Rezension über:

Hillard von Thiessen: Die Kapuziner zwischen Konfessionalisierung und Alltagskultur. Vergleichende Fallstudie am Beispiel Freiburgs und Hildesheims 1599-1750 (= Rombach Wissenschaften. Historiae; Bd. 13), Freiburg/Brsg.: Rombach 2002, 541 S., ISBN 978-3-7930-9295-7, EUR 75,70
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Rezension von:
Nicole Reinhardt
Maison des sciences de l'homme, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Nicole Reinhardt: Rezension von: Hillard von Thiessen: Die Kapuziner zwischen Konfessionalisierung und Alltagskultur. Vergleichende Fallstudie am Beispiel Freiburgs und Hildesheims 1599-1750, Freiburg/Brsg.: Rombach 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 2 [15.02.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/02/1579.html


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Hillard von Thiessen: Die Kapuziner zwischen Konfessionalisierung und Alltagskultur

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Neben den Jesuiten gelten die Kapuziner als wichtigster Orden der katholischen Reform. Doch ist den als volkstümlicher angesehenen Kapuzinern nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie der Gesellschaft Jesu geschenkt worden. Ihre Geschichte wird weithin von Mitgliedern des Ordens geschrieben. Dies trifft zwar auch auf die Jesuiten zu, die sich seit ihren Anfängen konsequent mit der eigenen Geschichte und Geschichtsschreibung befassen. Doch hat die jesuitische Geschichtsschreibung gerade in jüngster Zeit ausgezeichnete Werke hervorgebracht und steht zudem in einem fruchtbaren Dialog mit der Geschichtsschreibung "säkularer" Historiker. Eine Geschichtsschreibung auf ähnlich hohem Niveau sucht man bislang für den Kapuzinerorden vergebens. Schon aus diesem Grund ist die Dissertation Hillard von Thiessens ein Meilenstein. Sie ist die erste umfassendere und mit modernen Methoden erarbeitete Darstellung für den deutschsprachigen Raum.

Thiessen schreibt keine Ordensgeschichte im hergebrachten Sinn, sondern orientiert seine Arbeit an zwei Fragen: der nach der Bedeutung des Ordens für die Konfessionalisierung "von oben" und jener nach der Einbettung und Anpassung des Ordens in die Alltagskultur "von unten". Damit versucht er einen Brückenschlag zwischen den bislang als unvereinbar geltenden Richtungen der "etatistisch" verstandenen Konfessionalisierungsgeschichtsschreibung und anthropologischen Forschungsansätzen zur Alltagskultur. Wie kaum ein anderer Gegenstand befinden sich die Orden im Allgemeinen und die Kapuziner im Besonderen an einer Schnittstelle zwischen "oben" und "unten": Einerseits wurden sie als Reformorden von der Obrigkeit zur Durchsetzung des tridentinischen Katholizismus eingesetzt, andererseits sahen sich die Ordensleute in der Praxis bei der Durchsetzung ihrer Ziele mit einer inkongruenten Alltagskultur konfrontiert, die eine Anpassung von Inhalten und Methoden zur Folge hatte. Die ständige dialektische Spannung zwischen Zielen, Selbstverständnis und Laienreligiosität veränderte nicht nur den Orden, sondern auch die Laien, und zwar sowohl Herrscher wie Beherrschte. Am Ende des Prozesses standen weder unter den Laien noch unter den Kapuzinern tridentinische Katholiken aus dem Bilderbuch, aber doch eine veränderte Frömmigkeit.

Als Fallbeispiele dienen Thiessen die Städte Freiburg und Hildesheim, wodurch das Wirken der Kapuziner in zwei gänzlich entgegengesetzten Kontexten vorgeführt wird. In der vorderösterreichischen Landstadt Freiburg wirkte der Orden in einer monokonfessionellen Universitätsstadt. Hier arbeiteten die Kapuziner also in einem katholischen Umfeld an der Erneuerung der Frömmigkeit katholischer Untertanen. Hildesheim dagegen war zwar ein katholisches Fürstbistum, doch waren die Untertanen des Fürstbischofs mehrheitlich lutherisch. Auch wenn Rekatholisierungsbemühungen nach dem Westfälischen Frieden deutliche Grenzen gesetzt waren, so diente der Orden hier sicherlich in hohem Maße der katholischen Selbstdarstellung und Abgrenzung. Thiessen bedient sich einer großen Bandbreite an Quellen: Annalen, Predigtsammlungen und andere Materialien aus den Kapuzinerarchiven erhellen Intentionen, Idealvorstellungen und Selbstbild des Ordens, städtische Archive geben Aufschluss über die Beziehungen des Ordens zur Obrigkeit, während vor allem Gerichtsakten verschiedener Provenienz Einblick in die Alltagskultur geben sollen und so indirekt den Widerhall und die Aufnahme der Arbeit der Mönche bei der "Kundschaft" vermitteln.

