Rezension über:

Hartmut Berghoff: Moderne Unternehmensgeschichte. Eine themen- und theorieorientierte Einführung, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2004, 380 S., ISBN 978-3-8252-2483-7, EUR 17,90
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Rezension von:
Tim Schanetzky
SFB "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel", Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Tim Schanetzky: Rezension von: Hartmut Berghoff: Moderne Unternehmensgeschichte. Eine themen- und theorieorientierte Einführung, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/6505.html


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Hartmut Berghoff: Moderne Unternehmensgeschichte

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Die Unternehmensgeschichte führte in Deutschland lange eine wenig beachtete Randexistenz. Das änderte sich erst in den 1990er-Jahren, als die Diskussion über Zwangsarbeit, Arisierung und Raubgold das Fach schlagartig in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses katapultierte und zahlreiche neue Forschungsprojekte anstieß. Dieser beispiellose Boom war zugleich ein Ausdruck für den veränderten Blickwinkel von Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte: Im Rahmen einer dominierenden mikroökonomischen Perspektive rückte nun verstärkt das einzelne Unternehmen in den Mittelpunkt ihres Interesses. Das Fach hat von dieser Entwicklung aber vor allem deshalb profitiert, weil nun eine überfällige theoretisch-methodische Selbstreflexion einsetzte. Diese ist zwar längst nicht abgeschlossen, und die modische Hegemonie der Neuen Institutionenökonomie richtete auch manchen Schaden an - aber die Einsicht, dass Unternehmen nur theoriegeleitet untersucht werden können, war doch rasch allgemeiner Konsens geworden. Damit hatte das Fach immerhin seine Tradition einer unkritischen Festtagshistorie, deren wissenschaftliche Qualifikation oft genug und mit Grund in Frage gestellt worden war, endgültig abgeschüttelt.

Heute ist der Boom der Unternehmensgeschichte längst abgeebbt. Die letzten Großprojekte stehen kurz vor dem Abschluss, und auch die Theoriedebatte hat an Fahrt verloren. Doch das Stadium der Selbstreferenz hält weiter an. Nachdem Toni Pierenkemper eine erste Einführung in die Unternehmensgeschichte vorlegte [1], ist nun ein zweites Lehrbuch auf dem Markt. Hartmut Berghoff schließt mit seiner "Modernen Unternehmensgeschichte" jene Lücke, die Pierenkemper offen gelassen hatte: Sie ist als Textbook konzipiert, das Studenten und interessierte Laien ansprechen will - dazu tragen reichhaltige Abbildungen, vor allem aber eine gut lesbare, anschauliche Sprache bei. Und so ist es kaum überraschend, dass die Darstellung nach einer knappen Einleitung mit der Erörterung von "Sinn und Nutzen der Unternehmensgeschichte" für Ökonomen, Praktiker im Unternehmen und für die historische Forschung einsetzt. Vier Dimensionen markieren demnach die Bedeutung von Unternehmen für die Geschichtswissenschaft: Diese sind erstens ein "ökonomischer Motor der Geschichte", fungieren zweitens als soziales Handlungsfeld, bilden als "kulturschaffende Institutionen" drittens Kristallisationspunkte von Werten und Normen, und viertens sind Unternehmen und Unternehmer "wichtige politische Akteure".

Die Gliederung des Buches nimmt diese Dimensionen auf. Zunächst referiert Berghoff die theoretische Auseinandersetzung mit Unternehmern (Historische Schule, Schumpeter, Redlich, Casson) und Unternehmen: Hier dominiert die Neue Institutionenökonomie, und so wird die allmähliche Erweiterung der Neoklassik ausführlich dargestellt und dann um konkurrierende Theorieangebote ergänzt (Bürokratieansatz, Evolutionsökonomie sowie Kontingenz-, Koalitions- und Systemtheorie). Das dritte Kapitel erfüllt eine Doppelfunktion: Es bietet einen kompakten Überblick über Unternehmensstrukturen im historischen Wandel und ist zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit Alfred D. Chandler. Dem stellt Berghoff im vierten Kapitel eine ausführliche Würdigung der kleinen und mittelständischen Unternehmen gegenüber. Kapitel fünf über die "Globalisierung des Unternehmens" trägt wieder stärker chronologische Züge und ist eigentlich eine kleine Geschichte der weltwirtschaftlichen Integration. Dem Unternehmen als soziokulturellem Handlungsfeld widmet sich das sechste Kapitel und vereint die Themen Unternehmenskultur, Unternehmensethik und Netzwerktheorie, spart die "Mikropolitik" aber leider weitgehend aus. Sehr ausführlich ist die historische Darstellung der politischen Geschichte des Unternehmens im siebten Kapitel: Sie konzentriert sich auf das Verhältnis von Staat und Wirtschaft sowie auf die industriellen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert und schließt mit einem Abschnitt, in dem die kommunalpolitische Bedeutung von Unternehmen und Unternehmern besonders herausgestellt wird. Das nächste Kapitel referiert die Ergebnisse der jüngeren Forschungen zur deutschen Wirtschaftselite, greift aber vor allem mit der "Rolle der Frauen" im Unternehmen ein in Deutschland bisher sträflich vernachlässigtes Thema auf. Es folgt ein Abschnitt über technischen Fortschritt und den Wandel der Produktionsregime, in dem erneut auch die Kritiker Chandlers (Piore / Sabel, Scranton) zu Wort kommen. Ein Kapitel über "Produktivkräfte jenseits der Produktion" fasst die Geschichte des Marketings, der Werbung und des Einzelhandels zusammen, bevor eine sehr knappe Skizze über "Unternehmensgeschichte als akademische Disziplin" die Darstellung beendet.

