Rezension über:

Ulrich Schlegelmilch: Descriptio templi. Architektur und Fest in der lateinischen Dichtung des konfessionellen Zeitalters (= Jesuitica. Quellen und Studien zu Geschichte, Kunst und Literatur der Gesellschaft Jesu im deutschsprachigen Raum; Bd. 5), Regensburg: Schnell & Steiner 2003, 820 S., 36 z.Tl. farbige Abb., ISBN 978-3-7954-1530-3, EUR 86,00
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Rezension von:
Joseph Imorde
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Hoppe
Stellungnahmen zu dieser Rezension:

Stellungnahme von Ulrich Schlegelmilch mit einer Replik von Joseph Imorde

Empfohlene Zitierweise:
Joseph Imorde: Rezension von: Ulrich Schlegelmilch: Descriptio templi. Architektur und Fest in der lateinischen Dichtung des konfessionellen Zeitalters, Regensburg: Schnell & Steiner 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/04/4120.html


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Ulrich Schlegelmilch: Descriptio templi

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Der voluminöse Band "Descriptio templi" von Ulrich Schlegelmilch widmet sich einer Gattung von Texten, die von der "Forschung" bisher "nahezu völlig" unbeachtet geblieben sind. Es handelt sich um lateinische Gedichte, genauer um lateinische Kirchweihfestschriften, in denen die zu feiernden Gebäude eingehend "beschrieben und interpretiert werden". Die teils recht langen Dichtungen entstammen einem Zeitraum von zirka 50 Jahren (die erste separate "Descriptio templi" erschien 1591). Das Buch gliedert sich in drei sehr eigenständige Teile: Im letzten Teil (577-744) gelangen acht lateinische Gedichte zum Abdruck, im zweiten (161-575) werden die einzelnen Kirchweihfestschriften detailliert historisch eingeordnet und kommentiert und im ersten Teil (15-159) bemüht sich der Neulateiner Schlegelmilch mit Gelehrsamkeit um den gattungs- und stilgeschichtlichen Hintergrund seiner Gegenstände.

Als Ziel der Arbeit gibt der Autor an, eine neue, bisher übersehene Gattung der lateinischen Literatur der frühen Neuzeit den verschiedenen Fächern erschließen zu wollen (17). Die Gedichte nimmt er ebenso als literarische Erzeugnisse in den Blick, als auch als Quellenschriften für andere Bereiche der Forschung in die Hand, genannt werden die Fächer Geschichte, Kunstgeschichte, Kirchengeschichte, Theologie. Schlegelmilch geht es darum, die Komplexität "des kirchlichen, politischen und literarischen Lebens jener Jahre" (575) zu rekonstruieren, weil die Gedichte "ohne eine gleichzeitige Auswertung historischer, kunsthistorischer, theologischer und kirchengeschichtlicher Gesichtspunkte und nicht zuletzt der lateinischen Literaturtradition" (21) dem heutigen Leser gänzlich unverständlich bleiben müssen.

