Rezension über:

Susanne Köstering / Renate Rüb (Hgg.): Müll von gestern? Eine umweltgeschichtliche Erkundung in Berlin und Brandenburg (= Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt; Bd. 20), Münster: Waxmann 2003, 177 S., 36 Abb., ISBN 978-3-8309-1258-3, EUR 19,90
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Rezension von:
Marco Schrul
Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Marco Schrul: Rezension von: Susanne Köstering / Renate Rüb (Hgg.): Müll von gestern? Eine umweltgeschichtliche Erkundung in Berlin und Brandenburg, Münster: Waxmann 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/5516.html


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Susanne Köstering / Renate Rüb (Hgg.): Müll von gestern?

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Die Stärke des von Susanne Köstering und Renate Rüb herausgegebenen Sammelbandes liegt in seiner Vielseitigkeit. Er bietet sowohl einen thematischen Einstieg in die Umweltgeschichte der Müllentsorgung und Abfallverwertung als auch komparative Anknüpfungspunkte. Zudem fügt er der zurzeit intensivierten Forschung zur Umweltgeschichte im Nationalsozialismus einige weitere Aspekte hinzu.

Die thematische Unterteilung lässt diese Vielfalt zunächst nicht erwarten: Nach einer "Annäherung an den Gegenstand" ist der Band in drei weitere Kapitel zu Deponien, landwirtschaftlicher Verwertung sowie energetischer und industrieller Verwertung gegliedert. Räumlich auf Berlin und Brandenburg begrenzt, werden neben der Metropole jedoch auch die Gemeinden im "Müllgürtel" von Berlin, vor allem Vorketzin / Ketzin und Merkee / Nauen, ausführlicher in die Untersuchung einbezogen. Neben den in der Forschung mittlerweile weitgehend bekannten Auseinandersetzungen um das Golmer Luch und die Rolle von Hans Klose im Umweltschutz des Nationalsozialismus findet sich in dem Band auch eine Bilanz der Altmaterialverwertungskampagne im Zuge der Autarkiebestrebungen des Vierjahresplanes. Darüber hinaus ist der Band mit hilfreichen bibliografischen und archivalischen Hinweisen versehen.

Trotz zahlreicher Studien zur Geschichte der Stadttechnik wurde der Bereich der Müllentsorgung und Abfallverwertung von der umwelthistorischen Forschung bisher vernachlässigt. [1] Gleiches gilt auch, mit einem auf die Umweltmedien bezogenen Ansatz, für das Schutzgut Boden, für das sich die umwelthistorische Forschung seit Ende der 1980er-Jahre wenig interessiert hat. [2] Insofern ist die Entscheidung des Herausgebers der mittlerweile renommierten "Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Umwelt und Arbeit" zu begrüßen, dem Sammelband Arbeiten aus einem Projekt an der Technischen Universität Berlin im Jahr 1993 zu Grunde zu legen. Angeregt wurde das Projekt von der Gruppe "smög-StudentInnen machen Ökologie-Geschichte", Reinhard Rürup begleitete es.

Die Beiträge setzen ein mit der Entstehung des modernen Hausmüllproblems in den 1880er-Jahren. Der Untersuchungsgegenstand blieb jedoch in Art und Zusammensetzung nie gleich: War der Müll anfangs durch einen hohen Anteil an Aschen und biogenen Stoffen sowie vergleichsweise geringe anorganische Schadstoffbelastungen gekennzeichnet, änderte sich dies in der Folgezeit wiederholt.

Das spiegelt sich auch in der landwirtschaftlichen Verwertung des Mülls wider. Der in der vorindustriellen Zeit und noch bis zur Jahrhundertwende weitgehend üblichen Verwertung des Mülls in der Landwirtschaft waren durch die veränderte Müllzusammensetzung Grenzen gesetzt. Renate Rüb beschreibt in ihrem Aufsatz neben den "Grenzen" dieses "tradierten Systems" die Ausnahmeerscheinung Arthur Schurig. Dieser experimentierte seit 1907 im Havelländischen Luch in Markee mit der Bodenmelioration durch Müllablagerung. Im Gegenzug zur Verwertung eines Sechstels des Berliner Müllaufkommens lieferte Schurig auf dem Müll angebautes Gemüse nach Berlin und in andere Städte. Auch Schurig blieb jedoch von der Zusammensetzung des Mülls abhängig: Profitierte er 1907 vom Ausbruch der Schweinepest in Segefeld, wo die Küchenabfälle aus Charlottenburg verwertet wurden, bedeutete die zwangsweise Einführung der Küchenabfallsammlung für die Schweinemast 1937 das Aus für seinen Betrieb.

