Rezension über:

J. Friedrich Battenberg: Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts (= Enzyklopädie deutscher Geschichte; Bd. 60), München: Oldenbourg 2001, XII + 180 S., ISBN 978-3-486-55777-0, EUR 19,80
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Rezension von:
Barbara Staudinger
Wien
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Staudinger: Rezension von: J. Friedrich Battenberg: Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, München: Oldenbourg 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 5 [15.05.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/05/3788.html


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J. Friedrich Battenberg: Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

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Zeitlich zwischen den bereits in der Reihe "Enzyklopädie deutscher Geschichte" erschienenen Arbeiten Michael Tochs zur Geschichte der Juden im mittelalterlichen Reich (Bd. 44, 1998) und Shulamit Volkovs zu den deutschen Juden 1780-1918 (Bd. 16, 2. verbesserte Auflage 2000) gelegen, behandelt der Band Friedrich Battenbergs die Frühe Neuzeit, also die "Geschichte der Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts", so der Titel.

Im Hinblick darauf, dass es immer ein Wagnis ist, einen so großen Zeitraum in einer Darstellung, deren enzyklopädischer Überblicksteil 58 Seiten umfasst, behandeln zu müssen, ist es - hier sieht man vor allem Battenbergs Erfahrung im Verfassen historischer Handbücher - in vielen Aspekten ein gelungenes Buch. Die Stärken liegen vor allem in der Darstellung selbst, die von den LeserInnen praktisch kein Vorwissen zur Geschichte und Kultur des Judentums verlangt, also viele Begriffe, Riten etc. verständlich erklärt, und so dem Anspruch eines Handbuches gerecht wird. Battenberg gelingt es, wie er dies schon in zahlreichen Publikationen bewiesen hat (allerdings ohne zu stark auf diese Bezug zu nehmen), sich auf die "großen Linien" der jüdischen Geschichte zu konzentrieren und sich nicht im Detail zu verlieren - auch das gilt gemeinhin als charakteristisch für ein (gutes) Handbuch. Der "engen Verknüpfung" der Geschichte der Juden in Mitteleuropa mit der Geschichte der "christlichen Umwelt" wird dieser Band gerecht: Battenberg verbindet besonders gut die "innerjüdische Perspektive" mit dem Blick auf die Juden von geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, also der "Außenperspektive", sowie mit den Grundstrukturen jüdischen Lebens im Alten Reich (Rechtsstellung, Berufsstruktur, Organisationsformen etc.).

Auf der anderen Seite sind jedoch einige grundlegende, vor allem konzeptionelle Schwächen festzustellen, die schon beim Titel des Bandes beginnen. Während Michael Toch über die Juden im Reich schreibt, ist der Folgeband als "Die Juden in Deutschland (...)" betitelt. Ob die Titelwahl nun Verlagspolitik war oder beim Autor lag, sie spiegelt nicht den Inhalt des Bandes wider. Friedrich Battenberg beschreibt vielmehr eine Geschichte der Juden im Heiligen Römischen "Reich" in der Frühen Neuzeit, auch wenn er diesem Anspruch - aus diesem Grunde wurde "Reich" unter Anführungszeichen gesetzt - ebenfalls nicht gerecht wird. Unklar ist nämlich, was der Autor zum Alten Reich zählt. Der Überblick über die jüdischen Siedlungsstrukturen (10-13 für die Zeit bis 1650) umfasst räumlich Deutschland, die Niederlande - die, bis 1648 zwar noch formell im Reichsverband, praktisch jedoch kaum mehr in diesen eingebunden war -, Teile der österreichischen Erbländer, die Krone Böhmen und auch teilweise französische Besitzungen (Metz). Hingegen werden sowohl Reichsitalien als auch einige andere habsburgische Länder (etwa das Herzogtum Krain und die Grafschaft Görz, vor allem aber die Grafschaft Tirol) nicht behandelt. Triest wird anfangs zwar erwähnt, bleibt aber aus der weiteren Untersuchung ausgegliedert. Der beschriebene Raum kann daher weder insgesamt als "Deutschland" bezeichnet werden - dies tut auch Battenberg nicht - noch als "Reich". Eine Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsraum wäre daher wünschenswert gewesen, wobei die Einbeziehung der Niederlande in die Darstellung besonders zu diskutieren wäre.