Der erste Teil des Bandes bietet philologische Einordnungsversuche in die rhetorische und literarische Tradition. Dort wird die poetische Kirchenbeschreibung unter anderem als Ekphrasis definiert, woraufhin der Autor vielleicht zu ausgiebig dem Wechsel der mannigfachen Verengungen wie Erweiterungen des Begriffs nachgeht. Die Darstellung changiert hier zwischen rezensierendem Literaturbericht und philologischer Begriffsgeschichte. Unbequem und überflüssig sind die langen Quellenzitate, die Schlegelmilch in griechischer und lateinischer Sprache seinem Haupttext einrückt, unschön ist zudem, wie sehr er sich erlaubt, bei der breit durchgenommenen Sekundärliteratur zum Problem der literarischen Kunstbeschreibung Noten zu verteilen. Allerdings wird auch Interessantes und Anregendes geboten, Material etwa zur Geschichte des Begriffs Anschaulichkeit oder zum Topos der Lebendigkeit von Kunstwerken. So weist Schlegelmilch mit Fritz Graf [1] auf die Rezeption einer Stelle der 11. Homilie des Bischofs Asterios von Amaseia hin, in der ein Bild des Martyriums der heiligen Euphemia beschrieben wird und zwar so "anschaulich" und deshalb so "lebendig", dass es dem Berichterstatter nicht nur die Sprache verschlägt, sondern ihm zudem auch Tränen entringt (67-68). Nach Dafürhalten des Autors könnte dieser Text "ein wichtiges Bindeglied zwischen der byzantinischen Tradition veranschaulichender christlicher Rede und dem Wiederaufleben der Ekphrasis im Westen" darstellen. Doch dass diese Stelle auch noch in anderen, nämlich in kunsttheoretischen Zusammenhängen zitiert werden konnte, ist Schlegelmilch unbekannt. Im "Discorso intorno alle imagini sacre e profane" von 1582 weist Gabriele Paleotti mit der "Euphemiarede" darauf hin, dass es dem Künstler ebenso wie dem Prediger im Dienste pastoraler Vermittlung darum gehen müsse, im Zuhörer oder Zuschauer die stärksten Empfindungen auszulösen. Doch trotz anders lautender Beteuerungen Schlegelmilchs scheint eine starke emotionale Wirkung den untersuchten Texten niemals eigen gewesen zu sein. Keines der Gedichte - so lässt uns der Autor wissen - wurde je zum Anlass einer der Einweihungsfestlichkeiten vorgetragen und das auf Grund der "mangelnden Vertrautheit des größeren Teils der Gäste mit der lateinischen Sprache" - "man beschränkte sich auf die Verteilung an die geladenen Gäste in gedruckter Form" (103). Nach solch einem Befund kann es seltsam anmuten, dass weiter von der emotionalen Wirksamkeit der behandelten Kirchweihgedichte gesprochen wird und es der Autor gleichzeitig unterlässt, die teils terminologisch anspruchsvollen neulateinischen Texte auch nur passagenweise ins Deutsche zu übertragen. Es bleibt also schon auf der philologischen Ebene fraglich, ob das theologische Anliegen der Festautoren, trotz des offensichtlich gelehrten und elitären Charakters der Descriptio templi-Dichtungen, in erster Linie darin bestand, die Konfrontation "des Gläubigen" mit den Wahrheiten der Heils, insbesondere der Leidensgeschichte Jesu zu befördern (147). Mag auch der eine oder andere Verfasser hier oder da eine devotionale Bildbetrachtung mit in sein lateinisches Festgedicht mithineingenommen haben, der eher breite Rekurs Schlegelmilchs auf die jesuitische Meditationspraxis (147-159) kann anhand dieses schmalen Umstands keine Rechtfertigung erfahren und hätte gut und gerne auch unterbleiben können. Die emotionale Wirkung der Gedichte, auf die der hypostasierte Gläubige von Schlegelmilch festlegt wird, ist eine auktoriale Unterstellung. Sie bleibt in sich selbst unanschaulich und leblos und kann nur anhand von allerlei "Ersatzforschung" zur "compassio" etwa oder zur "applicatio sensuum" notdürftig wahrscheinlich gemacht werden. Hinweise auf eine historisch argumentierende Emotionsforschung fehlen.

Informativer und dem Gegenstand näher sind da schon die Angaben zum theologischen Hintergrund der Festgedichte, etwa die gerafften Hinweise auf den "templum Salomonis" als Typus der jeweils zu bedichtenden Kirche (139-142). Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass die Figur des alttestamentarischen Herrschers offenbar in allen behandelten Texten als Vor-Bild des christlichen Fürsten eine Rolle spielt. Doch wundert einen auch hier, dass Schlegelmilch, wo es um die politische Nutzung von typologischen Verweisen geht, zuerst nach Spanien schaut, genauer auf den Escorial, und nicht nach Rom, wo doch der Bau des Gesù als das erste deutliche Beispiel für eine typologische Umsetzung des Salomo-Bezuges in der Baukunst des Ordens gelten darf. Denn ohne Zweifel hatte den damaligen Geldgeber und Vizekanzler der Kirche, Alessandro Farnese, die göttliche Weisung aus 1 Könige 8,19 - "aber Du [David] sollst mir kein Haus bauen, sondern dein leiblicher Sohn [Salomon] soll meinem Namen das Haus errichten" - dazu veranlasst (nach dem Tode seines Großvaters, Pauls III.) dem Namen Gottes eine Kirche zu weihen, nämlich "Il Gesù", besser "Il nome di Gesù" und damit den in der Bauinschrift so benannten Tempio Farnesiano. Ein ganz ähnlicher Gedanke motivierte auch den späteren Vizekanzler Ludovico Ludovisi dazu, bei der Grundsteinlegung der zweiten großen Ordenskirche in Rom, San Ignazio, über diese bedeutsame Bibelstelle in dreiundzwanzig Sprachen predigen zu lassen. [3] Und natürlich baute nicht Karl V. den Escorial, sondern sein Sohn Philipp II.

