Rezension über:

Sławomir Tokarski: Ethnic Conflict and Economic Development. Jews in Galician Agriculture 1868-1914, Warszawa: Wydawnictwo TRIO 2003, 268 S., ISBN 978-83-88542-42-8
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Rezension von:
Kai Struve
Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e.V. an der Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Marco Wauker
Empfohlene Zitierweise:
Kai Struve: Rezension von: Sławomir Tokarski: Ethnic Conflict and Economic Development. Jews in Galician Agriculture 1868-1914, Warszawa: Wydawnictwo TRIO 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7/8 [15.07.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/07/6632.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Sławomir Tokarski: Ethnic Conflict and Economic Development

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In den Mittelpunkt seiner wirtschaftsgeschichtlichen Studie stellt Sławomir Tokarski die Frage nach der Rolle der Juden in der ländlichen Ökonomie Galiziens im Übergangszeitraum von der feudalen zur kapitalistischen Wirtschaftsform. Der Verfasser verwendet dabei für die Juden das Modell einer "middleman minority" und geht in einer gewissermaßen zweiseitigen Perspektive der Frage nach, inwieweit einerseits die jüdischen Vermittler einen solchen Übergang befördert oder behindert haben und ob andererseits die Transformation dieser Minderheit selbst als Indikator für die Modernisierung der ländlichen Ökonomie gelten kann. Es geht Tokarski damit um die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen ethnischem Konflikt und ökonomischer Entwicklung. Entsprechend seiner in erster Linie wirtschaftshistorischen Fragestellung bilden statistische Daten zu Demographie und Ökonomie die Quellengrundlage.

Tokarski hat seine Studie in fünf größere Kapitel gegliedert. Aus der Untersuchung von Bevölkerungswachstum und Migration sowie der geografischen Siedlungsverteilung und der Urbanisierungsrate der Juden in den ersten beiden Kapiteln schließt er, dass sich die traditionellen Formen der Ökonomie in Ostgalizien deutlich länger als in Westgalizien erhielten. Während er für Westgalizien seit 1890 eine steigende Urbanisierung der Juden feststellt, setzte diese in Ostgalizien erst ein Jahrzehnt später ein. Für die Zeit vor 1880 vermutet Tokarski sogar, dass Juden von Städten und Kleinstädten in Dörfer gezogen seien, da es hier günstigere ökonomische Bedingungen für sie gegeben habe.

Eine ähnliche Differenz zwischen Ost- und Westgalizien macht der Verfasser bei der Untersuchung des ländlichen Kreditmarkts aus, dem ein weiteres Kapitel gewidmet ist. Genossenschaftliche Darlehenskassen, die den Bauern günstigere Kredite boten als die privaten jüdischen Geldverleiher und diese aus ihrer dominierenden Position auf dem ländlichen Kreditmarkt verdrängten, verbreiteten sich in Ostgalizien erst deutlich später als in Westgalizien, da die Ruthenen den unter polnischem Einfluss stehenden Kreditassoziationen gegenüber lange reserviert blieben und erst seit den 1890er-Jahren begannen, eigene genossenschaftliche Darlehenskassen zu gründen. Anzumerken ist hier allerdings, dass Tokarski die schon seit den 1860er-Jahren in großer Zahl in den Gemeinden entstehenden kommunalen Darlehenskassen nicht berücksichtigt.

Der Untersuchung des Handels im vierten Kapitel legt der Verfasser das anhand der Marktintegration von Bauern in Entwicklungsländern entwickelte "forced commerce"-Modell zu Grunde. Danach beginnen Bauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben, erst unter äußerem Zwang, ihre Produkte zu vermarkten. Auf dieser Grundlage schreibt er der in den 1870er-Jahren schnell anwachsenden Verschuldung von Bauern bei jüdischen Geldverleihern eine Katalysatorfunktion für die Modernisierung der Landwirtschaft zu. Sie trug aber andererseits auch zur antijüdischen Orientierung bäuerlicher Selbsthilfeinitiativen bei, die als Gegenbewegung entstanden und die später in das Genossenschaftswesen mündeten.

In einem abschließenden Kapitel führt der Verfasser die Fragen nach der Modernisierung der jüdischen "middleman minority" und der bäuerlichen Landwirtschaft zusammen, indem er Regionen mit einem hohen Anteil von Juden an der ländlichen Bevölkerung auf ihre sozialen und ökonomischen Charakteristika untersucht. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die meisten dieser Regionen besonders rückständig waren. Die Position von Juden beruhte hier weiterhin auf einer am "forced commerce"-Modell orientierten Wirtschaftsweise. Nur für eine Region im Nordosten Galiziens, die durch die Nähe größerer städtischer Märkte gekennzeichnet war, stellt Tokarski dagegen fest, dass eine hohe Präsenz von Juden auf dem Lande mit gesellschaftlicher und ökonomischer Modernisierung einherging. Hier habe auch eine Modernisierung der jüdischen Vermittlungstätigkeit stattgefunden.

"While in the economic sphere the outcome of the conflict seems to be positive, the extra-economic cost was the blending of anti-Jewish feelings into the tissue of national consciousness", stellt der Verfasser abschließend lapidar fest (241). Seine Studie zeigt, dass es nicht nur in den Städten eine ökonomische Konkurrenzsituation gab, die den Antisemitismus am Ende des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verstärkte, sondern dass es auch im Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Wirtschaft in den ländlichen Regionen zu Verteilungskämpfen um die knappen ökonomischen Ressourcen kam. Juden waren darin am Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur insofern Verlierer, als sie aus ihrer traditionellen Vermittlerrolle zunehmend verdrängt wurden, sondern auch dadurch, dass diese Konflikte das antisemitische Profil der in dieser Zeit entstehenden modernen nationalen Identitäten von Polen und Ukrainern verstärkten. Der Wert der Arbeit liegt darin, dass sie in innovativer Weise zeigt, welche realen ökonomischen Verhältnisse den in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wachsenden, häufig in einer antisemitischen Sprache vorgebrachten Klagen darüber zu Grunde lagen, die Juden in den Dörfern würden die Bauern ausbeuten und ins Elend stürzen.

Kai Struve