Rezension über:

Achim Hubel / Bernd Schneidmüller (Hgg.): Aufbruch ins zweite Jahrtausend. Innovation und Kontinuität in der Mitte des Mittelalters (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 16), Stuttgart: Thorbecke 2004, 360 S., ISBN 978-3-7995-4267-8, EUR 59,00
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Rezension von:
Gertrud Thoma
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Gertrud Thoma: Rezension von: Achim Hubel / Bernd Schneidmüller (Hgg.): Aufbruch ins zweite Jahrtausend. Innovation und Kontinuität in der Mitte des Mittelalters, Stuttgart: Thorbecke 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/7090.html


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Achim Hubel / Bernd Schneidmüller (Hgg.): Aufbruch ins zweite Jahrtausend

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Der Sammelband ist Ergebnis eines 2002 am Zentrum für Mittelalterstudien der Universität Bamberg abgehaltenen interdisziplinären Kolloquiums. Anknüpfend an die bayerische Landesausstellung zu Kaiser Heinrich II., aber aus wesentlich weiterem Blickwinkel, sollte die Zeit um und nach 1000 betrachtet werden. Nicht der Kaiser und sein Wirken standen im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob strukturelle Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Kunst und Kultur feststellbar seien, die das frühe 11. Jahrhundert möglicherweise als Aufbruchszeit charakterisieren ließen. Bernd Schneidmüller erläutert die Leitfrage der Tagung in seiner kurzen Einleitung (9-14).

Drei Aspekte des Wandels politischer Ordnungsvorstellungen im Reich arbeitet Klaus van Eickels in seinem Beitrag (15-30) heraus. Von bisher drei Legitimationsgrundlagen des Königtums entfielen um 1000 sowohl die Notwendigkeit, äußere Gefahren abzuwehren, wie auch die Möglichkeit zur Expansion; nur die Aufgabe eines Garanten der inneren Ordnung verblieb. Parallel dazu ermöglichte die Christianisierung des Ostens und Nordens der Kirche die Verlagerung des Schwerpunktes von der Mission zur Kontrolle der Lebensordnungen. Zum Dritten konnte der Adel durch die Stabilität des Reiches ein weit in die Vergangenheit zurückreichendes und auf die Zukunft ausgerichtetes Hausbewusstsein entwickeln. Für die Durchsetzung dieser neuen Ordnungsvorstellungen griffen die Eliten allerdings auf etablierte Traditionen wie etwa Sakralität des Königtums, konsensuale Herrschaft oder das Kirchenrecht zurück. Hans-Werner-Goetz (31-50) geht von der in der westeuropäischen Forschung viel diskutierten These eines strukturellen Wandels um 1000 aus und fragt nach deren Berechtigung und Bedeutung für die tendenziell eher herrscherorientierte deutsche Forschung. Ein Überblick über die Stellungnahmen zur These der "mutation de l'an mil" und eine Prüfung ihrer Hauptargumente ergibt, dass die These mehr auf vorgefassten Modellen als auf solider Quellenauswertung beruht. Goetz betont das ständige und regional beziehungsweise zeitlich unterschiedliche Nebeneinander von Kontinuität und Wandel, das es nicht erlaube, generell von einem gesellschaftlichen Wandel um 1000 zu sprechen.

Aus dem Blickwinkel der Architekturgeschichte konstatiert Cord Meckseper (51-72) eine neue Ganzheitlichkeit in der Gestaltung, die typologische Elemente (etwa im Kirchenbau) oder verschiedene funktionale Räume (im agrarischen Hausbau beziehungsweise im Burgenbau) nicht nur addiert, sondern aufeinander bezieht und in ein Gesamtgefüge integriert. Im Städtebau des 11. Jahrhunderts lässt sich ein solches neues Strukturprinzip weniger deutlich nachweisen. Wenn auch Letzteres für den städtischen Bereich nicht hervorstechend ist, so nimmt Frank G. Hirschmann in seiner Untersuchung über den "Ausbau der Kathedralstädte im frühen 11. Jahrhundert" (73-116) doch allgemein einen Urbanisierungsschub an. Er lässt sich ablesen an Mauerbau, Dombau, Gründung von Stiften und Klöstern, Marktgeschehen (meist schon im 10. Jahrhundert) oder Wasserbaumaßnahmen. Der Westen des Reiches geht dabei zeitlich voraus (Ende 10. Jahrhundert), in der Mitte des Reiches findet mehr Urbanisierung statt als im Norden und im Süden. Dieses Ergebnis lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass Aufbruch und Wandel regional und zeitlich unterschiedlich anzusetzen sind, ähnlich wie Goetz das für seinen Untersuchungsgegenstand formuliert hat.

