Rezension über:

Sebastian T. Pollems: Der Bankplatz Berlin zur Nachkriegszeit. Transformation und Rekonstruktion des Ost- und Westberliner Bankwesens zwischen 1945 und 1953 (= Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte; Bd. 83), Berlin: Duncker & Humblot 2006, 501 S., ISBN 978-3-428-11995-0, EUR 94,00
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Rezension von:
Friederike Sattler
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Friederike Sattler: Rezension von: Sebastian T. Pollems: Der Bankplatz Berlin zur Nachkriegszeit. Transformation und Rekonstruktion des Ost- und Westberliner Bankwesens zwischen 1945 und 1953, Berlin: Duncker & Humblot 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 7/8 [15.07.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/07/11446.html


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Sebastian T. Pollems: Der Bankplatz Berlin zur Nachkriegszeit

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In seiner Untersuchung zum Bankplatz Berlin in der Nachkriegszeit nimmt Sebastian T. Pollems nicht nur die Entwicklung der Berliner Banken als solche und deren Einbindung in zwei unterschiedliche Wirtschaftssysteme in den Blick, sondern er verspricht - wegen des hochgradig politisierten Umfeldes der unter der Viermächteverwaltung stehenden ehemaligen Reichshauptstadt - auch "interessanten Aufschluss bezüglich der frühen ordnungspolitischen Intentionen der Siegermächte im besetzten Deutschland und des Erfolgs bei der Durchsetzung ihrer Vorstellungen unter dem Einfluss von verschiedenen deutschen Interessengruppen" (20). Das ist angesichts des noch immer schwierigen Zugangs zu sowjetischen Primärquellen vor allem hinsichtlich der Besatzungsmacht Sowjetunion ein legitimes Anliegen (welches ganz dem Diskussionsstand zu Beginn der Arbeit an dieser Dissertation im Jahr 1992 entsprach), auch wenn sich aus unternehmensgeschichtlicher Perspektive sicherlich inzwischen ein innovativerer und vielleicht auch ertragreicherer Interpretationsrahmen gefunden hätte, etwa die Frage nach den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bestimmungsfaktoren des Erhalts von Unternehmensidentitäten unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen.

Pollems gliedert seine quellengesättigte Untersuchung prinzipiell, wenn auch nicht immer konsequent umgesetzt, chronologisch. Ausgehend von einer knappen Skizze zur Lage des Bankplatzes Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg geht es zunächst um die relativ kurze erste Phase der sowjetischen Alleinverwaltung der Stadt (35-95). Sie dauerte von Mitte April bis Anfang Juli 1945, also nur knapp 3 Monate, doch wurden in dieser Zeit bereits wichtige Weichenstellungen für die spätere Entwicklung vorgenommen: Nachdem die meisten Banktresore geplündert und anfängliche Irritationen über Schließung oder Nichtschließung der Kreditinstitute überwunden waren, untersagte die sowjetische Stadtkommandantur am 5. Juni 1945 mit einer "Ruhensanordnung" sämtlichen Berliner Banken den Geschäftsbetrieb - mit Ausnahme des am 16. Mai 1945 ins Leben gerufenen Berliner Stadtkontors als Einrichtung des Magistrats von Groß-Berlin und zugleich als provisorische Nachfolgerin der Reichsbank. Daneben durfte nur die Sparkasse der Stadt Berlin, die als unselbstständiger Teil der Stadtverwaltung angesehen wurde, ihre Tätigkeit fortsetzen. Im Januar 1946 wurde dann zusätzlich die genossenschaftliche Berliner Volksbank offiziell wieder zugelassen. Als wichtigste wirtschaftliche Gründe für den mit der Ruhensanordnung vollzogenen radikalen Einschnitt in die Berliner Bankenlandschaft, den Pollems tendenziell unterbewertet, benennt er zu Recht die Illiquidität fast aller bestehenden Institute, den Kaufkraftüberhang in der Bevölkerung und die Vereinfachung der Transferleistungen an die Besatzungsmacht (88). Ein klares Konzept der sowjetischen Besatzungsmacht zur Neugestaltung des deutschen Bankwesens war darin nicht zu erkennen, wohl aber der Wille, die Macht der bisherigen Großbanken zu brechen; de facto bekam der kommunale Sektor klaren Vorrang eingeräumt.

In der zweiten Phase von Juli 1945 bis etwa Mitte 1948 wurden - unter dem Signum der Viermächteverwaltung Berlins - die Ansätze zu einer gemeinsamen alliierten Bankenpolitik ausgelotet (96-173). Bei allen Beteiligten trat dabei das Bemühen hervor, die jeweils eigenen Optionen möglichst lange offen zu halten und weder die Teilung der Stadt noch des Landes durch irgendwelche bankenpolitische Vorentscheidungen zu präjudizieren. In dieser Phase des Hinausschiebens alliierter Entscheidungen stiegen die Chancen zur Einflussnahme von deutscher Seite, aus Politik und Verwaltung wie aus den Banken selbst. Die Versuche von leitenden Mitarbeitern der ruhenden Geschäftsbanken, die eigene Fachkompetenz in verschiedene öffentliche Spezialkommissionen, etwa die im Dezember 1946 gebildete Bankenkommission der Deutschen Zentralfinanzverwaltung, einzubringen, trugen angesichts des kommunalen wie des sowjetischen Misstrauens allerdings kaum Früchte. Den drei bereits bestehenden Banken, deren Geschäftstätigkeit Pollems ausführlich und anschaulich darlegt, gelang es dagegen, sich wirtschaftlich - auch im Wettbewerb zueinander - einigermaßen zu konsolidieren.

