Rezension über:

Svjatoslav Pacholkiv: Emanzipation durch Bildung. Entwicklung und gesellschaftliche Rolle der ukrainischen Intelligenz im habsburgischen Galizien (1890-1914) (= Schriftenreihe des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts; Bd. 27), München: Oldenbourg 2002, 351 S., ISBN 978-3-486-56668-0, EUR 59,80
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Rezension von:
Kai Struve
Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e.V. an der Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Winfried Irgang
Empfohlene Zitierweise:
Kai Struve: Rezension von: Svjatoslav Pacholkiv: Emanzipation durch Bildung. Entwicklung und gesellschaftliche Rolle der ukrainischen Intelligenz im habsburgischen Galizien (1890-1914), München: Oldenbourg 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 2 [15.02.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/02/3282.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Svjatoslav Pacholkiv: Emanzipation durch Bildung

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Die Entstehung einer eigenen Schicht von Gebildeten war Voraussetzung und zentraler Bestandteil der Entstehung moderner Nationen im 19. und 20. Jahrhundert aus solchen sozialen und konfessionellen Gruppen, die ohne eigene Eliten in diese Epoche eingetreten waren. Die hier zu besprechende Arbeit geht diesem Prozess für die galizischen Ruthenen mit dem Schwerpunkt in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg nach.

In einem einleitenden Kapitel stellt Svjatoslav Pacholkiv den sozialen und politischen Wandel in Galizien vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dar, in dessen Kontext die Formierung der Ruthenen aus einer vorwiegend konfessionell durch die Zugehörigkeit zur griechisch-katholischen Kirche definierten Gruppe zur ukrainischen Nation begann. Die kirchliche Hierarchie und die griechisch-katholischen Pfarrer stellten im wesentlichen die einzigen Eliten dar, von denen die moderne Nationsbildung unter den Ruthenen in Galizien ausgehen konnte. Daher betont Pacholkiv die Bedeutung der Reformen, die nach 1772 in erster Linie zu einer verbesserten Bildung der griechisch-katholischen Geistlichen führten. Bisher hatten die einfachen Priester oft nur eine sehr rudimentäre Bildung besessen und sich in den Dörfern vielfach nur wenig von der bäuerlichen Bevölkerung unterschieden.

Trotz der Gründung einer Universität in Lemberg 1784 und gewisser Verbesserungen im Schulwesen seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts begann ein umfassenderer Ausbau des Volks- und Mittelschulwesens erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in verstärktem Maße seit den 1890er-Jahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich unter den galizischen Ruthenen schon eine Nationalbewegung formiert, die Gleichberechtigung mit den in Galizien politisch und kulturell dominierenden Polen verlangte. Es ging darum, eine eigene Hochkultur und Wissenschaft zu schaffen und die Lage der ruthenischen Bauern durch Verbesserung der Bildung und Landwirtschaft zu heben. All dies war eng mit dem Bildungswesen verknüpft, das in der Zeit der informellen galizischen Autonomie seit Ende der 1860er-Jahre weitgehend polonisiert worden war.

Vor diesem Hintergrund untersucht der Verfasser in seiner Arbeit einerseits die Entwicklung eines ukrainischsprachigen Mittelschulwesens, das heißt in erster Linie von Gymnasien, und ukrainischsprachiger Lehre an den Universitäten Lemberg und Czernowitz - nur hier gab es Lehrstühle mit ukrainischer Vortragssprache - sowie andererseits die Entwicklung des Besuchs von Mittel- und Hochschulen durch Ruthenen. Er kann dabei zeigen, dass beides in einer engen Wechselbeziehung zur Entwicklung der Nationalbewegung insgesamt stand. So war es einerseits dem politischen Druck dieser Bewegung zu verdanken, dass ein höheres Bildungswesen in ukrainischer Sprache entstand. Andererseits schuf aber auch dieses Bildungswesen die Eliten, die zu den führenden Gruppen der Nationalbewegung wurden. Wandlungen in der sozialen Zusammensetzung und der politischen Haltung der Schüler und Studenten spiegelten somit auch Veränderungen der Nationalbewegung wieder.

