Rezension über:

Marion Sauter: Die oberdeutschen Jesuitenkirchen (1550-1650). Bauten, Kontext und Bautypologie (= Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte), Petersberg: Michael Imhof Verlag 2004, 176 S., 49 Farb-, 115 s/w-Abb., ISBN 978-3-935590-83-9, EUR 39,90
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Horst Nising: "... in keiner Weise prächtig". Die Jesuitenkollegien der süddeutschen Provinz des Ordens und ihre städtebauliche Lage im 16.-18. Jahrhundert, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2004, 536 S., 402 Abb., ISBN 978-3-937251-27-1, EUR 59,00
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Rezension von:
Joseph Imorde
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Joseph Imorde: Jesuitenkirchen und -kollegien im 16.-18. Jahrhundert (Rezension), in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8279.html


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Jesuitenkirchen und -kollegien im 16.-18. Jahrhundert

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Zu Beginn wäre vielleicht danach zu fragen, wem es eigentlich zuzuschreiben ist, dass in Deutschland immer häufiger Dissertationen zum Druck gelangen, die im Vorfeld offenbar weder einer fundierten fachlichen Kritik, noch einer eingehenden Redaktion unterzogen worden sind? Vor allem die einführenden Kapitel von Marion Sauters Arbeit zu den Oberdeutschen Jesuitenkirchen, die den "Anfängen der Gesellschaft Jesu", der "Zeit der Konfessionalisierung" und den "Rahmenbedingungen der Bautätigkeit des Jesuitenordens" gewidmet sind, darf man dünn und problematisch nennen. Das beginnt und endet mit entlarvenden "Druckfehlern", die bei einiger Aufmerksamkeit der Autorin (mehr aber wohl noch der betreuenden Professoren) hätten vermieden werden müssen. Einen möchte ich hier hervorheben: Wiederholt (21) wird vom "modo nostros" der Jesuiten gesprochen, was zuerst einmal schmerzt, dann aber auch Anlass zu der Vermutung gibt, die Autorin habe das Eigentliche der Ordensorganisation nicht einmal syntagmatisch verstanden. Der Eindruck vertieft sich an den Stellen, wo mit dem Begriff "Jesuitenstil" operiert wird, den Sauter glaubt, mit einem Verweis auf Hermann Hipps "Studien zur Nachgotik" [1] verabschieden zu können. Die Frage nach dem "Jesuitischen" der jesuitischen Architektur [2] bleibt ungestellt. Das ließe sich konsequent nennen, da der Einfluss der Oberdeutschen Jesuitenkirchen auf den barocken Sakralbau in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz nicht "stilistisch", sondern allein baukonstruktiv und bautypologisch erklärt werden soll. Doch kann bei solch einer eingeschränkten Herangehensweise auch nichts anderes als ein eingeschränktes Ergebnis herauskommen. Bei der Lektüre wird augenfällig, dass die Autorin sich auf weiterführende ideen- und kulturgeschichtliche Fragestellungen nicht einlassen wollte und vielleicht auch nicht einlassen konnte. Die Arbeit krankt daran, dass sie gleichsam in der Luft hängt, da die historischen Hintergründe über Gebühr simplifiziert werden.

In Kapitel 5 unternimmt Sauter den Versuch, eine typologische Entwicklung von Saal- und Wandpfeilerkirchen in der oberdeutschen Jesuitenprovinz nachzuzeichnen, wobei zwei "Schlüsselbauten", die Heilig-Kreuz-Kirche in Landsberg und dann St. Michael in München, den Beginn dieser Entwicklung markieren. Die "maßgebliche Initialzündung für die Genese der Wandpfeilerhalle" verbindet Sauter - ohne das lange zu belegen - mit der Person des Herzogs Wilhelm V. von Bayern. Dieser habe sich Räume mit mehr als 20 Meter spannender Tonnenwölbung gewünscht und sei dabei - so meint die Autorin - vom Ehrgeiz getrieben worden, "die bis dahin ungelöste konstruktive Herausforderung zu bewältigen" (36). Was Herzog Wilhelm in Landsberg nicht habe durchsetzen können, sei dann in München verwirklicht worden.

