Rezension über:

Erwin Oberländer (Hg.): Autoritäre Regime in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1944, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2001, XII + 697 S., ISBN 978-3-506-76186-6, EUR 51,60
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Rezension von:
Jaromír Balcar
Institut für Geschichte, Universität Bremen
Empfohlene Zitierweise:
Jaromír Balcar: Rezension von: Erwin Oberländer (Hg.): Autoritäre Regime in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1944, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2001, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 12 [15.12.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/12/3796.html


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Erwin Oberländer (Hg.): Autoritäre Regime in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1944

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"To make the world safe for democracy" - so lautete das berühmte Motto, mit dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson seine Ziele für die Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg auf den Punkt brachte. In Mittel-, Ost- und Südeuropa zerschlugen sich die damit verknüpften Hoffnungen jedoch bald, denn hier war der Demokratie nur eine kurze Lebensdauer beschieden: In Italien errichtete Mussolini bereits 1922 ein faschistisches Regime, in Deutschland endete die krisengeschüttelte Weimarer Republik 1933 mit der Machtübernahme Hitlers. Auch in "Zwischeneuropa", jenem Gürtel nach dem Ersten Weltkrieg neu geschaffener Staaten, der vom Baltikum bis Griechenland reichte, konnte sich die Demokratie nicht lange halten. An ihre Stelle traten autoritäre Regime, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs in den Herrschaftsbereich des nationalsozialistischen Deutschland oder der Sowjetunion gerieten und damit ihre eben erst erworbene Selbstständigkeit wieder verloren.

Mit diesen autoritären Regimen in Ostmittel- und Südosteuropa, die "einen 'Systemtypus sui generis' bilden, der zwischen den idealtypischen Polen der Demokratie einerseits und der totalitären Regime andererseits anzusiedeln ist" (VIII), und die bislang von der Forschung stiefmütterlich behandelt worden sind, beschäftigen sich die 18 Beiträge dieses Sammelbandes. Er entstand im Rahmen eines internationalen, von der VW-Stiftung geförderten Forschungsprojekts. Die Autoren, alle einschlägig ausgewiesene Zeithistoriker, stammen ganz überwiegend aus den von ihnen untersuchten Ländern. Sie profitierten davon, dass die Epochenwende von 1989/91 die Archive der postkommunistischen Nachfolgestaaten geöffnet hat und damit erstmals ein umfassender Aktenzugang möglich geworden ist. Auf dieser Basis gelingen erste Schritte zur Historisierung einer Periode, die als Orientierungsrahmen für den zweiten Versuch der Demokratiegründung in dieser Region auch eine "unübersehbar aktuelle politische Dimension" hat (IX).

Das erklärte Ziel des Bandes lautet, "die ersten Voraussetzungen für spätere vergleichende Untersuchungen" zu schaffen, "um schrittweise jene gemeinsamen oder partiell differenzierenden Strukturen aufzudecken, die außer in Finnland und der Tschechoslowakei in allen anderen Ländern dieser Region zwischen 1926 und 1938 zur Entstehung autoritärer Regime geführt haben [...]" (VIII). Um es vorwegzunehmen: Dieses Ziel wird erreicht. Bei allen Unterschieden ist das Niveau der Kleinstudien, die zumeist weit über den bisherigen Forschungsstand hinausweisen, durchgehend hoch. Ein großer konzeptioneller Vorteil liegt darin, dass die einzelnen Beiträge über die Klammer eines gemeinsamen Fragerasters miteinander verbunden sind: Der Blick richtet sich erstens auf die Grundlagen und Träger der autoritären Regime; dazu zählen ihre Vorbereitung beziehungsweise auslösende Faktoren für ihre Errichtung, ihre Trägerschichten und Konzepte sowie ihre "Legitimation". Zweitens wird nach Umgestaltungsprozessen gefragt; darunter fallen institutionelle und personelle Maßnahmen zur Sicherung des autoritären Regimes, die Reaktionen der politischen und geistigen Eliten sowie die Akzeptanz beziehungsweise Ablehnung in der Gesellschaft (X).