Neben der landwirtschaftlichen Nutzung widmet sich ein umfassendes Kapitel anderen Ansätzen der Müllverwertung. Carsten Jasner nimmt die kurze Geschichte des "Charlottenburger Dreiteilungsmodells" in den Blick, mit dem von 1907 bis 1917 Asche und Kehricht getrennt von den Küchenabfällen und anderen Sperr- und Wertstoffen erfasst und verwertet beziehungsweise entsorgt wurden. Der anschließende Aufsatz von Susanne Köstering über die Entzinnung von Konservendosen und anderem Weißblechabfall besticht dadurch, dass er am Beispiel der Firma Th. Goldschmidt die hundertjährige Geschichte dieses Verwertungsansatzes von den Anfängen in den 1880er-Jahren bis zur Stilllegung der deutschen Entzinnungsanlagen 1989 nachvollzieht. Durch den langen Betrachtungszeitraum wird die wirtschaftliche Abhängigkeit der Entzinnung von der sich ändernden Art und Zusammensetzung des Weißblechabfalls deutlich - letztlich sorgten ein kontinuierlich verringerter Zinnanteil und der Verbund von Weißblech und Aluminium in Getränkedosen für den wirtschaftlichen Niedergang der Entzinnung.

Eine weitere Abhandlung von Susanne Köstering zeigt das Scheitern des 1937 von Göring eingesetzten "Reichskommissars für Altmaterialverwertung". Bereits im ersten Jahr der Altmaterialerfassung wurde das hoch gesteckte Ziel um 90% unterschritten. Ursachen hierfür waren unrealistische Einschätzungen bzw. Wunschvorstellungen der Planer und zum Teil divergierende Erfassungsansätze - die kampagnenartig organisierten Altmaterialsammlungen verstärkten die "Abmagerung des Mülls" und konterkarierten die intensivierte Müllsortierung.

Letztlich sorgten das Anwachsen des Mülls und das Ende des "tradierten Systems" der landwirtschaftlichen Verwertung dafür, dass die verbleibenden Müllberge deponiert oder verbrannt werden mussten. Dass die Müllverbrennung letztlich vor allem der Volumenreduzierung diente und mit ihr keine nennenswerte Energieausbeute oder Verwertung der Verbrennungsrückstände erzielt werden konnte, illustriert der Aufsatz von Olaf Stellberger über den "Müllstandort Rote Insel in Schöneberg".

Weitere Aufsätze arbeiten die lange Vorgeschichte der späteren "Skandaldeponien" Schöneberg, Vorketzin und Deetz im Ostberliner Umland und die Hintergründe der Westberliner Müllentsorgung in der DDR seit 1973 auf. Vorangestellt ist dem Deponie-Kapitel eine Analyse der historischen Standortwahl von Deponien und dem Einfluss von Fragen der Umweltverträglichkeit auf diese Entscheidungsprozesse.

Neben einer Aufarbeitung der Umweltgeschichte der Abfallverwertung und Müllentsorgung ist der Band auch für andere regionale Studien zur Umweltgeschichte interessant. Durch Ingrid Schmids Artikel über "Den langen Weg zur Kommunalisierung der Berliner Müllabfuhr" und aus dem Kontext weiterer Beiträge entsteht das Gerüst für eine Geschichte der "Müllhauptstadt Berlin" - von der positiven herausgestellten Funktion als "einzigartiges Laboratorium neuer Verabreitungsformen von Müll" (11) bis zu den Müllexporten in das Brandenburger Umland. Sehr klar hat Susanne Köstering den Grundkonflikt zwischen dem sozialdemokratischen Bürgermeister Ketzins Karl Reumschüssel als Befürworter und Initiator der örtlichen Großdeponie und seinem Gegenspieler, dem Baumschulenbesitzer und Gartenstadtanhänger Hellmuth Späth, herausgearbeitet. Weitere Studien müssen zeigen, inwiefern sich die Umweltgeschichte einer Metropole und ihres Umlandes insbesondere von der anderen deutschen Mittel- und Großstädte unterscheidet.

In ihrem Nachwort kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Entscheidungen für oder gegen umweltschonendes Verhalten immer im Zielkonflikt zwischen "gesundheitlich-emotionalem Wohlbefinden" (169), ökologischen Aspekten und wirtschaftlichen Interessen fallen. Letztere sind dabei meist nur kurzfristig angelegt beziehungsweise unterliegen dem stärksten Wandel, lassen aber die anderen Interessen meist zurücktreten (169 f.). Eine Umweltgeschichte des Mülls wird sich deswegen auch zukünftig wesentlich mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzen müssen.

Kritisch anzumerken bleibt, dass der produktiven Vielseitigkeit des Sammelbandes auch einige unnötige Schwächen gegenüberstehen. Der Beitrag von Inka Wienen über die archäologischen und stofflichen Aspekte einer Umweltgeschichte des Mülls und die von Esther Hoffmann und Ingrid Laude eingebrachte geschlechterbezogenen Sichtweise auf das Thema sind zwar inhaltlich wichtig, fallen in ihrer Umsetzung jedoch knapp und oberflächlich aus.


Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa Dieter Schott: Die Vernetzung der Stadt. Kommunale Energiepolitik, öffentlicher Nahverkehr und die Produktion der modernen Stadt. Darmstadt - Mannheim - Mainz 1880-1918, Darmstadt 1999.

[2] Zusammenfassend Engelbert Schramm: Zu einer Umweltgeschichte des Bodens, in: Franz-Josef Brüggemeier / Thomas Rommelspacher (Hg.): Besiegte Natur. Geschichte der Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert, München 1989, 86-105.

Marco Schrul