Lange Zeit genossen die Ruthenen als Gegengewicht zu den Polen eine gewisse Unterstützung aus Wien. Dies zeigte sich wohl auch noch in der Umwandlung des bis dahin deutschsprachigen Lemberger Akademischen Gymnasiums, der ältesten Lemberger Einrichtung dieser Art, in eine Schule mit ukrainischer Unterrichtssprache im Jahre 1874. Dieses prestigereiche Gymnasium in der Landeshauptstadt blieb allerdings lange Zeit die einzige ukrainischsprachige Mittelschule. Damit erhielt es eine zentrale Rolle für die Entwicklung eines ruthenischen Mittelschulwesens und für die Ausbildung der ruthenischen Eliten. Etliche führende Repräsentanten des kulturellen und politischen Lebens der galizischen Ruthenen wirkten hier als Lehrer. Erst 1892, 1895 und 1905 wurden weitere ukrainischsprachige Gymnasien in Kolomea, Przemyśl, Tarnopol und Stanislau eingerichtet, nachdem allerdings meist vorher schon ukrainischsprachige Parallelabteilungen an polnischen Gymnasien bestanden hatten. Trotz dieser Gründungen blieb das ukrainischsprachige Schulwesen weit hinter dem polnischen zurück. Diesem Mangel versuchten die Ruthenen durch die Gründung privater Gymnasien (seit 1906) entgegenzuwirken. Erst im letzten Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg verfügte die ukrainische Bewegung über eine solche Stärke und materielle Basis, dass sie die mit der Gründung und dem Unterhalt mehrerer Gymnasien verbundenen erheblichen Kosten tragen konnte. Zugleich leisteten aber auch diese Schulen mit ihrem nationaleren Profil wiederum einen Beitrag zur Stärkung der Bewegung. Der hohe Anteil von Schülern bäuerlicher Herkunft, der zur Jahrhundertwende und danach im allgemeinen über 50 Prozent, an manchen Gymnasien sogar über 70 oder 80 Prozent lag, machte die erheblichen Veränderungen der ländlichen Gesellschaft und zugleich einen gewissen Wandel im sozialen Profil der ruthenischen Eliten deutlich.

Im Bereich der Hochschulbildung gelang es den Ruthenen nicht, die von ihnen angestrebte Gründung einer ukrainischsprachigen Universität zu verwirklichen; sie mussten sich mit einzelnen Lehrstühlen mit ukrainischer Vortragssprache an der polnischsprachigen Universität in Lemberg und der deutschsprachigen in Czernowitz begnügen. Pacholkiv behandelt die Entstehung und Besetzung dieser Lehrstühle und ihre Rolle für die ukrainische nationale Identitätsbildung. Von besonderer Bedeutung war die Besetzung eines neu geschaffenen Lehrstuhls für Geschichte Osteuropas im Jahre 1894 mit Mychajlo Hruševs'kyj, der in den folgenden zwanzig Jahren seiner Tätigkeit in Lemberg eine grundlegende Synthese ukrainischer Geschichte schuf. Zugleich trug er wesentlich zur dynamischen Entwicklung der ukrainischen Wissenschaftlichen Ševčenko-Gesellschaft bei, der er von 1899 bis 1913 vorsaß.

Pacholkiv untersucht weiterhin die soziale Herkunft und Studienrichtungen ruthenischer Studenten und kann daraus Schlüsse über den Wandel der ukrainischen Gesellschaft in Galizien ziehen. Während lange Zeit die einzige akademisch gebildete Elite die Pfarrer gewesen waren, deren Kinder wiederum Theologie studierten, belegten in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts viele Söhne von Pfarrern philologische Fächer oder studierten Jura. Dies führte zum einen zu einer gewissen Säkularisierung der nationalen Führungsschicht der galizischen Ukrainer, zum anderen wurde dadurch das Theologiestudium in stärkerer Weise für Bauernsöhne geöffnet, die nun in wachsender Zahl die Universitäten frequentierten.

Pacholkivs Arbeit stellt eine stringent aufgebaute, überzeugend argumentierende Untersuchung der Geschichte der ukrainischsprachigen Mittel- und Hochschulbildung und ihrer Bedeutung für die ukrainische Nationsbildung dar. Dabei ist sein Interesse allerdings vorwiegend auf die ukrainophile Richtung der Nationalbewegung gerichtet und berücksichtigt die Russophilen nur wenig, die jedoch bis zum Ersten Weltkrieg einen bedeutenden, in der Forschung allerdings lange Zeit unterschätzten Faktor in den nationalen Emanzipationsbestrebungen der galizischen Ruthenen darstellten. In diesem Zusammenhang wäre auch anzumerken, dass in dem Buch eine Reflexion der Begriffsverwendung von "Ruthenen" und "Ukrainer" fehlt. Pacholkiv verwendet fast durchgehend Ukrainer, was begründbar sein mag. Eine Begründung müsste aber auch formuliert werden, da eine solche Benennung angesichts der Tatsache, dass die Selbstbezeichnung als Ukrainer auch am Vorabend des Ersten Weltkriegs noch von bedeutenden Teilen der galizischen Ruthenen abgelehnt wurde, nicht selbstverständlich sein kann.

Insgesamt stellt die hier vorgestellte Arbeit zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der ukrainischen Nationsbildung und zur Geschichte des Schul- und Universitätswesens in Galizien dar. Mit Pacholkivs Arbeit liegt darüber hinaus nun für die galizischen Ruthenen eine Studie vor, die es erlauben sollte, diesen Fall stärker in die Diskussionen um die Frage spezifischer Züge eines ostmitteleuropäischen (Bildungs-)Bürgertums einzubeziehen. Auch dazu liefert sie wichtige Erkenntnisse.


Kai Struve