Rezension über:

Birgit Emich: Bürokratie und Nepotismus unter Paul V. (1606-1621). Studien zur frühneuzeitlichen Mikropolitik in Rom (= Päpste und Papsttum; Bd. 30), Stuttgart: Hiersemann 2001, XII + 475 S., 11 Abb., ISBN 978-3-7772-0121-4, EUR 122,71
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Nicole Reinhardt
Maison des sciences de l'homme, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Ute Lotz-Heumann
Empfohlene Zitierweise:
Nicole Reinhardt: Rezension von: Birgit Emich: Bürokratie und Nepotismus unter Paul V. (1606-1621). Studien zur frühneuzeitlichen Mikropolitik in Rom, Stuttgart: Hiersemann 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 3 [15.03.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/03/2904.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in PERFORM.

Birgit Emich: Bürokratie und Nepotismus unter Paul V. (1606-1621)

Textgröße: A A A

Idealtypisch gesehen, verhalten sich Nepotismus und Bürokratie wie Feuer und Wasser, und doch zeigt der frühneuzeitliche Alltag eine andere Praxis. Anhand einer Untersuchung der Korrespondenz des Papstes Paul V. und seines Nepoten versucht Birgit Emich, diesen Zusammenhängen genauer auf die Spur zu kommen. Sie bleibt nicht bei der für die Aktenkunde üblichen rein äußerlichen Beschreibung stehen, sondern verbindet diese (endlich) mit einer inhaltlichen Analyse und bezieht die bislang vernachlässigten Auslaufregister sowie die Empfängerüberlieferung in ihre Untersuchung mit ein. Die Leitfrage ist dabei, ob die päpstliche Administration nicht als Instrument nepotistischer Bedürfnisse gesehen werden kann, oder ob die bürokratischen Zwänge diesen ihre eigenen Grenzen auferlegte. Diese Fragen werden auf drei Gebieten "getestet": der Rolle des Nepoten im Staatssekretariat, in den verschiedenen Kongregationen zur Verwaltung von Staat und Kirche und schließlich im Verhältnis der verschiedenen Sekretariate des Nepoten und der Kurie zueinander. Abschließend gibt Emich einen Überblick über die langfristige Entwicklung des Staatssekretariates und die Bedeutung der von ihr diagnostizierten "strukturellen Probleme" im Verhältnis von Bürokratie und Nepotismus.

Zunächst untersucht sie Aufbau und Organisation des Staatssekretariates. Gerade Dank der kopialen Überlieferung ist der von Emich gelieferte Überblick der bislang umfassendste und schließt wichtige Lücken. Das hierzu gelieferte Schaubild ist leider etwas verwirrend, die Liste der zum Teil mehrfachen Fundstellen für bestimmte Ressortbereiche und Zeiträume allerdings sehr erhellend und kann in dieser Form als Findbuch der ausgelaufenen Schreiben an Legaten, Nuntien und Kollektoren benutzt werden. Ihre Ausführungen zu Aufbau und Arbeitsverteilung im Staatssekretariat sind überzeugend und widerlegen die bisherigen Expertenmeinungen. Hier deutet sich schon an, was im Laufe der Arbeit noch mit aller Deutlichkeit bewiesen wird: mit dem Provinzprinzip allein kann die Kompetenzverteilung in (und außerhalb) des Staatssekretariats nicht erklärt werden, vielmehr müssen funktionale Kriterien wie die Beziehung zwischen Schreiber und Adressaten sowie inhaltliche Kriterien hinzugezogen werden, um die Behandlung der Korrespondenz durch verschiedene Sekretäre zu erklären.

Das Verhältnis zwischen Amtskorrespondenz und "Patronagekorrespondenz" wird nun in einem zweiten Schritt anhand der umfassenden Analyse der einlaufenden Schreiben vornehmlich an der Provinz Ferrara untersucht, wobei die Frage nach bearbeitenden Sekretären und Händen mit dem Briefinhalt in Verbindung gebracht wird. Die Behandlung der Amtspost veränderte sich über die Jahr hinweg, und spätestens ab 1610 scheint die inhaltliche Behandlung der Amtskorrespondenz der Legaten und Nuntien nicht mehr die Aufmerksamkeit des Papstnepoten genossen zu haben, sondern in erster Linie vom Staatssekretariat und Pontifex bearbeitet worden zu sein. Ganz anders jedoch verhielt es sich mit Schreiben der Amtsträger, die für Aufbau und Versorgung der Klientel von Bedeutung waren und die sich sprachlich und in ihrer formalen Behandlung unterschieden.