Mit verfeinerten Möglichkeiten der Quellenanalyse kommen die beiden folgenden archäologischen Beiträge zu neuen Ergebnissen. Heiko Steuer (117-149) kann anhand naturwissenschaftlicher Analysen der für unterschiedliche Herkunft des Silbers charakteristischen Spurenelemente feststellen, dass das im Osten und Norden des Reiches gefundene Hacksilber wie die Münzen bis zur Jahrtausendwende vor allem aus der arabischen Welt und Mittelasien kamen. Als diese Handelsbeziehungen durch Abwertung der arabischen Münzen und politische Unruhen zurückgingen und der Silberumlauf im Westen durch Tributforderungen des Ostens weiter verknappt wurde, kehrte sich Ende des 10. Jahrhunderts der Silberstrom um. Im Westen wurde nun Silber in Bergwerken (im Harz vor allem Gittelde, weniger Goslar) abgebaut, um den Bedarf an Münzen zu decken, die dann über den Handel auch in den Norden und Osten gelangten und entsprechend in Münzfunden oder Hacksilber nachweisbar sind. Damit wird auch ein bedeutender wirtschaftlicher Aufschwung in Europa um 1000 bezeugt. Silberfunde spielen auch im folgenden Beitrag von Joachim Henning (151-181) eine Rolle. Er geht aus von vermehrten Silberschatzfunden östlich von Saale und Elbe nach 970 und vor allem im beginnenden 11. Jahrhundert und von der durch verfeinerte dendrochronologische Datierungsmethoden möglichen Feststellung, dass größere und an zentralen und auf überörtliche Verkehrswege ausgerichteten Stellen gelegene Burgen im 11. Jahrhundert gebaut wurden, während die Vielzahl der kleineren Lokalburgen dem 10. Jahrhundert zuzuordnen ist. Henning kombiniert diese Befunde mit der Erwähnung einer großen Zahl von Leuten und unermesslicher Beute in den Quellen über die Feldzüge Heinrichs II. und schließt daraus, dass es bei den deutsch-polnischen Auseinandersetzungen nicht zuletzt um den Zugriff auf die vom Rheinland über Erfurt, Meißen, Krakau nach Kiew und weiter nach Mittelasien führende Handelsstraße ging.

Bernd Mohnhaupt (183-203) sucht nach den in den Bildern selbst präsenten Elementen von Rezeptionssteuerung, die sich seiner Meinung nach um 1000 häuften. An drei Beispielen heilsgeschichtlicher Darstellungen zeigt Mohnhaupt, wie die Betrachter etwa durch die unterschiedliche Entfernung verschiedener Bildteile, durch den Bezug zum eigenen Handeln oder zur eigenen Situation in ihrer Rezeption gelenkt werden. In solchen Elementen erweise sich die Individualität der Werke, die bei aller Aufnahme von Traditionen keineswegs nur davon bestimmt seien.