Die Spannweite von 20 Metern ist deshalb entscheidend, weil die Autorin mit dem von ihr eingeführten Terminus "Saalgroßraum" die "Hauptwerke der jesuitischen Architektur" von kleinen peripheren Saalkirchen abgrenzen kann (40). Die einzige These der Arbeit lautet also, dass aus dem flachgedeckten "Saalgroßraum" Landsberg aufgrund des Wunsches des Herzogs von Bayern nach tonnengewölbten Kirchen notwendigerweise der Wandpfeilerbau St. Michael entstehen musste, denn die größeren Schubkräfte der Tonne konnten ja konstruktiv nicht mehr durch ein durchgängiges Wandauflager, sondern nur noch durch ein mehr oder weniger massives Stützengerüst, eben durch das Wandpfeilersystem, abgefangen werden. An diese sehr fragwürdige "genetische" Deduktion schließt Sauter in Kapitel 6 "bautypologische" Überlegungen, in denen konstruktiv zwischen Wandpfeilerbasiliken (Fribourg, Regensburg, Konstanz, Hall und Innsbruck) und Wandpfeilerhallen (Dillingen, Eichstätt, Innsbruck, Landshut und Burghausen) differenziert wird. In Kapitel 7 kommt die Autorin sehr knapp auf die Rolle der Baumeister zu sprechen, um dann auf Seite 72 nochmals und abschließend dem Leser die schon bekannte These als Fazit und Forschungsergebnis darzubieten: "Anders als in der bisherigen Forschung angenommen, gründet die Konzeption der Wandpfeilerhalle weder in den spätgotischen Bauten der Region noch in der Architektur des italienischen Frühbarock", sondern allein "im Wunsch des bayerischen Herzogs nach einer über 20 Meter spannenden massiven Wölbung in Landsberg und München".

Neben den historischen Ungereimtheiten und unbelegten Behauptungen, machen sich im bautypologischen Teil des Buches auch methodische Mängel bemerkbar, die man nicht umhinkommt, der dezidiert architektur- und baugeschichtlichen Arbeit vorzuhalten. Warum dauernd von den ominösen 20 Metern gesprochen wird und nicht etwa von Füßen, Ellen oder anderen historischem Maßeinheiten bleibt unklar und ist neben der gänzlichen Maßstabslosigkeit der abgebildeten Grundrisse auch ein Beleg für die Gleichgültigkeit der Autorin gegenüber komplexeren bauhistorischen Problemen und Zusammenhängen. Den Abschluss des Buches bildet dann noch ein Katalogteil (74-140), in dem 20 Kirchen von Altötting bis Regensburg mit kurzen Einträgen abgehandelt werden und in dem neben der kategorisierenden Ordnung unter die von Marion Sauter "erarbeiteten" Begriffe Saalgroßraum, Wandpfeilerhalle und Wandpfeilerbasilika nichts Neues geboten wird.

Während es Marion Sauter also fatalerweise mit ihrer Promotion viel zu leicht gemacht wurde, hat es Horst Nising schwer gehabt, seine Frankfurter Dissertation von 1990 zu den Jesuitenkollegien der süddeutschen Provinz des Ordens in eine Buchform zu bringen. Dem Leser wird unmittelbar deutlich, woran das gelegen haben muss - zu viel Material. Der Autor, der selbst einmal dem Orden angehörte und anders als Marion Sauter weiß, worüber er spricht, geht in seinem überreichen Quellen- und Abbildungsmaterial gleichsam unter. Diesem Zuviel wird mit einer komplexen Gliederung entgegengesteuert, mit einer Ordnung, die vom Allgemeinen stufenweise zum immer Spezielleren herabsteigt. Die Arbeit beginnt mit der kurz gehaltenen Gründungsgeschichte des Jesuitenordens und lesenswerten Ausführungen zu den Grundbegriffen Ignatianischer Spiritualität (Kap. A und B), beschreibt dann kenntnisreich die Ausbildung und das Ausbildungssystem des Ordens in Gymnasien, Lyzeen und Universitäten (Kap. D und E), widmet sich daraufhin den Problemen des Verhältnisses von katholischer Kirche und Kunst (Kap. F), geht in der Folge eingehender auf das Bauwesen der Jesuiten, auf die Architekturen eines Kollegs und ihre Funktionen ein (Kap. G und H), um schließlich an der Ordensniederlassung Straubing beispielhaft die Entwicklung und Baugeschichte eines Jesuitenkollegs darzulegen. Doch bis hierhin sind erst 77 Seiten von insgesamt 536 geschafft. In dem umfangreichen Kapitel K (78-288) werden die einzelnen Kollegien von Altötting bis Trento durchgenommen, im Kapitel L Statistiken zur Bautätigkeit der Jesuiten geliefert und im letzten Abschnitt (Kap. M) die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst. Im Anhang (319-533) folgen noch sehr verschiedene Materialsammlungen (I. Bauakten des Jesuitenkollegs in Rottenburg; II. Materialien zu fünf Bilderzyklen mit Darstellungen der Jesuitenniederlassungen; III. Materialien zu den Jesuitenkollegien der Oberdeutschen Provinz), eine nach Orten organisierte Literaturliste und dann erst die abundanten Anmerkungen. Beschlossen wird das Buch durch ein kurzes Nachwort (534-536).

