Rezension über:

Friedrich Kittler / Ana Ofak (Hgg.): Medien vor den Medien. Übertragung, Störung, Speicherung bis 1700, München: Wilhelm Fink 2007, 282 S., ISBN 978-3-7705-4284-0, EUR 32,90
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Rezension von:
Gunther Reisinger
Ludwig Boltzmann Institut Medien.Kunst.Forschung., Linz
Redaktionelle Betreuung:
Barbara U. Schmidt
Empfohlene Zitierweise:
Gunther Reisinger: Rezension von: Friedrich Kittler / Ana Ofak (Hgg.): Medien vor den Medien. Übertragung, Störung, Speicherung bis 1700, München: Wilhelm Fink 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 2 [15.02.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/02/13827.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Friedrich Kittler / Ana Ofak (Hgg.): Medien vor den Medien

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Als Philolaos von Kroton - Pythagoras' ältester Schüler - die Zahlenverhältnisse der tetraktýs auf der Lýra durch Teilung derer Saitenverhältnisse erstmals zu Gehör brachte, wurde diese Vierung der Zehn "aus der Welt der mathematischen Abstraktion in das Reich der Musik und der Sinne geholt" (10).

Der von Friedrich Kittler und Ana Ofak herausgegebene Sammelband widmet sich im ersten Abschnitt zwar der Zeit zwischen 800 und 400 v. Chr. und kann dennoch als wegweisend für die Auseinandersetzung mit aktuellsten medienkünstlerischen Gattungen erachtet werden: Die nunmehrige Veröffentlichung erscheint in Hinblick auf derzeitige medien- und kunstwissenschaftliche Diskurse durchaus als eine glückliche Fügung. Aufgrund der Zeitlosigkeit der thematisierten Fragestellungen ist die verspätete Herausgabe der Vorträge zur bereits 2004 am Hermann-von-Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik in Berlin abgehaltenen Tagung "Medien vor den Medien - Übertragung, Störung, Speicherung bis 1700" also kein Negativum. Wiewohl bedarf so manche zwischenzeitig und anderwärtig erstellte Hypothese nach der Lektüre möglicherweise der Überarbeitung. Als eine von mehreren möglichen Herangehensweisen an die Inhalte dieses Bandes wird hier eine kunstwissenschaftliche, genauer eine auf Medienkunst bezogene Auseinandersetzung gewählt: Das Eingangszitat beschreibt sehr treffend die Eignung einiger im Buch formulierter Ansätze zur Analyse beispielsweise digitaler Kunstformen.

Das Paradigma eines Primat des Visuellen gegenüber dem Auditiven steht derzeit auf dem Prüfstand der medienkünstlerischen Theorien. Martin Carlé widmet sich in zwei aufeinander zu beziehenden Aufsätzen einer äußerst präzisen und mit dem etymologischen Rüstzeug des Altgriechischen ausgestatteten Erläuterung sowohl der "Genese des Medienbegriffs im griechischen Denken" als auch der "Musiknotation als Paradigma der griechischen Medialität". Speziell in diesen - wie auch bei Ana Ofak, Wladimir Velminski oder dem zu Beginn gestellten Vortrag "Moussa oder Litteratura" von Friedrich Kittler (2003 am Goldsmiths College gehalten) - werden medienkünstlerische Bezüge in Form von Grundlagenforschungen zu Begrifflichkeiten und abgeleiteten Bedeutungen des Medienbegriffs in der Wissensgeschichte deutlich.

Die ursprüngliche aristotelische Einheit von Grund und Sprache, in lateinischen Zeiten dann getrennt in ratio und oratio, wird von Friedrich Kittler als Ausgangspunkt seiner kritischen Überarbeitung der litteratura herangezogen, um die eigentliche Bedeutung und Nutzung des (alt)griechischen Alphabets in ein helleres Licht zu rücken. Für den im umfassenderen Sinne musisch geneigten Leser ein Fundus an weit gedachten Relationen: Phóne (die Stimme) wird bereits bei Aristoteles als "der Stoff des lógos" (28) erkannt: Wenn Friedrich Kittler in verständlicher Bezugnahme auf den Brief des Paulus an die Korinther bemerkt, "nichts ist schlichter als konsonant" (28), könnten bereits an dieser frühen Stelle des Buches die bisherigen (weitestgehend stummen) Analysemethodiken zu Medienkunst als problematisch erachtet werden.

