Rezension über:

Martina Hartmann: Mittelalterliche Geschichte studieren, Konstanz: UVK 2004, 272 S., ISBN 978-3-8252-2575-9, EUR 14,90
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Rezension von:
Gertrud Thoma
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Gertrud Thoma: Rezension von: Martina Hartmann: Mittelalterliche Geschichte studieren, Konstanz: UVK 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 3 [15.03.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/03/7116.html


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Martina Hartmann: Mittelalterliche Geschichte studieren

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Eine vielseitig informierende und sehr gut lesbare Einführung in das Studium der Geschichte ist der Autorin mit diesem Buch gelungen. Die Ausführungen des ersten Kapitels über die Praxis des Studiums gelten für alle geschichtlichen Fächer, der Mittelalterschwerpunkt der anderen vier Kapitel bietet einen Einstieg in begriffliche und strukturelle Grundlagen der mittelalterlichen Geschichte und ihrer Erforschung, die für alle Studierenden der Geschichte relevant sind. Das Buch richtet sich also nicht nur an Studierende, die einen Schwerpunkt auf mittelalterliche Geschichte legen wollen, sondern an alle Geschichtsstudentinnen und -studenten, vor allem, wenn sie wenig Vorkenntnisse über mittelalterliche Geschichte mitbringen. Sehr erhellend dürfte nicht zuletzt sein, wie prägend das Mittelalter noch in unser heutiges Universitätsleben hineinwirkt; das zeigen sehr eindrucksvoll die Erläuterungen der vielen lateinischen Begriffe, die noch heute im universitären Alltag gebräuchlich sind (37 ff.; vergleiche auch Begriffe des Bankverkehrs, 71).

Kurze und prägnante Erklärungen sind überhaupt eine der Stärken dieses Buches, die auch vom Layout unterstützt werden. Die am Rand kurz (auch etymologisch) erläuterten Begriffe sind im Text blau hervorgehoben. Weitere Hervorhebungen in Blau markieren die wichtigsten Stichwörter, sodass man sich im Text schnell orientieren kann und sich beim nochmaligen Überblicken eines Kapitels ein Gerüst merken kann. Farblich unterlegt finden sich außerdem noch die Rubriken Überblick, Abbildungen, Quellen, Literatur, Info, Tipp sowie Aufgaben zum Selbsttest. Die immer in Verbindung zum Text stehenden Abbildungen reichen von aktuellen Fotos mittelalterlicher Bauwerke über Abbildungen von Handschriften bis hin zu Auszügen aus Editionen und anderen wissenschaftlichen Hilfsmitteln, anhand derer ihr Aufbau und Informationsgehalt leicht nachvollziehbar erläutert werden. Manches ist vielleicht überflüssig wie das Muster eines Stundenplans. Die so geläufige Darstellung der Kreuzzugspredigt Papst Urbans II. auf einem Holzschnitt wird zwar korrekt als Darstellung des 15. Jahrhunderts identifiziert, sollte aber nicht als Illustration für die Vorgänge von 1095 genommen werden. Ansonsten sind die Abbildungen durchweg sehr instruktiv. Der konkreten Veranschaulichung dienen auch die gut ausgewählten Quellenstellen. Unter der Rubrik "Info" werden allgemeine Ausführungen an einem konkreten Beispiel kurz erläutert, wodurch die Darstellung an Farbigkeit gewinnt und Einblick in die Vielfalt mittelalterlicher Denk- und Lebensweisen gibt. Hier sei etwa auf die Ausführungen zur Erfindung der Brille verwiesen, die von Abbildungen der ältesten erhaltenen Darstellung einer Person mit Brille und den in einem Nonnenkloster gefundenen Nietbrillen flankiert werden (55-57). Wer sich eingehender dafür interessiert, erhält am Ende eines Abschnittes Hinweise auf weiterführende Literatur, die aber bewusst knapp gehalten sind, um nicht durch Fülle zu verwirren.

Die vor allem im ersten Kapitel (aber nicht nur) konzentrierten Tipps zum Studium und zum wissenschaftlichen Arbeiten kann man aus der Sicht langjähriger Lehre nur unterstreichen. Die vom Verlag vorgesehene Rubrik "Selbsttest" ist vielleicht am Ende dieses ersten Kapitels weniger sinnvoll als in den späteren Abschnitten, wo die Fragen dazu anregen, sich die dargelegten Grundlagen mittelalterlicher Geschichte in eigener Formulierung zu vergegenwärtigen. Das zweite Kapitel gibt einen thematischen Überblick über "Grundzüge der Epoche" Mittelalter; es behandelt Lebensbedingungen, Wirtschaft, Kirche, Gesellschaft, Herrschaft und Recht sowie Bildung und Wissenschaft; dabei wird einerseits klar, dass viele heutige Strukturen auf mittelalterlichen Grundlagen aufbauen, andererseits wird auch die Andersartigkeit des Mittelalters deutlich. Im dritten Kapitel werden "die Grundlagen historischen Arbeitens" erklärt, wobei der Schwerpunkt auf dem Arbeiten mit den Quellen und den dafür wichtigen Hilfsmitteln liegt. An Beispielen wird auch darauf verwiesen, wie stark Quelleninterpretation von der Herangehensweise der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geprägt sein kann (zum Beispiel 129), was sehr deutlich macht, wie wichtig es ist, immer wieder auf die Quellen selbst zurückzugreifen. Das vierte Kapitel ist den "Grund- oder Hilfswissenschaften" gewidmet und zeigt deren Relevanz für das Geschichtsstudium an anschaulichen Beispielen auf. Im letzten Kapitel werden prägende Abschnitte der "Wege der Forschung" in verschiedenen Teildisziplinen der Geschichte nachgezeichnet und neuere Tendenzen der Forschung skizziert. Die Vorstellung wichtiger Nachbarwissenschaften vermittelt einen Eindruck von den Erkenntnismöglichkeiten interdisziplinärer Vernetzung.

Außer drei separaten Registern (Personen und Werke, Orte, Sachregister) enthält das Buch am Schluss noch ein alphabetisches Glossar der zuvor erklärten Begriffe, sowie knappe und auf Anfängerinnen und Anfänger zugeschnittene Literaturempfehlungen zu den Rubriken: Einführung (in die Geschichte des Mittelalters), Neue Medien, Handbücher und Gesamtdarstellungen, Herrscherbiografien, Quellensammlungen und Übersetzungen sowie Grund- und Hilfswissenschaften. Soweit verfügbar werden auch Internetadressen dazu angegeben beziehungsweise auf CD-ROMs verwiesen.

Insgesamt kann das mit persönlichem Engagement geschriebene und übersichtlich strukturierte Buch allen Studierenden der Geschichte nur empfohlen werden. Eine Lektüre vor Beginn des Studiums nimmt schon die Antworten auf viele praktische Fragen vorweg, die sich bei einem Blick auf die Vorlesungsverzeichnisse oder bei einem ersten Besuch an der Universität stellen, und erleichtert damit den Einstieg ins Studium. Als Begleitlektüre zu den Mittelalterveranstaltungen des Grundstudiums gelesen erleichtert es das Verständnis beziehungsweise ermöglicht, Gehörtes zu vertiefen beziehungsweise zu wiederholen oder Versäumtes nachzuholen.

Gertrud Thoma