Deutlich weist Emich nach, dass für diese Belange dem Papstnepoten in den Anfangsjahren des Pontifikats ein eigener Sekretär in Person seines Auditors zur Seite stand. Diese von Papstnepot und Auditor behandelten Schreiben klientelaren Charakters zeigen anders als die Amtskorrespondenz keine Bearbeitungsspuren des Papstes selbst. Emichs detektivische Beobachtung der Bearbeitungsspuren, ergänzt durch eine genaue inhaltliche Analyse der Korrespondenz, lässt den Schluss zu, dass der Auditor des Kardinalnepoten die Post vorsortierte und Schreiben politischen Inhalts zur Bearbeitung an das Staatssekretariat und den Papst weitergab, während die Antworten auf die Klientelinteressen touchierenden Briefe von Scipione Borghese und seinem Auditor vorbereitet und dann zur Ausfertigung an das Staatssekretariat weitergereicht wurden. Wenn der für die Bearbeitung der politischen Korrespondenz des Staatssekretariats weitgehend funktionslose Nepot dennoch weiterhin das nominelle Oberhaupt der Behörde blieb, so hatte dies in erster Linie traditionelle Gründe, denn, so Emich, "die Zeit für einen anderen Kardinalsstaatssekretär [war] schlichtweg noch nicht reif" (199).

Im dritten Kapitel widmet sich die Autorin den drei Kongregationen, denen Scipione Borghese ebenfalls als Leiter vorstand: der Consulta, dem Buon Governo und der Congregazione delle Acque. Die eher marginale inhaltliche Bedeutung Borgheses für die Arbeit in den Behörden, die er nominell leitete, legt den Verdacht nahe, dass das Betätigungsfeld des Papstnepoten sich in der Behörde nur unzureichend abbildet. So hat die ab 1616 ausgedünnte Legationskorrespondenz ihre Ursache in dem in diesem Jahr geschaffenen und von Ottavio Bacci geleiteten Patronagesekretariat, der in der gängigen Literatur vergeblich und fälschlich als Mitglied des Staatssekretariats geführt wurde. Bacci legte eigene Register an, in denen sich all jene Schreiben finden, die Patronagebelange der Korrespondenz betrafen und die nun auch in ihrer Bearbeitung und Ausfertigung aus dem Staatssekretariat herausgenommen wurden. Ist der Fall für das Patronagesekretariat ab 1616 aus den vatikanischen Akten zu verfolgen, so besteht eine Sensation dieser Dissertation im Nachweis eines von Anfang an existenten Privatsekretariats des Papstnepoten, das sich nicht in den Akten des Staatssekretariats niederschlägt. Belegt wird diese Entdeckung mit der Empfängerüberlieferung für die Legation Ferrara, wo sich Briefe des Papstnepoten finden, die in den Auslaufregisterbänden des Staatssekretariats nicht verzeichnet sind. Diese Schreiben unterscheiden sich auch in ihrer sprachlichen Ausgestaltung deutlich von den gewöhnlich in der römischen Behörde verfassten durch die sonst unübliche Unterzeichnungsformel "affettionatissimo". Ab 1616 werden diese "affettionatissimo"-Schreiben von Baccis Ressort übernommen, der nun Privat- und Patronagesekretariat vereinte, nachdem der letzte Auditor und Privatsekretär auf Grund der Erhebung zum Kardinal ausgeschieden war.

