Rezension über:

Erwin Oberländer / Kristine Wohlfart (Hgg.): Riga. Porträt einer Vielvölkerstadt am Rande des Zarenreiches 1857-1914, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2004, 288 S., 19 s/w-Abb., ISBN 978-3-506-71738-2, EUR 24,90
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Rezension von:
Ulrike von Hirschhausen
Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Marco Wauker
Empfohlene Zitierweise:
Ulrike von Hirschhausen: Rezension von: Erwin Oberländer / Kristine Wohlfart (Hgg.): Riga. Porträt einer Vielvölkerstadt am Rande des Zarenreiches 1857-1914, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 1 [15.01.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/01/7582.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Erwin Oberländer / Kristine Wohlfart (Hgg.): Riga

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Das Zarenreich wie die Sowjetunion werden als multiethnische Imperien wieder entdeckt, und entsprechend interessiert gerade die multiethnische Peripherie der untergegangenen Reiche. Von diesem Trend hat die baltische Region im Nordosten des Zarenreichs bislang wenig profitiert: Trotz der politischen Integration der Gegenwart sind Arbeiten, welche die historischen Wurzeln ihrer europäischen Zugehörigkeit aufdecken, Mangelware geblieben. So gebührt den Herausgebern dieses Sammelbandes zu Riga in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Anerkennung dafür, Rigaer Historiker für die Mitarbeit an dieser Anthologie gewonnen zu haben. Das Buch, wie die Herausgeber im Vorwort anmerken, richtet sich indes weniger an das Fachpublikum, sondern vielmehr an ein breiteres Leserspektrum, eine Einschätzung, die sich bei der Lektüre noch verstärkt.

Der Band ist in acht Kapitel gegliedert, von denen sieben jeweils eine ethnische Gruppe der Stadt porträtieren. Im einleitenden ersten Kapitel skizziert Erwin Oberländer die wirtschaftliche Entwicklung Rigas, das sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer traditionellen Handelsstadt zu einer boomenden Industriemetropole wandelte. Dafür verantwortlich war vor allem die Kombination aus staatlicher Industriepolitik, wirtschaftlicher Modernisierung der Region durch frühen Eisenbahnbau seit den 1850er-Jahren und lokaler Spezifik einer innovativen Unternehmerschicht und einer gut ausgebildeten Arbeiterschaft.

Der Beitrag von Kristine Wohlfart thematisiert die Entwicklung der lettischen Bevölkerungsgruppe, die in Riga um 1900 rund 40 Prozent der Einwohner stellte. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Entwicklung der lettischen Sprache und Kultur, und entsprechend viel Raum wird der Beschreibung der Schulen und Vereine eingeräumt. Die Fülle an Details geht indes auf Kosten der politischen Dimension. Weder erwähnt der Beitrag wichtige politische Stellungnahmen der lettischen Nationalbewegung wie beispielsweise die 1881 nach Sankt Petersburg geschickte Petition, eine Neuordnung der Ostseegouvernements entlang ethnischer Linien zu veranlassen, noch wird das lebendige lettische Parteienspektrum berücksichtigt, das sich nach dem Oktobermanifest in Riga herausbildete. Die Revolution von 1905 schließlich, eine zentrale Manifestation des lettischen nation-building, in der sich die ethnischen Konflikte mit den Deutschen überaus gewaltsam entluden, wird mit keinem Wort erwähnt.

Markus Lux zeichnet die Rolle der Rigaer Deutschen nach, die bis zur Jahrhundertwende mit einem Bevölkerungsanteil von 25 Prozent die politisch, wirtschaftlich und kulturell führende Oberschicht darstellten. Zwar ermöglichte ein rigides Besitzwahlrecht ihnen bis 1914 die Führung der kommunalen Politik, doch auch innovatives sozialpolitisches Engagement konnte diese Machtstellung angesichts der zunehmenden Demokratisierung der Letten nicht mehr legitimieren. In der städtischen Wirtschaft blieben sie ebenfalls führend und waren maßgeblich an der industriellen Modernisierung von Stadt und Region beteiligt.