Die mit der Durchführung getrennter Währungsreformen in den Westzonen und der SBZ im Sommer 1948 eingeleitete dritte Phase führte schließlich auch zur Spaltung des Berliner Bankwesens (174-213). Die Folge war eine beschleunigte Transformation des Ostberliner Bankwesens im Sinne seiner schrittweisen Indienstnahme für das zentrale Planungssystem der SBZ/DDR einerseits, der Übergang zur marktorientierten Rekonstruktion des Westberliner Bankwesens im Sinne einer allmählichen Anpassung an die westdeutsche Entwicklung andererseits - zwei Prozesse, die erst etwa 1953 abgeschlossen waren (214-378). Wichtigste Schritte der Transformation im Osten der Stadt waren die Einführung der staatlichen Kreditplanung und die Errichtung einer staatlichen Investitionsbank, der politisch forcierte Wandel der Bankfunktionen im Bereich des Sparens, Investierens und Finanzierens entsprechend den Erfordernissen der zentralen Planung und schließlich die Auflösung des zweistufigen Banksystems durch eine "Neuordnung des Zentralbankwesens". Für die marktorientierte Rekonstruktion des Bankwesens in Westberlin waren die Zulassung von Privatbanken, die Gründung der Berliner Zentralbank analog zu den westdeutschen Landeszentralbanken, also die Festigung des zweistufigen Banksystems, und schließlich die Altbankengesetzgebung, die auch den Nachfolgeinstituten der früheren Großbanken die Wiederaufnahme ihrer Geschäftstätigkeit erlaubte, von zentraler Bedeutung. Für diese dritte Phase stellt Pollems ebenfalls einen kompetenten Überblick zur Geschäftstätigkeit der einzelnen Kreditinstitute zur Verfügung, der den bisherigen Forschungsstand beträchtlich erweitert. [1]

Seine Ergebnisse fasst Pollems abschließend in vier Thesen zusammen; gemessen am eingangs formulierten Versprechen, "interessanten Aufschluss bezüglich der frühen ordnungspolitischen Intentionen der Siegermächte im besetzten Deutschland" zu bieten, fallen diese etwas ernüchternd aus. Insbesondere die fast schon apodiktische erste These, dass die Bankenschließung kein erster Schritt in einer strategisch geplanten Transformation geplanten Transformation der Wirtschaft der SBZ durch die sowjetische Besatzungsmacht gewesen sei (380), wirkt - vor dem Hintergrund der überwiegend aus deutscher Provenienz stammenden Quellen und deshalb notgedrungen eher etwas blassen Darlegungen genau zu diesem Punkt in den vorausgegangenen Kapiteln - überzogen. Die interessanteste Einsicht bezieht sich denn auch nicht auf den gewählten Interpretationsrahmen der "ordnungspolitischen Intentionen" der Siegermächte, sondern auf die eigentliche Stärke der Arbeit, nämlich die quellenbasierte Analyse des Geflechts der Interaktionen ganz unterschiedlicher Akteure, von den Alliierten, über deutsche Politiker und Verwaltungsangehörige bis hin zu den Bankenvertretern selbst: "Die Initiative zur Rekonstruktion des Bankwesens im Westen kam von den Banken selbst und ihren Kunden, unterstützt von den Westalliierten und gegen den Widerstand des Magistrats" (386). Dies zeugt, wie eingangs angedeutet, von der Wirkungsmacht der überkommenen Unternehmensidentitäten, wie sie beispielsweise Ralf Ahrens in einer neuen Untersuchung zur Nachkriegsgeschichte der Dresdner Bank zum Gegenstand macht. [2]

Abgerundet wird die Untersuchung durch ein Personenverzeichnis, ein Glossar, das bei einigen politischen Institutionen leider nicht wirklich hilfreich ist, etwa wenn Entstehung und Funktion der "Deutschen Wirtschaftskommission (DWK)" völlig verkürzt dargestellt werden, sowie einen informativen Datenanhang.


Anmerkungen:

[1] Vgl. bisher vor allem: Frank Zschaler: Erzwungene Reorientierung im Zeichen der deutschen Teilung (1945-1990), in: Hans Pohl (Hg.): Geschichte des Finanzplatzes Berlin, Frankfurt am Main 2002, 215-252.

[2] Vgl. Ralf Ahrens: Die Dresdner Bank 1945-1957. Konsequenzen und Kontinuitäten nach dem Ende des NS-Regimes. Unter Mitarbeit von Ingo Köhler, Harald Wixforth und Dieter Ziegler, München 2007 (im Druck).

Friederike Sattler