an staatlich-administrative Instanzen erzeugten sehr widersprüchliche Anreize für betriebliche Entscheidungen. Für die konkrete Durchsetzbarkeit politischer Argumente bei internen Personal- und Wirtschaftentscheidungen macht Werner zu Recht die jeweiligen betrieblichen Bedingungen verantwortlich. Bei der Interessenartikulation des Betriebes gegenüber externen politisch-staatlichen Instanzen arbeitet er anschaulich ihre schleichende Anpassung an die Anforderungen des jeweiligen Regimes heraus: zunächst an die Erfordernisse der Kriegswirtschaft, dann an die Reparationsinteressen der Besatzungsmacht und schließlich an die Vorgaben der zentralen Planwirtschaft. Die festgestellten allgemeinen Tendenzen - kurz: die wachsende Bedeutung politischer Gesichtspunkte bei Personalentscheidungen, der Geltungsverlust tradierter betriebswirtschaftlicher Normen sowie die schleichende Anpassung der Interessen an die politisch-staatlichen Rahmenbedingungen - wird niemand ernsthaft infrage stellen. Doch ist damit tatsächlich etwas Wesentliches über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Diktaturen in Hinblick auf die Wechselwirkungen mit der sozialen Eigendynamik von regionalen Wirtschaftseliten sowie der sektoralen Eigenlogik der Wirtschaft gesagt? Auf diese Frage gibt Oliver Werner zumindest keine klar formulierten Antworten. Vielleicht ist das von ihm gewählte Schema "Politisierung versus Fachlichkeit" - angewandt lediglich auf punktuelle Ausschnitte der Entwicklung eines Betriebes und ohne laufenden Rückbezug auf die sich wandelnden Rahmenbedingungen der Herrschaftssysteme selbst - einfach zu grob gerastert, um tatsächlich in die Tiefen der sozialen und wirtschaftlichen Realität beider hier betrachteter Diktaturen vorzudringen. Die viel versprechenden Potenziale des sektoralen Diktaturvergleiches für die zeitgeschichtliche Forschung wurden mit der hier vorliegenden Studie nicht voll ausgeschöpft. Ihr Verdienst besteht vor allem darin, einen anspruchsvollen methodischen Zugriff entwickelt und zugleich erste Schneisen in ein bislang noch weitgehend unerforschtes Gebiet - die Unternehmer- und Unternehmensgeschichte der DDR - geschlagen zu haben.

Friederike Sattler