Rezension über:

Friedrich Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999, Berlin: Merve Verlag 2002, 331 S., ISBN 978-3-88396-183-5, EUR 16,70
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Rezension von:
Ralf Adelmann
Fakultät für Kulturwissenschaft, Universität Paderborn
Redaktionelle Betreuung:
Martina Heßler
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Adelmann: Rezension von: Friedrich Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999, Berlin: Merve Verlag 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 11 [15.11.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/11/2705.html


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Friedrich Kittler: Optische Medien

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Der Band geht zurück auf eine gleichnamige Vorlesung, die Friedrich Kittler in Berlin gehalten hat. Möglicherweise ist die Vorlesung aufgezeichnet und transkribiert worden. Oder es ist das Vorlesungsmanuskript, entstanden "unterm Diktat eines Textverarbeitungsprogramms namens WORD 5.0" (322), das mit einigen Korrekturen in das Medium des Buches überführt worden ist. Die Struktur einer Vorlesung jedenfalls ist, sichtbar zum Beispiel im Inhaltverzeichnis, erhalten geblieben. Unverändert geblieben sind auch Kittlers einleitende Ausführungen zum Medium der Vorlesung als "jene Mixtur aus Akustik und Schriftlichkeit" (10). Diese mediale Differenz ist Kittler wichtig, da die Vorlesung einen ethnologischen Blick auf optische Medien erlaube, während der Buchdruck Voraussetzung für optische Medien sei: "Gutenbergs Buchdruck, darf man bündig sagen, machte seine eigenen Überbietungen - von der Photographie bis zum Computer - allererst möglich" (78). Unbearbeitet geblieben sind auch die zeitlichen Bezüge auf nächste Sitzungen oder die vorherige Woche, die den Text eigenartig fiktionalisieren.

Zum Schluss zitiert Kittler einen Song von Leonard Cohen ("A Bunch of Lonesome Heroes") und die Leserin und der Leser fragen sich, wurde 1999 in Berlin der Song abgespielt, sang ihn Kittler den Studierenden vor oder sollen wir selber singen? Im Sinne der Hörbuch-Hausse an den Büchermärkten würde man sich über eine beigelegte CD freuen, die den einmaligen Duktus des Vorlesenden zumindest ansatzweise vermitteln könnte. Aber trotz aller Kritik an der Art der Buchpräsentation ermöglicht der Text eine angenehme Leseerfahrung, die durch die Redundanzen einer Vorlesung Argumentationsstränge und Zusammenhänge verdeutlicht.

Die Struktur von Kittlers Buch ist schnell erzählt. Nach einigen Vorbemerkungen zu seinen Perspektiven und Methoden bei der Betrachtung der Geschichte optischer Medien wird im ersten Drittel des Buches die Vorgeschichte von den Griechen bis zur romantischen Dichtung aufgerollt. Hieran schließt die Entwicklung der eigentlichen optischen Medien Fotografie, Film, Fernsehen und Computer an. Die lange Vorgeschichte rechtfertigt Kittler mit dem Hinweis auf die Imaginationen von optischen Medien in der Literatur und der Entwicklung von Apparaten wie der Camera obscura, die unmittelbaren Einfluss auf die beginnende Medienevolution im 19. Jahrhundert hatten.

Seine theoretischen Vorannahmen stellt Kittler explizit an den Anfang seiner Geschichte. Den zentralen Begriff des Mediums führt er auf die technischen Definitionen von Innis und McLuhan zurück. Damit grenzt er sich bewusst von großen Teilen der deutschen Medienwissenschaft ab. Die technische Grundlage dieses Medienbegriffs fundiert Kittler zusätzlich mit der mathematischen Informationstheorie nach Shannon, deren universalistische Gültigkeit im Laufe des Textes zum Abgleich mit den jeweiligen optischen Medien gebracht wird. Inwieweit dadurch optische Medien nur eine nominelle Untergruppe aller Medien sind, bleibt leider offen.

Zwar sieht Kittler die Gefahr der Technikgeschichte "einem Kult der genialen Erfinder und Pioniere zu verfallen" (28), trotzdem präsentiert er uns ständig Anekdoten und biografische Details als Erklärungsmuster für Medienentwicklungen. Ähnliches geschieht mit den körperlichen Defiziten seiner Protagonisten, die frei nach McLuhan immer wieder Kausalitäten liefern müssen: "Krüppel und Handicaps liegen wie Leichen auf dem technischen Weg zur Gegenwart" (159). Der zweite Begründungszusammenhang ist Krieg. Gegen Ende des Buches wird "der Missbrauch von Heeresgerät" für jede technische Weiterentwicklung von Film, Fernsehen und Computer zum formelhaft wiederholten Ursprungsmythos.

