Rezension über:

Gabriele Oepen-Domschky: Kölner Wirtschaftsbürger im Deutschen Kaiserreich. Eugen Langen, Ludwig Stollwerck, Arnold von Guilleaume und Simon Alfred von Oppenheim (= Schriften zur Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsgeschichte; Bd. 43), Köln: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln 2003, 502 S., 41 Abb., ISBN 978-3-933025-38-8, EUR 25,00
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Rezension von:
Morten Reitmayer
Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Morten Reitmayer: Rezension von: Gabriele Oepen-Domschky: Kölner Wirtschaftsbürger im Deutschen Kaiserreich. Eugen Langen, Ludwig Stollwerck, Arnold von Guilleaume und Simon Alfred von Oppenheim, Köln: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/11/5271.html


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Gabriele Oepen-Domschky: Kölner Wirtschaftsbürger im Deutschen Kaiserreich

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Bei der anzuzeigenden Arbeit handelt es sich um eine im Jahr 2000 in Duisburg angenommene Dissertation über das Leben der vier im Untertitel angeführten Kölner Unternehmer im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Oepen-Domschkys Ziel ist es, durch einen "personen- und mentalitätsgeschichtlichen Ansatz" die "Zusammenhänge zwischen Stadt, Epoche und Gesellschaftsschicht" vertieft zu untersuchen. Der Ansicht, dass diese Zusammenhänge ein so vollkommenes Desiderat der Forschung seien, wie die Verfasserin etwas apodiktisch behauptet, vermag sich der Rezensent allerdings nach den einschlägigen Arbeiten von Gisela Mettele und Pierre Ayçoberry (letztere blieb Oepen-Domschky offenbar unbekannt) nicht anzuschließen.

Eine Mentalitätsgeschichte des Wirtschaftsbürgertums oder eines Teilsegments desselben, dieses Vorhaben ist in der Tat vielversprechend angesichts der vielfältigen Fragmentierungen und rasanten Dynamiken im Sozialraum der Oberklassen während des Kaiserreiches, macht neugierig auf den Untersuchungsgang. Allerdings verdient die Methodik der Autorin einige Aufmerksamkeit. Oepen-Domschky löst nämlich den Mentalitätsbegriff aus dessen kategorialer Zurechnung auf die Weisen und Inhalte des Denkens, Empfindens und Handelns von Kollektiven, und verwendet ihn in gleicher Bedeutung für die Dispositionen einzelner Menschen, mit anderen Worten, sie betreibt eine radikale Individualisierung des Mentalitätsbegriffs. Diese konzeptionelle Vorentscheidung hat weitreichende Folgen für den Verlauf und die Ergebnisse der Untersuchung.

Die Autorin beginnt mit einem kurzen, aber auf breiter Materialbasis beruhenden, quantifizierenden Kapitel über die Sozialstruktur der Stadt Köln, über die Einkommensentwicklung des städtischen Wirtschaftsbürgertums sowie über die bevorzugten Wohngegenden. Außerdem erstellt sie ein Sozialprofil der Wähler in der ersten Klasse des preußischen Drei-Klassenwahlrechts. Diesem Sozialprofil dient auch der Anhang der Arbeit über die Anzahl der einkommensteuerpflichtigen Personen in Köln sowie die Namensverzeichnisse der Kölner Millionäre und der Erste-Klasse-Wähler.

Der anschließende Hauptteil (fast 300 Seiten) des Buches gliedert sich nach den großen Lebensstationen - "Jugend", "mittlere Jahre", "Alter, Ruhestand und Tod" -, innerhalb derer die vier Protagonisten jeweils gesondert nach ihrer Ausbildung, Heirat, Unternehmensführung, ihren sozialen und kulturellen Betätigungen, ihren Familienbeziehungen und so weiter verfolgt werden. Hier werden nun die Grenzen von Oepen-Domschkys Untersuchungsansatz deutlich sichtbar. Bei den einen "Stationen" hätte eine engere Verbindung zu den Fragestellungen der historischen Anthropologie sicherlich vertiefte Ergebnisse zu Tage gefördert, etwa was generationelle Konflikte oder das Verhalten im Alter, Tod und die Symbole des Begräbnisses anbetrifft. Merkwürdigerweise fehlt auch jede Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht - immerhin wäre es ja möglich, dass diese in den Weisen und Inhalten des Denkens und Empfindens großbürgerlicher Männer eine Rolle gespielt haben könnte.