Der Band ist in zwei Teile gegliedert: Der Erste behandelt die "Präsidialdiktaturen Ostmitteleuropas", der Zweite die "Königsdiktaturen Südosteuropas" (X). Als arbeitstechnischen Notbehelf wird man dies akzeptieren, zumal sich diese Einteilung auch geografisch begründen lässt. In der Sache jedoch erscheint diese Typologie wenig überzeugend. Vielmehr verdeutlichen die Beiträge, dass beide Typen von ähnlichen Grundstrukturen gekennzeichnet und durch ähnliche Grundprobleme belastet gewesen sind:

Hier wie dort scheiterten die Demokratien an der Aufgabe, gleichzeitig einen neuen Staat aufzubauen und die Folgen des Ersten Weltkriegs zu bewältigen. Die daraus resultierende Krise diente als Legitimation der Machtübernahme eines selbst ernannten "Retters der Nation" - mochte dieser nun als Präsident oder als König wirken. Überall war der Wunsch nach einem "starken Staat" virulent, der die sozioökonomische Rückständigkeit beseitigen und die Schwierigkeiten einer forcierten Modernisierung meistern würde. Diese Sehnsucht hing freilich auch damit zusammen, dass keiner der betreffenden Staaten über eine ethnisch homogen zusammengesetzte Bevölkerung verfügte; die große Mehrheit der Titularnation erhoffte sich von einem "starken Mann" an der Spitze die Lösung der Minoritätenkonflikte, zumindest aber ihre Ruhigstellung.

Trotzdem erlangten die autoritären Regime fast nirgends einen Rückhalt in breiteren Bevölkerungsschichten, sondern mussten sich vornehmlich auf Militär und Bürokratie stützen. Nicht zuletzt deshalb waren die vermeintlich "starken Staaten" in Wahrheit schwach. Das zeigte sich in aller Deutlichkeit, als sie "allesamt Opfer des Expansionsdrangs ihrer totalitären Nachbarn" wurden (3), dem sie nicht gewachsen waren. Mehr noch: indem die autoritären Regime die demokratisch-parlamentarischen Strukturen zersetzt und durch autoritäre ersetzt hatten, schufen sie eine "ideale Voraussetzung für die Machtübernahme der Kommunisten" (17).

Allerdings sind ihr Charakter und ihren Schwächen noch heftig umstritten. Susanne-Sophia Spiliotis kommt für Griechenland zu dem Schluss, dass die Diktatur von Ioannis Metaxas, die sie als "faschistoid" bezeichnet (430), vor allem an der Transterritorialität und damit der Modernität der griechischen Gesellschaft gescheitert sei (426 ff.). Holm Sundhaussen hingegen vertritt den Standpunkt, die südosteuropäischen Gesellschaften der Zwischenkriegszeit seien aufgrund ihrer ethnischen Fragmentierung und ihrer sozioökonomischen Rückständigkeit strukturell "Faschismusunfähig" gewesen (341 f.); seiner Ansicht nach scheiterte "Metaxas (gleich den Diktatoren in den übrigen Balkanstaaten) nicht an der 'Modernität einer rückständigen Gesellschaft', sondern an der Rückständigkeit einer rückständigen Gesellschaft" (341).

Um diese und andere offene Fragen zu beantworten, sind drei Dinge erforderlich: Erstens müssen weitere Monografien zu den einzelnen autoritären Regimen in Ostmittel- und Südosteuropa erarbeitet werden, um den Kenntnisstand zu vertiefen. Auf deren Basis gilt es zweitens, eine komparative Synthese zu erstellen. Drittens wäre ein Vergleich mit den totalitären Regimen vorzunehmen, wobei wohl vor allem der Vergleich mit Italien Aufschluss über den Charakter der autoritären Regime geben kann. Gelänge dies, hätte der Band sein Ziel mehr als erreicht. Unabhängig davon erweitert er unsere Kenntnisse über "Zwischeneuropa" in der Zwischenkriegszeit erheblich, weshalb ihm eine breite Rezeption über den engeren Kreis der Osteuropahistoriker hinaus zu wünschen ist.

Jaromír Balcar