Der Startpunkt der Geschichte optischer Medien im 15. Jahrhundert liegt in einer medialen Differenz: der Speicherung von Bildern, die erst mit der mathematischen Linearperspektive der Renaissance-Malerei verwirklicht ist. Buchdruck, Camera obscura und die Laterna magica bilden in den folgenden Jahrhunderten unterschiedliche Medienverbünde, die die medialen Möglichkeiten jeweils als Form der Propaganda für die Reformation, die Gegenreformation, des deutschen Idealismus, die romantische Literatur und vieles mehr benützen. Die romantische Literatur wird deshalb zum Medium, weil sie den Wunsch nach dem Reellen des Mediums Film im Imaginären schon erfüllt hat. Die Lacansche Referenz erzeugt eine Reihe sich in Erfüllung schließender historischer Kreise, in denen technische Medien (fast) immer das Ende ihrer Vorgeschichten sind. Diese Geschichte der Enden füllt die restlichen zwei Drittel des Buches. Zum einen lässt sich damit ein teleologisches Geschichtsmodell unterstellen. Zum anderen erfahren wir erstaunlich wenig Neues über die optischen Medien im 20. Jahrhundert. Für den Computer, der immerhin in der Vorbemerkung als Integration aller optischen Medien angekündigt wird, bleiben am Ende nur achteinhalb Seiten.

Die Lektüreerfahrung ist aber keineswegs negativ, sondern nur sehr unentschieden zwischen der erfrischenden Originalität und der mangelnden wissenschaftlichen Sorgfalt. Die Originalität von Kittlers Zugang zu den technischen Medien macht seine Geschichte spannend, obwohl völlig überraschende Wendungen, wie in einigen seiner frühen Bücher, im Großen und Ganzen ausbleiben. Seine totalisierende Perspektive scheut nicht davor zurück, große Zusammenhänge über mehrere Jahrhunderte hinweg zu erkennen und zu vermitteln, die nicht den üblichen Konventionen der Technikgeschichte entsprechen und denen eine ganz eigene Didaktik innewohnt.

Mit dem Vorwurf mangelnder wissenschaftlicher Sorgfalt soll - um in Kittlers Vergleichsmuster zu verbleiben - nicht ein großes Geschütz aufgefahren werden, sondern auf einige Ungereimtheiten im Kleinen hingewiesen werden. Im Abschnitt über die Vorgeschichte des Films geht Kittler auf einige Thesen in Jonathan Crarys Buch "Techniken des Beobachters" ein. Mit Hinweis auf die ansonsten "brillanten" (199) Ausführungen Crarys kritisiert er ihn in zwei Punkten, ohne auf die eigentliche Differenz zwischen ihm und Crary einzugehen. Während Crary einen epistemologischen Bruch zwischen den Modellen der Camera obscura und der Fotografie in seiner Diskursanalyse nachweist, sieht Kittler die Fotografie beziehungsweise deren Speicherfähigkeit als Vollendung der Camera obscura. Hier läge meines Erachtens die eigentliche spannende wissenschaftliche Auseinandersetzung, der Kittler aber irgendwie ausweicht. Ein zweites Beispiel für Unschärfe findet sich im allzu kurzen Fernsehkapitel. Im Unterschied zu allen anderen optischen Medien gibt es nach Kittler für das Fernsehen keine Anknüpfung an kulturelle Wünsche und literarische Fantasien. Im Gegensatz hierzu lässt sich auf die verbreitete Vorstellung von "sogenannten Erdspiegeln, in denen man weit Entferntes beobachten kann" [1] verweisen. Solche Schilderungen finden sich beispielsweise bei Wolfram von Eschenbach im 12. Buch des "Parzival". Auch die Vorstellung eines Livefernsehens kann demnach als kollektive Fantasie und literarische Umsetzung in der Kulturgeschichte zurückverfolgt werden.

Passend zum Schlusszitat bei Kittler und zum Song "A Bunch of Lonesome Heroes" von Leonard Cohen zurückkehrend, möchte ich mit folgenden songlines enden:

"A bunch of lonesome and very quarrelsome heroes

were smoking out along the open road;

the night was very dark and thick between them,

each man beneath his ordinary load.

'I'd like to tell my story,'

said one of them so young and bold,

'I'd like to tell my story,

before I turn into gold.'"[2]

Anmerkungen:

[1] Heinz Herbert Mann: Optische Instrumente, in: Hans Holländer (Hg.) Erkenntnis - Erfindung - Konstruktion. Studien zur Bildgeschichte von Naturwissenschaft und Technik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Berlin 2000, 358-407, hier 359.

[2] Eine Hörprobe findet sich unter http://www.leonardcohen.com/lc02_03.html.

Ralf Adelmann