Es ist bedauernswert, dass Schlegelmilch in seinem Kapitel "Römisches Bautenlob um 1600" (541-546) nicht einmal danach fragt, ob es vielleicht Weihefestgedichte für diese wichtigen Ordensbauten gegeben haben könnte. Andere "literarische" Gattungen, wie zum Beispiel Festbeschreibungen, zieht der Autor auf Grund der engen Gegenstandsausrichtung seiner Arbeit erst gar nicht zurate. Unzweifelhaft treten die methodischen Probleme des Buches in solchen Abschnitten am deutlichsten zu Tage. Die Herausschälung der Gattung "Descriptio templi" scheint gleichzeitig zu breit und zu eng angelegt, denn nach teils mühsamen Erarbeitungen von übergreifenden Aspekten im ersten Teil des Buches, wird das Synthetische und allen Kirchweihdichtungen Gemeinsame in der Kleinteiligkeit der jeweiligen Einzeluntersuchungen des zweiten Teils wieder dreingegeben. Vieles kommt da nicht einmal mehr in den Blick und es scheint, als wäre die eigentliche Darlegung der Erkenntnisse einer zu frühzeitig festgelegten Gliederung des Buches zum Opfer gefallen. Der letzte Satz der Untersuchung macht das Dilemma des Autors deutlich: "Die Descriptio templi der Zeit von ca. 1585-1660 bleibt damit unabhängig von ihrer Verankerung im Traditionskontext der poetischen Bautenekphrasis ein spezifisches Phänomen, das nur durch die immense Anspannung und Verschränkung aller Bereiche des kirchlichen, politischen und literarischen Lebens jener Jahre erklärbar wird." (575) Das heißt doch nur, dass die Vermittlung von philologischer Einzelanalyse und übergreifender Kulturperspektive, von Literatur und Politik, von Gedicht und Architektur durch das Zuviel der sehr verschiedenen Beispiele nicht recht geleistet wurde. Natürlich wird man die Arbeit "fleißig" und ambitioniert nennen müssen - doch ist sie auf Grund der eigenen Angespanntheit und Verschränktheit schließlich zu lang ausgefallen. Schlegelmilch spannt viele Fäden, verflechten kann er sie nicht. Es misslingt dem Autor, die Komplexität "des kirchlichen, politischen und literarischen Lebens jener Jahre" vor seinem Leser auszubreiten. Zudem macht er an einem Punkt Halt, wo wirklich Schweiß hätte fließen müssen. Der Autor erachtet es im dritten Teil für verzichtbar, die Kirchweihfestschriften ins Deutsche zu übertragen. Für Neulateiner mag solch eine Editionspraxis kein Problem darstellen, für alle anderen, ja doch angesprochenen Fakultäten erschwert sie die Benutzbarkeit des Buches enorm. Möglicherweise hat dieser Umgang mit den Quellentexten zur Folge, dass es der Arbeit Schlegelmilchs so ergehen wird, wie einstmals den Descriptio templi-Gedichten: man wird sie verschenken müssen, um überhaupt Leser dafür zu finden. Das Buch - so viel lässt sich sagen - hat sich an jenem Anspruch überhoben, der übergreifenden Frühneuzeitforschung eine bisher unterrepräsentierte Textgattung erschließen zu wollen. Einem heutigen Kunsthistoriker können die Gedichte trotz des großen Erklärungsaufwandes, den Schlegelmilch betreibt, nur unverständlich bleiben. Doch wenn auch das große Ziel nicht erreicht ist, so sind doch viele kürzere Etappen bewältigt worden. Vor allem die mannigfaltigen Einzelerkenntnisse des zweiten Teils lohnen die Lektüre, eine Lektüre allerdings, die ein sehr spezifisches Fragen voraussetzt. Wer zum Beispiel etwas über die Weihefestlichkeiten der Jesuitenkirche in Molsheim erfahren möchte, liest bei Schlegelmilch nicht nur Richtiges, sondern auch Neues!


Anmerkungen:

[1] Graf Fritz: Ekphrasis. Die Entstehung der Gattung in der Antike, in: Bildbeschreibungskunst - Kunstbeschreibung. Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Gottfried Boehm und Helmut Pfotenhauer. München: Wilhelm Fink Verlag 1995, 154-155

[2] Paleotti, Gabriele: Discorso intorno alle imagini sacre e profane, in: Trattati d'arte del cinquecento fra manierismo e controriforma. A cura di Paola Barocchi. 3 vol. (= Scrittori d'Italia 219, 221, 222) Bari: Gius. Laterza & Figli 1960-1962, II, 117-509, hier 231-232.

[3] Ragguaglio della solennità con che l'illustrissimo Sig. Cardinale Ludovisi pose la prima pietra della nuova Chiesa di S. Ignatio Nel Collego Romano della Compagnia di Giesu cavato da una lettera sopra ciò scritta. In Roma appresso l'Erede di Bartolomeo Zannetti. 1626. Con Licenza de'Superiori. 30-31: "Fù nel tempo della Tavola salutato, e trattenu- [31] to con brevi ragionamenti da ventitre lingue, delle quali, tolte le letterali, tutte le altre furono dette, fino alla Giaponese, da Naturali di quelle Nationi. Per suggetto di questi ragionamenti servirono alcune sentenze scelte dà capi 17. 28. e 29. del primo libro de'Paralipomeni, dove si tratta della gran fabbrica del Tempio, che havea a farsi da Salmone." Ich zitiere nach dem Exemplar in der Bibliotheca Hertziana (Dt 2540-2260 raro).

Joseph Imorde