Was die Arbeit von Horst Nising sehr deutlich werden lässt, ist, dass die Konfessionalisierung nicht allein in den Kirchen, sondern vor allem auch in den Lehranstalten bauliche Gestalt gewonnen hat. Es ließe sich geradezu von einer monumentgewordenen "Bildungspolitik" sprechen und damit von einer langsam einsetzenden, aber zum Ende des 16. Jahrhunderts an Fahrt gewinnenden "Eliteförderung", die in den katholischen Ländern deutscher Zunge ganz besonders von den Jesuiten organisiert und vorangetrieben wurde. Nising nimmt - und darin besteht seine Leistung - eine der größten Bauaufgaben des 16.-18. Jahrhunderts in den Blick und stellt die bisher zu wenig erforschten Gebäude in ihrer jeweiligen urbanistischen Umgebung dar. Dass dieses Vorgehen bei 28 behandelten Objekten Schwierigkeiten birgt, übersieht auch der Autor nicht. Eins der großen Probleme liegt darin, dass die Ergebnisse der verdienstvollen Einzeluntersuchungen sich zum Schluss nicht mehr zurückbinden lassen, an die eingangs gestellten Fragen, etwa jene, ob denn die "Spiritualität der Gesellschaft Jesu" möglicherweise Auswirkungen auf das Bauwesen des Ordens gehabt habe? Die methodologische Crux liegt in dem Relativierungszwang, in den sich Nising aufgrund des überbordenden Materials begeben muss. So bietet die Zusammenschau der verschiedenen Bauten als Gemeinsames schließlich nur mehr Hinweise auf jeweils gegebene mäzenatische Abhängigkeiten oder urbanistische Bedingtheiten, die auf die Formierung der einzelnen Bauten entscheidend gewirkt haben. Fazit ist, dass jeder Versuch, einen für alle Jesuitenniederlassungen verbindlichen Idealplan zu entwerfen, an den jeweiligen örtlichen Voraussetzungen scheitern musste (314). Doch scheint gerade dieses immer währende Bemühen um und das ewige Scheitern an dem Ideal einer der wichtigsten Bestandteile dessen zu sein, was im Orden als "modo nostro", oder "modo proprio" bezeichnet wurde. Und wirklich deutet Nising mit Johannes Terhalle darauf hin, dass die beste Jesuitenarchitektur eben jene sei, die in möglichst idealer Weise die ihr jeweils gestellten Aufgaben ermögliche und dabei für gegebenenfalls notwendige Entwicklungen offen bleibe (46). [3] Diese pragmatistische Offenheit des Ordens gegenüber komplexen Gegebenheiten unterstreicht meines Erachtens den Primat der mit der Architektur erst in Funktion gesetzten Inhalte. Die Fähigkeit, sich gegenüber der entstehenden Form indifferent zu machen, umreißt offenbar das "Jesuitische" der jesuitischen Architektur. [4] Die Gebäude sind in diesem Sinne - um mit Evonne Levy zu sprechen - nicht nur Embleme des Projekts spiritueller Erbauung, sie sind an sich spirituelle Erbauung - sie sind keine idealen Werke, sondern lassen sich als ideelle Spuren eines "Werkens" am Spirituellen begreifen.

Horst Nisings Buch "... in keiner Weise prächtig" ließe sich vielleicht selbst als eine solche Spur verstehen. In seiner Form ist es Beleg eines aufopferungsvollen Werkens, dabei überaus sperrig, unhandlich und - was das Verweissystem anbetrifft - zum Haare ausraufen. Anders aber als bei Marion Sauter wird an jeder Stelle deutlich, dass ein übergreifendes Bedenken in die Arbeit geflossen ist. Nising erschließt der Forschung eine der größten Bauaufgaben der frühen Neuzeit, bietet eine ungeheure Vielzahl von Beobachtungen und Einzelerkenntnissen und leistet in der Tat das, was er leisten wollte, nämlich eine neue Basis zu bieten für weitere, notwendige Vertiefungen der behandelten Themen.


Anmerkungen:

[1] Hermann Hipp: Studien zur "Nachgotik" des 16. und 17. Jahrhunderts in Deutschland, Böhmen, Österreich und der Schweiz, 3 Bde., Tübingen 1979, 33-48.

[2] Siehe Evonne Levy: Propaganda and the Jesuit Baroque. Berkeley 2004; s. hierzu die Rezension von Herbert Karner, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 11 [15.11.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/11/6604.html .

[3] Johannes Terhalle: ... ha la Grandezza de padri Gesuiti. Die Architektur der Jesuiten um 1600 und St. Michael in München, in: Rom in Bayern. Kunst und Spiritualität der ersten Jesuiten, hg. von Reinhold Baumstark, München 1997, 83-146.

[4] Evonne Levy: Das "Jesuitische" der jesuitischen Architektur, in: Die Jesuiten in Wien. Zur Kunst- und Kulturgeschichte der österreichischen Ordensprovinz der "Gesellschaft Jesu" im 17. und 18. Jahrhundert (= Österreichische Akademie der Wissenschaften. Veröffentlichungen der Kommission für Kunstgeschichte 5) Wien 2003, 231-241.

Joseph Imorde