Der Beitrag Vladislavs Volkovs liefert eine teilweise belletristisch anmutende Schilderung russischen Lebens in Riga, wobei die Fremdheit, die zugereiste wie lokale Russen immer wieder angesichts der deutsch geprägten Stadt empfanden, in lebendigen Zitaten nachvollziehbar wird. Die Vorreiterposition Rigas, dessen Eliten enge Beziehungen zu Westeuropa unterhielten, wird auch darin sichtbar, dass 1868 hier das erste russische Mädchengymnasium des gesamten Zarenreichs eröffnet wurde. Nicht zuletzt berücksichtigt der Verfasser, welch unterschiedliche Vorstellungen Konservative und Liberale von der Rolle der Russen in der nichtrussischen Peripherie des Reiches entwickelten.

Einen besonders weiterführenden Beitrag hat die junge Historikerin Svetlana Bogojavlenskaja über die Juden Rigas beigesteuert, in dem sie vor allem deren unterschiedlicher kultureller Prägung Aufmerksamkeit schenkt. Fühlte sich der überwiegende Teil des jüdischen Bürgertums Rigas dem deutschen Kulturkreis verbunden und bezeichnete sich um die Jahrhundertmitte als "Deutsche mosaischen Glaubens", so neigten die aus dem Ansiedlungsrayon zuwandernden Juden eher dem russischen Kulturkreis zu und präferierten neben der jiddischen Umgangssprache das Erlernen der russischen Sprache. Der in Riga besonders populäre Zionismus bot indes beiden Gruppen Anknüpfungspunkte.

Den überwiegend bäuerlichen polnischen Zuwanderern widmet sich Ēriks Jēkabsons. Ein nationales Selbstbild war in diesen Kreisen noch wenig ausgeprägt, weshalb die konfessionelle Selbstbeschreibung zunächst oft über die ethnische gestellt wurde. Zwei kleinere Beiträge porträtieren schließlich Litauer und Esten, die um 1900 in Riga indes nicht mehr als jeweils ein bis zwei Prozent der Stadtbevölkerung ausmachten.

Das erhebliche Verdienst des Bandes besteht darin, eine bisher kaum berücksichtigte Metropole des Zarenreichs ins Blickfeld zu rücken, deren multiethnischer Charakter sie zu einer Art Experimentierfeld der Moderne in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht machte. Die konzeptionelle Anlage des Bandes führt aber auch zu Problemen. Indem die unterschiedlichen Gruppen der Stadt sorgsam getrennt voneinander vorgestellt und behandelt werden, findet die Tatsache, dass sie ebenso kooperierten und in Konflikt miteinander gerieten, kaum Berücksichtigung. Diese Tendenz der Darstellung wird noch dadurch unterstützt, dass die politische Kultur der Stadt, und damit eine zentrale Ebene der Interaktion, auf der sich ethnisch konfigurierte Konflikte bevorzugt abspielten, im Großteil der Beiträge keine wesentliche Rolle spielt. So entsteht eine harmonisierende Beschreibung der städtischen Lebenswelt Rigas, die der zeitgenössischen Realität nicht entspricht. Die entscheidende analytische Frage, warum Multiethnizität im Rigaer Fall zu so erheblichen Konflikten und einer so weitgehenden Nationalisierung der Lebenswelten führte, kann der deskriptiv angelegte Band daher kaum beantworten. Da er die Geschichten der ethnischen Gruppen zwar nebeneinander stellt, nicht jedoch den Versuch macht, sie miteinander zu verbinden, gegenseitige Berührungen, Beeinflussungen und Spannungen herauszuarbeiten, gemeinsame Abhängigkeiten oder Loyalitäten festzustellen, bleibt letztlich auch die Problematik der ethnozentrischen Perspektive unaufgelöst, welche die Historiografien der baltischen Region ebenso kennzeichnet wie die des übrigen Ostmitteleuropa. Trotz dieses methodischen Einwands trägt der informative und nützliche Sammelband dazu bei, die unterschiedlichen Modernisierungstempi innerhalb des Zarenreichs herauszukristallisieren und die Vielfalt seiner multiethnischen Lebenswelten weiter deutlich zu machen.

Ulrike von Hirschhausen