Wolfgang Haubrichs (205-226) bietet eine aktualisierte Version eines Beitrags von 1989 [1], demzufolge in den Annales Quedlinburgenses um 1000 alle wichtigen Sagenstoffe amalgamiert und als dunkle Folie funktionalisiert wurden, von der sich die christliche Gegenwart abheben sollte, die immer wieder noch von der heidnischen Welt bedroht wurde. Inwiefern damit ein Wandel verbunden ist, wird nicht thematisiert. Für die einschlägigen Quellenpassagen und ihre Interpretation ist jetzt die Neuedition von Martina Giese (MGH SS rer. Germ. 72, 2004) zu vergleichen. Rolf Bergmann (227-257) stellt zunächst mit vielen Zitaten die traditionelle These von einem Neubeginn volkssprachlicher Schriftlichkeit vor und macht auf Ungereimtheiten aufmerksam. Eine Übersicht über die Überlieferung des 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts lässt erkennen, dass es in der vermeintlichen Lücke zwischen dem 9. und der Mitte des 11. Jahrhunderts eine Reihe von Bearbeitungen von Texten und Glossierungen gab, die ein Interesse und einen Bedarf an deutschsprachigen Texten erweisen. Diese Texte sind allerdings nach wie vor in lateinische Überlieferungszusammenhänge eingebettet, während erst ab dem 12. Jahrhundert mit deutschsprachigen Sammelhandschriften etwas Neues entstand.

Volkhard Huth (259-282) belegt eine bewusste Wissenskultur um Heinrich II. anhand der Untersuchung von Inschriften auf dem "Sternenmantel Kaiser Heinrichs II." und dem Baseler Antependium, die sich nur durch arabisches astronomisches Fachwissen (wohl vermittelt durch Ismahel, der in Bamberg verstarb) beziehungsweise durch neuplatonisches Gedankengut (vermittelt durch in Bamberg vorhandene Handschriften, unter anderem ein Autograf von Johannes Scottus Eriugena) erklären lassen. Ekkehard Rotter (283-344) untersucht die Verwertung von Informationen über Mohammed und die Ausbreitung des Islam, die dem Abendland seit Landulf Sagax (von dessen Historia Romana Heinrich II. eine Abschrift für Bamberg hatte anfertigen lassen) zur Verfügung standen, in der Chronistik des 11. Jahrhunderts. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sie mangels Interesse an der muslimischen Welt nicht wirklich genutzt wurden, die kurzen Erwähnungen aber ziemlich sachlich ausfallen. Erst die leidvollen Erfahrungen der Pilgerfahrt der deutschen Bischöfe von 1065 und die seit dem letzten Viertel des 11. Jahrhunderts aufkommenden Kreuzzugspläne weckten näheres Interesse. Während Embricho von Mainz in seiner Vita Mahumeti aus unbekanntem Material eine ziemlich negative Darstellung gab, lieferte Frutolf von Michelsberg eine auf den ihm in Bamberg zur Verfügung stehenden Handschriften von Fredegar und Landulf beruhende, bemerkenswert sachliche Einführung in die frühe Geschichte der Muslime.

Alle Beiträge des Bandes vermitteln äußerst interessante Einsichten in Wissenschaft, Kunst, Literatur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik um und nach 1000. In einigen Bereichen wie etwa den Silberströmen wird ein Wandel sehr deutlich. Nicht immer allerdings ist der Vergleich zu der Zeit vorher oder nachher so präsent, dass man auf eine spezifische Aufbruchsituation gerade am Beginn des zweiten Jahrtausends schließen könnte. Die Beiträge über die gesellschaftliche Entwicklung und über die volkssprachliche Überlieferung können eine solche besondere Konstellation nicht feststellen. Dass deshalb der Aufbruch ins zweite Jahrtausend sicher einen in den jeweiligen Bereichen und Regionen sehr unterschiedlich intensiven Verlauf nahm, auch wohl nur einer unter vielen war oder zumindest nicht durchgängig postuliert werden kann, schmälert nicht den Ertrag der Tagung, die das Verdienst hatte, strukturelle Gegebenheiten und Entwicklungen der Zeit herauszuarbeiten, auf die in einer herrscherzentrierten Forschung sonst nicht so geachtet wird.


Anmerkung:

[1] Wolfgang Haubrichs: Heldensage und Heldengeschichte. Das Konzept der Vorzeit in den Quedlinburger Annalen, in: Klaus Matzel / Hans-Gert Roloff (Hg.): Festschrift für Herbert Kolb, Bern u.a. 1989, 171-201.

Gertrud Thoma