Ebenso deutlich wird dieser Ansatz bei Martin Carlés erstem Teil "Zeit des Mediums" (31) und dem darin enthaltenen "Samplingtheorem der Antike". Speziell bezogen auf genuin digitale Kunstformen (wie es beispielsweise die Netzkunst ist) werden hier überzeugend grundlegende Argumentationen aus der Disziplin der Musikwissenschaft vorgebracht, die sich bislang wohl zu Unrecht aus dem medienkünstlerischen Diskurs herausgenommen hatte oder in ihrer Methodeneignung nicht ausreichend erkannt wurde. Bewusst schlägt Carlé mit dem Sampling-Begriff die Brücke in die Gegenwart, lässt sich aber zu keinem Perspektivenwechsel hinreißen, sondern bleibt stringent in der Sichtweise der thematisierten Frühzeit griechischer Tonkunst. Dankenswerterweise sind die zahlreichen altgriechischen Passagen übersetzt und kommentiert: Das Verständnis wäre ohne diese sprachlichen Stützen ungleich schwieriger und würde den aufgebauten Gedankengang unterbrechen.

tò métaxý als etymologische Wurzel des heute inflationär gebrauchten Medienbegriffs wird innerhalb des Bandes von mehreren Autoren umkreist und von Carlé im Zwischenraum von mimesis (Nachahmung) und metexis (Teilhabe) "als die Pluralität physikalischer Medien im 'ursächlich' gekoppelten Bereich der sinnlichen Wahrnehmung" (41) beschrieben. Die Nennung des "Spannungsfelds zwischen Aktualität und Potentialität" (41) öffnet seine Auseinandersetzungen gezielt in die Richtung der auch von Gilles Deleuze aufgegriffenen Denkmuster zur Fassung des Virtualitätsbegriffs. Thematisch daran anschließend stellt Wladimir Velminski in seinem Beitrag "Noch fragen? ... Rechnen wir!" (239) anhand einer eingehenden Beschreibung des dyadischen Systems die Grundstruktur der Leibniz'schen Diagrammatik vor. Die bereits bei Kittler und Carlé erwähnte tetraktýs dient Velminski in ihrer Funktion der "verbindenden Trias" (242) als letztendliche Veranschaulichung der monas (Einheit und Vollkommenheit), die wiederum als "Verdeutlichung des Prinzips der Einheit" (243) die Polarität des Dyadischen (und damit des Digitalen) rechtfertigt.

Die eingangs erwähnte Möglichkeit der Übernahme dieser Überlegungen in aktuelle medienkünstlerische Diskurse wird anhand des bekannten Leibniz'schen Zitats der kleinen Perzeptionen deutlich, wenn erkannt wird, dass "die Bewegung dieser [einzelnen] Welle doch auf uns irgendeinen Eindruck machen [muss] und jedes Einzelgeräusch muss, so gering es auch sein mag, von uns irgendwie aufgefasst werden, sonst würde man auch von hunderttausend Wellen keinen Eindruck haben [...]" (261). Digitalisierungsbestrebungen ursprünglich analoger Kunst (Ton oder Bild) sind im diffusen Licht von Komprimierungsalgorithmen wahrnehmungsphysiologisch demnach durchaus kritisch zu sehen, Abtastraten treten zugunsten der medialen Übertragungen zunehmend in den Hintergrund. Dass manche Kunst (wieder) zu einem genuinen Element der diagrammatischen Wissenschaft wird, erklärt die hier gesetzte Verbindung zu genuin digitalen Künsten.

Die Unterschiedlichkeit der Beiträge innerhalb des Bandes eröffnet die Möglichkeit mehrerer inhaltlicher Lesarten, gängige Medienbegrifflichkeiten werden im Sinne einer allgemeinen Ästhetik der Sinneswahrnehmung vielschichtig abgeleitet und teilweise auch abgetragen: Gloria Meynen, Gerald Wildgruber, Ana Ofak, Peter Berz, Anthony Moore, Julia Kursell, Jochen Hörisch, Johannes Lohmann und Sandrina Khaled liefern fundierte Einblicke in das jeweilige Spezialgebiet, der programmatische Bogen der "Medien vor den Medien" wird weit gespannt, aber nicht überspannt.

Die vielerorts angestrebte Integration medienkünstlerischer Werke in die kunstwissenschaftliche Methodik ist ohne eine Adaptierung der beschreibenden Terminologie(n) schwer realisierbar. Ebenso sind bislang vermeintlich entfernte Disziplinen aufeinander abzustimmen und ineinander zu verweben. Im vorliegenden Sammelband werden allseits präsente Übertragungen in ihren grundsätzlichen Ausformungen diskutiert und daraus neue, alte Bestimmungen in Erinnerung gerufen, die in ihrer Aktualität weitere Anbindungen der medien arché in Form von "begriffs- und wissensgeschichtlichen Erkundungen" (10) geradezu einfordern.

Gunther Reisinger