Diese Einführung erfüllt ihre Funktion tatsächlich mustergültig: Sie schildert die Vielfalt des Faches und seines Gegenstandes, ohne sich in der Vielzahl der Details zu verlieren. Vor allem gelingt es Berghoff, den Blick über Deutschland hinaus auch auf englische und amerikanische Unternehmen zu lenken, wie überhaupt die Fülle der gut integrierten empirischen Beispiele erheblich zur Anschaulichkeit beiträgt. Dass aber "Lesbarkeit" nur mit dem Verzicht auf Anmerkungsapparat und ausreichende Literaturhinweise zu erlangen ist, zählt wohl zu den ärgerlichsten Vorurteilen des Verlagswesens und erschwert gerade dem Einsteiger die weiterführende Lektüre.

So empfehlenswert das Buch für Studenten und interessierte Laien also ist, sieht sich der fortgeschrittene Leser doch etwas in der Erwartung enttäuscht, die der Titel weckt: Auf ein klares Statement zur "modernen" Unternehmensgeschichte wartet man bei der Lektüre jedenfalls vergebens. Berghoff gibt in der Einleitung ein "offensives Bekenntnis zum reflektierten Eklektizismus" ab, hebt die Interdisziplinarität des Faches besonders hervor und will daher die unterschiedlichen Ansätze offen nebeneinander stellen (7-10). Ein klares und durchaus trennscharfes Bild vom Gegenstand der Unternehmensgeschichte wird aber gleichwohl implizit gezeichnet. Die Gliederung, vor allem aber die Gewichtung der Themen folgt fraglos dem Konzept der "Unternehmensgeschichte als Gesellschaftsgeschichte", freilich ohne dass dies in der Einleitung thematisiert würde. So erklärt sich auch, warum der Leser nur wenige Hinweise darauf findet, wie sich die Unternehmensgeschichte ein Bild davon machen könnte, was genau eigentlich innerhalb des Unternehmens geschieht: wie Entscheidungsprozesse ablaufen, wie Konflikte machtvoll ausgetragen werden, wie Unternehmen Wissen über sich und ihre Umwelt produzieren und verarbeiten - diese Dimensionen bleiben eigenartig konturlos. So deutlich Pierenkemper in seiner Einführung also noch den "ökonomischen Kern" des Unternehmens in den Mittelpunkt rückte, so klar konzentriert sich Berghoff nun auf den gesellschaftsgeschichtlich inspirierten Blick "von außen" auf das Unternehmen. Beides sind legitime normative Setzungen - warum also die Rede vom "reflektierten Eklektizismus"?

Dies soll den Wert der "Modernen Unternehmensgeschichte" aber nicht schmälern: Sie ist uneingeschränkt zu empfehlen, und auch dem fortgeschrittenen Leser ist sie eine Fundgrube für gelungene Synthesen. Vor allem liegt nun endlich eine Einführung vor, die gezielt auf die Bedürfnisse der Studenten eingeht!


Anmerkung:

[1] Toni Pierenkemper: Unternehmensgeschichte. Eine Einführung in ihre Methoden und Ergebnisse (= Grundzüge der modernen Wirtschafts-Geschichte; Bd. 1), Stuttgart 2000; siehe hierzu die Rezension von Harald Wixforth in sehepunkte 1 (2001), Nr. 2, http://www.sehepunkte.de/2001/02/2132.html.

Tim Schanetzky