Der bereits erwähnte Überblick über die jüdischen Siedlungsstrukturen im Reich ist darüber hinaus durch eine kaum nachvollziehbare Binneneinteilung des Reichs problematisch: In erster Linie betrifft dies den "Südosten" des Reichs, eine "geschichtlich zusammenhängende Region" (10), mit den "österreichischen Erblanden" (hier allerdings nur Österreich unter und ob der Enns), Bayern, der Oberpfalz und Ansbach-Bayreuth sowie Böhmen und Mähren. Warum Schlesien, das ja zum Königreich Böhmen gehörte, nicht mit den anderen Kronländern "geschichtlich zusammenhängt", sondern dem "Nordosten und Osten" des Reichs - abgesehen von seiner rein geografischen Lage - zugeordnet wurde, kann nicht nachvollzogen werden. Nicht nur im Bereich der jüdischen Geschichte macht es Sinn, die österreichischen Länder in die (vor der Länderteilung 1564) "niederösterreichischen Länder" (die Erzherzogtümer Österreich unter und ob der Enns, die Herzogtümer Steiermark, Kärnten und Krain, die Grafschaft Görz sowie die so genannten "adriatischen Besitzungen" der Habsburger) und die "oberösterreichischen Länder" (die Grafschaft Tirol und der Komplex der österreichischen Vorlande) zu trennen. Die Juden "Ostösterreichs" waren in hohem Maße wirtschaftlich wie sozial auf die Judengemeinden im Königreich Böhmen ausgerichtet, bevor Wien in den 1620er-Jahren selbst ein jüdisches Zentrum wurde. Die Kontakte der böhmischen (allen voran der Prager) und mährischen Juden bezogen sich wiederum auf die österreichischen Länder (vor allem wegen der Märkte in Linz, Krems etc.) und über Schlesien nach Polen, aber auch ins Reich, wobei hier die großen Judengemeinden (vor allem Frankfurt) die größte Anziehungskraft besaßen. Der besondere "historische Zusammenhang" der Region "Südosten" - hier paradigmatisch für alle anderen Regionen - ist nicht sichtbar, sinnvoller wäre eine Einteilung in verschiedene Ländergruppen (zum Beispiel "niederösterreichische Länder" und die Krone Böhmen) oder darüber gelegene territoriale Einheiten (zum Beispiel Schwaben) gewesen.

Als weiteres Problem ist, wie bereits angedeutet, die Einbeziehung der Niederlande (in der Region "Nordwesten und Norden") in eine Darstellung der Geschichte der Juden im Heiligen Römischen Reich zu nennen, ein Raum, der freilich bei dem zweiten Überblick über die Siedlungsstrukturen für die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg fehlt. Damit sind die Zahlen, die sowohl für die einzelnen Gemeinden als auch für die einzelnen Regionen angegeben werden, nur schlecht miteinander zu vergleichen.

Bezüglich des "Südwestens" ist anzumerken, dass eine Einbindung der Grafschaft Tirol besonders viel Sinn gemacht hätte, da der vorderösterreichisch-süddeutsch-norditalienische Raum nicht nur innerhalb der jüdischen Geschichte (etwa durch die überregionalen Märkte Bozen/Bolzano und Augsburg, die Handelsverbindungen, Mobilität und familiäre Verflechtungen) eine Einheit darstellt. Es zeigt sich hier die gleiche konzeptionelle Schwäche wie bei der Region "Südosten", auch wenn in diesem kleinteiligen Raum, in dem sich vielfach Herrschaftsrechte überlagerten, eine Einteilung nach Herrschaftsräumen nicht sinnvoll gewesen wäre. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die Markgrafschaft Burgau zum Komplex "Vorderösterreich" gehörte, also nicht erst 1617 an Österreich fiel (vergleiche 13).

Nicht nur der Überblick über die Siedlungsstrukturen zerfällt in die Zeit vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis 1648 (Teil des "jüdischen Mittelalters") und die Zeit von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ("jüdische Neuzeit"); diese Grundzäsur spiegelt sich auch in der Konzeption des gesamten Bandes wider. Die beiden Großkapitel des Darstellungsteiles behandeln jeweils einen dieser Zeitabschnitte. Trotz der berechtigten Betonung dieser Zäsur kommt es auf Grund der Struktur des Bandes zu Ungereimtheiten beziehungsweise wird teilweise die Sicht auf die "großen Linien" der jüdischen Geschichte verstellt. Die Nachteile, die eine zweigegliederte Übersicht über die jüdischen Siedlungsstrukturen mit sich bringen kann, wurden bereits erwähnt - gerade die demografische Entwicklung wäre in einem zeitlich übergreifenden Kapitel stringenter und verständlicher, etwa hinsichtlich der Verschiebung der Siedlungsschwerpunkte, darzustellen gewesen. Um größere Überschneidungen zu vermeiden, wurden darüber hinaus zum Beispiel die Bereiche "jüdischer Alltag" (50) und "Stellung der Frau" nur im Teil für die Zeit nach 1648 abgehandelt, was zu Missverständnissen führen kann. Ebenso ist es auf Grund der zeitlichen Trennung nicht immer möglich, neben den Brüchen auch die Kontinuitäten adäquat herauszuarbeiten. Dies bezieht sich nicht nur auf die Geschichte einzelner Judengemeinden, sondern auch auf Strukturen (Gemeindeorganisationen und andere jüdische Organisationsformen) oder Phänomene wie das Hofjudentum, das sich bereits im späten 16. Jahrhundert in Prag, vor allem aber in Wien in den 1620er-Jahren entwickelte und bei weitem nicht nur Juden als Hoflieferanten, sondern in erster Linie kaiserliche Kreditgeber mit starker Bindung an den Kaiserhof umfasste und das in den folgenden Jahrzehnten zur so genannten "institutionalisierten Hofjudenschaft" an vielen deutschen Fürstenhöfen ausgebaut wurde.