Der Analyse anderer Problemzusammenhänge wie den verschiedenen Strategien der Unternehmensführung und den wirtschaftspolitischen Aktivitäten wäre hingegen eine engere Verknüpfung mit Ansätzen der neueren Unternehmensgeschichte sicherlich zu Gute gekommen. Oepen-Domschky hingegen präsentiert bei ihrer Suche nach der (ökonomischen) Mentalität der vier Wirtschaftsbürger vier verdünnte Unternehmensgeschichten "von oben" und landet in der Synopsis bei haarsträubenden Gemeinplätzen: Eugen Langen war ein "klarblickender Patriarch", Ludwig Stollweck "bemühte sich um moderne und objektive Geschäftsleitung", Arnold von Guilleaume agierte als "unangefochtener Patriarch", Simon Alfred von Oppenheim "pflegte die klare Handlungsmaxime, dass Geschäft und Familie voneinander zu trennen seien" (alle Zitate 346). Diese unterschiedlichen "Führungsstile" - sowie die auf ähnliche Weise zu Stande gekommenen Ergebnisse in den übrigen Teilbereichen der Untersuchung - interpretiert Oepen-Domschky abschließend als Beleg für die wenigen Gemeinsamkeiten in den Mentalitäten der vier Akteure. Ihre Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Eine einigermaßen einheitliche wirtschaftsbürgerliche Kollektivmentalität existierte nicht beziehungsweise bildete sich während des Kaiserreiches nicht aus. Während die quantifizierbaren Sozialdaten, in erster Linie also die Einkommens- und Vermögensverhältnisse, aber auch die Berufe und mit Abstrichen auch die bevorzugten Wohngegenden durchaus die Existenz eines (Kölner) Wirtschaftsbürgertums nahe legen, sprechen nach Oepen-Domschky die Unterschiede der Mentalität, aber auch der jeweils bevorzugten Freundes- und Bekanntenkreise gegen diese Annahme. Folglich verwirft sie abschließend die Brauchbarkeit der Sozialkategorie Wirtschaftsbürgertum.

Hier stellt sich nun die Frage, inwieweit ein solches Ergebnis nicht die logische Folge der Untersuchungsanordnung ist. Die radikale Individualisierung des Mentalitätsbegriffs macht es unmöglich, zwischen individuellen charakterlichen Prägungen und persönlichen Präferenzen einerseits und kollektiven Dispositionen andererseits zu unterscheiden. Schon die geringste empirisch feststellbare Nicht-Übereinstimmung in den vielfältigen Empfindungs- und Handlungsweisen, jeder individuelle "bürgerliche" Charakterzug wird zu einem Scheinbeleg für die These von der Nichtexistenz eines (Wirtschafts-)Bürgertums. Damit wird auch die Gegenprobe umgangen, durch den Vergleich mit bildungs- oder kleinbürgerlichen Probanden Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Mentalitätsgeschichte bürgerlicher Gruppen aufzuspüren, und die bürgerliche Welt löst sich in eine Ansammlung von lauter unterschiedlichen Individuen oder Individualisten auf. Das Problem besteht also darin, das die Konzeption der Untersuchung nur ein einziges Ergebnis zu Tage fördern kann. Aus diesem Grund erscheinen die Schlussfolgerungen Oepen-Domschkys - bei all ihrem empathischen Eintauchen in die Lebensläufe der vier Untersuchten - dem Rezensenten wenig überzeugend.

Morten Reitmayer