Doch wie verhielten sich Privatsekretariat und Staatssekretariat zueinander, konnte man Klientelinteressen wirklich so klar von Staatsinteressen unterscheiden? Dies war keineswegs immer möglich, wie die von Emich geschilderten Konflikte deutlich machen, die aus der getrennten Bearbeitung der Staats- und Privatkorrespondenz des Nepoten erwuchsen. Häufig schienen sämtliche staatliche Kontrollmechanismen, auch die der päpstlichen Intervention, außer Kraft, wenn materielle Anliegen des Papstnepoten und seiner engsten Gefolgsleute berührt waren. Wohl lediglich der mangelnde politische Ehrgeiz Scipione Borgheses war der Grund dafür, dass er, anders als später der Barberini-Nepot, nie versuchte, dem Staatssekretär politisch Konkurrenz zu machen.

Die zahlreichen Sekretäre, die im Dienst des Papstes als Experten in den verschiedenen Kongregationen arbeiteten, und die nicht notwendigerweise reine Klienten der Papstfamilie waren, können jedoch, so Emichs sicherlich richtiges Fazit, keineswegs als Bannerträger einer Bürokratie im Weberschen Sinne definiert werden. Sie waren selbst Teil des Klientelsystems und verfolgten innerhalb desselben ihre eigenen Anliegen, sodass die Dysfunktionalität im System selbst angelegt war. Dasselbe gilt für den Nepoten, der allenfalls als Ausdruck des Systems, nicht jedoch als sein Urheber angesehen werden kann. Es scheint jedoch fraglich, ob, wie Emich andeutet (412f.), die Konzentration der Patronage auf den Nepoten insgesamt das Alltagsgeschäft der päpstlichen Behörden "versachlichte".

Abschließend weist die Autorin deutlich auf die Unterschiede zwischen dem römischen System der Kardinalnepoten und den zeitgleich in Europa auftretenden Günstlingsministern hin. Letztere waren niemals Verwandte des Herrschers. Ihre Dienstleistung für den Herrscher war politischer Natur und diente nicht in erster Linie der finanziellen Bereicherung der eigenen Familie. In Rom hingegen nutzten die dem Nepoten zugefallenen Titel der Legitimation seiner "Versorgungsfunktion" für die päpstliche Familie, nicht jedoch der "zur Fiktion gewordenen Machtrolle" (415). Genau diese machte den Aufstieg des Kardinalstaatssekretärs nach der offiziellen Abschaffung des Titels des Kardinalnepoten (aber wohl kaum des nepotistischen Systems) im Ausgang des 17. Jahrhunderts möglich und aus finanziellen Gründen auch nötig. Die Schwerkraft der römischen Strukturen der zölibatären Adelsgesellschaft, in der der Nepotismus wurzelte, verhinderte jedoch letztlich den Sieg "der Staatsidee", nicht aber den Aufstieg des bürokratischen Staatssekretärs. Vielleicht ein Zeichen, dass Bürokratie und Staatlichkeit keineswegs siamesische Zwillinge sind?

Eine Arbeit zur vatikanischen Aktenkunde, die stellenweise spannender als "Der Name der Rose" ist und zugleich wissenschaftlich Neues zum Verständnis frühneuzeitlicher "Bürokratie" liefert, kommt nur selten vor. Birgit Emich ist dies in ihrer Dissertation gelungen. Sie ist - anders, als ihr Titel zunächst vermuten lässt - nicht nur für all jene von Interesse, die über den Pontifikat Pauls V. arbeiten und denen sie sicherlich zum unabdingbaren Arbeitsinstrument werden wird. Darüber hinaus wirft die Autorin auch Fragen auf, die für die europäische Geschichte der Frühen Neuzeit insgesamt relevant sind: das Verhältnis von Bürokratie und Klientelismus, Hof und Verwaltung und letztlich nach dem Begriff der Staatlichkeit selbst. Das Lesevergnügen wird lediglich getrübt durch den überbordenden Fußnotenapparat, in dem die Quellenzitate - für den Italienischkenner sicherlich amüsant - wie "Untertitel" mitlaufen, und in denen so manches spitzfindige Gefecht mit der Sekundärliteratur ausgetragen wird, das besser in gesonderten Aufsätzen aufgehoben gewesen wäre. Etwas Mut zur Kürzung und zur nicht bis ins letzte Detail belegten These hätte hier gut getan.

Nicole Reinhardt