Diese "brüchige" Darstellung gilt ebenso für die Ausführungen Battenbergs zur Judenfeindschaft, sowie zur sozialen Differenzierung der Juden, die vor allem ab der Mitte des 17. Jahrhunderts zunahm und ihre Gegenpole in der Hofjudenschaft auf der einen und der wachsenden Anzahl an Betteljuden auf der anderen Seite hatte. Für beide Bereiche sind Entwicklungstendenzen, die sich zeitlich nicht an der Zäsur von 1650 orientieren, auf Grund der Konzeption des Bandes nicht nachzuvollziehen.

Die Stärken des Darstellungsteils liegen hingegen in einer differenzierten Bewertung der rechtlichen Beziehung zwischen Juden und Kaiser, in der sich der Forschungsschwerpunkt des Autors widerspiegelt. Grundannahmen der Forschung, wie das Weiterwirken der kaiserlichen Kammerknechtschaft der Juden sowie ihre Reichsunmittelbarkeit werden hinterfragt und damit auf eine recht rege Forschungsdiskussion verwiesen (vergleiche 73f.).

Der zweite Teil des Bandes, der sich mit den "Grundproblemen und Tendenzen der Forschung" (59-131) auseinandersetzt, bietet eine sehr problemorientierte Einführung in die Forschungssituation zur jüdischen Geschichte in Mitteleuropa, besonders hinsichtlich des obrigkeitlichen Blicks auf die Juden und ihrer verfassungsrechtlichen Stellung im Reich sowie zum Forschungsfeld der Hofjuden. Nach einer grundlegenden Problematisierung der Periodisierung der jüdischen Geschichte wird neben den oben erwähnten Schwerpunkten ein Forschungsüberblick über Fragen nach innerjüdischen Organisationsformen, sozialer Differenzierung und Siedlungsentwicklung, innerjüdisches Recht oder Judenfeindschaft etc. gegeben und (unterschiedlich ausführlich) die Forschungsliteratur besprochen. Insgesamt werden damit die wesentlichen Forschungsbereiche der jüdischen Geschichte abgedeckt, auch wenn die Überfälligkeit, auch neuere Forschungsansätze beziehungsweise -fragestellungen (zum Beispiel gender studies, Kulturgeschichte etc.) für die jüdische Geschichte nutzbar zu machen, nicht diskutiert wird.

Insgesamt wird, auch wenn Forschungskontroversen nicht immer angesprochen werden können, die Bandbreite der Forschung zur jüdischen Geschichte gut dokumentiert und der Darstellungsteil durch eine Vielzahl von Informationen ergänzt. Zwar ist auch der Forschungsüberblick in die Zeit vor und nach 1650 gegliedert, in diesem Kontext wirkt diese zeitliche Struktur jedoch im Vergleich zum Darstellungsteil weniger störend, da sich die Forschung bisher wesentlich intensiver mit der Zeit nach 1650, vor allem aber mit der Aufklärungszeit auseinandergesetzt hat als mit dem 16. und frühen 17. Jahrhundert.

Insgesamt ist der Band also äußerst ambivalent zu beurteilen: Einerseits beschreibt der Autor die großen Linien der frühneuzeitlichen Geschichte der Juden im Heiligen Römischen Reich in einem wissenschaftlichen, jedoch sehr gut lesbaren Stil, andererseits sind grundlegende konzeptionelle Mängel (besonders im Darstellungsteil) festzustellen, die den Blick auf die Grundzüge der jüdischen Geschichte in der Frühen Neuzeit zum Teil wieder verstellen.

Abschließend ist noch zu bemerken, dass ein besseres Lektorat, das etliche Tippfehler (vor allem in den Literaturangaben) und auch manche inhaltliche Unstimmigkeiten (zum Beispiel die Zugehörigkeit Schnaittachs zur Oberpfalz) korrigiert hätte, wünschenswert gewesen wäre.


Barbara Staudinger