Die 1525 in Italien als Abspaltung von den Franziskaner-Observanten gegründeten Kapuziner forderten von ihren Mitgliedern eine besonders regeltreue Befolgung des franziskanischen Armutsideals, das heißt anders als die Jesuiten blieben sie dem mittelalterlichen Klosterleben verbunden. Nachdem ein päpstliches Verbot der Niederlassung über Italien hinaus 1574 aufgehoben worden war, breitete sich der Orden schnell vor allem in der Schweiz, in Österreich und später auch in Deutschland aus. Ähnlich wie die jesuitische Konkurrenz war der Orden zentralistisch strukturiert, jedoch sind deutlicher demokratische Zwischeninstanzen auszumachen: Während der Jesuitengeneral auf Lebenszeit gewählt wurde, traten die kapuzinischen Generalkapitel in regelmäßigen Abständen zur Wahl des Generaloberen zusammen. Analog wurden die Provinzialminister von den Provinzkapiteln bestimmt. Ein philosophisches und theologisches Studium war für jeden Jesuiten die Minimalanforderung und Grundlage des innerweltlichen Aktionismus des Ordens. Die Kapuziner hingegen hatten in ihren Reihen neben den theologisch geschulten Klerikerbrüdern auch Platz für Laienbrüder, die vor allem praktische Arbeit innerhalb des Klosters (Garten, Küche), aber auch Krankenpflege übernahmen. Der Aufbau von Schulen und Universitäten spielte für die "Grauen Brüder" keine Rolle. Dies bleibt in der vorliegenden Arbeit zwar unerwähnt, doch kann hier ein wichtiger Grund für die geringere intellektuelle Prägekraft der Kapuziner vermutet werden.

Im ersten Teil untersucht Thiessen die Einordnung der Kapuzinerklöster in den lokalen Kontext, das heißt die Beziehungen zur städtischen Obrigkeit und die Funktionen innerhalb der religiösen Selbstdarstellung der Kommune als "corpus christianum". Trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen zeigen sich Parallelen. Finanzielle Verflechtungen zwischen Kloster und Stadt kamen in Freiburg zum Tragen, dem steht im lutherischen Hildesheim die Abhängigkeit vom Wohlwollen des Landesherrn gegenüber. In Freiburg unterstützten die Mönche die Fortführung kommunaler Frömmigkeitstraditionen ("civic religion"). Im Bereich der Seelsorge, der Predigt und der Besetzung von Pfarreien standen die Kapuziner in beiden Städten in Konkurrenz zu den Jesuiten. Materielle Bedürfnisse (Bettelbezirke) und ein Mangel an geeigneten Weltpriestern prägten hier den Aktionsradius der Ordensangehörigen.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die Frage nach der Selbstauffassung der Kapuziner anhand von Klosterannalen und Lebensberichten beleuchtet. Hier zeigt sich die Spannung zwischen "actio" und "contemplatio" als strukturierendes Element. Die Kultivierung von Demut, Kontemplation und religiöser Virtuosität sowie die Selbstauffassung als Orden am Rand der Gesellschaft und die teilweise rigide Ordensdisziplin schränkten dabei immer wieder den seelsorgerischen Aktivismus ein. Bemerkenswert ist auch die durchweg weniger individuelle Profilierung der Ordensmitglieder nach außen. Diese Konstellation prägte auch die Propagierung kapuzinischer Heiliger. Langwieriger als bei der jesuitischen Konkurrenz und in einem komplizierten Balanceakt zwischen Anpassung an die Bedürfnisse der Laienfrömmigkeit einerseits und die zunehmend restriktive Heiligsprechungspolitik der Kirchenhierarchie andererseits "entstanden" die kapuzinischen Heiligen. Ob allerdings der Typus des kapuzinischen "Therapieheiligen" gegen den tridentinischen "Kampfheiligen" (Ignatius, Franz Xaver) ausgespielt werden muss, ist fraglich. Natürlich mussten Heilige Wunder wirken, um ihren Status als Heilige zu bestätigen. Hier wäre zu untersuchen, inwiefern das kapuzinische Insistieren auf Heilungswundern ein Zugeständnis an die verschärften römischen Spielregeln war, oder ob der Kult um die kämpferischen gegenreformatorischen Heiligen ohne Therapieelemente auskam.

Abschließend steht die Wechselwirkung zwischen Orden und Laienfrömmigkeit im Mittelpunkt. Hier erweisen sich die Kapuziner als aktive und erfolgreiche Anbieter von Sakramentalien in Konkurrenz zu magischen Praktiken. Auf der Basis von Gerichtsakten gelingt so der Beweis, dass der Gegensatz zwischen Magie und Religion zunächst wenig trennscharf war und sich erst am Ende eines langen Prozesses herauskristallisierte. Dies ist nicht allein auf die seelsorgerische Arbeit der Mönche zurückzuführen, sondern vor allem auf eine zunehmend restriktive obrigkeitliche Haltung. Thiessens Arbeit ist ausgesprochen materialreich und anregend. Leider bringt er seine Erkenntnisse zu selten auf den Punkt. Mut zur Zuspitzung und Verzicht auf weitschweifige Beispiele hätten Wunder gewirkt.


Nicole Reinhardt