Rezension über:

Frank Kolb: Herrscherideologie in der Spätantike (= Studienbücher Geschichte und Kultur der Alten Welt; Bd. 3), Berlin: Akademie Verlag 2001, 274 S., 48 Abb., ISBN 978-3-05-003432-4, EUR 20,40
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Rezension von:
Marietta Horster
Heinrich-Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Christian Witschel
Empfohlene Zitierweise:
Marietta Horster: Rezension von: Frank Kolb: Herrscherideologie in der Spätantike, Berlin: Akademie Verlag 2001, in: sehepunkte 2 (2002), Nr. 5 [15.05.2002], URL: http://www.sehepunkte.de
/2002/05/2944.html


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Frank Kolb: Herrscherideologie in der Spätantike

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Kolb stellt mit diesem reich illustrierten Studienbuch die Herrscherideologie in der Spätantike einem breiteren Publikum vor. Die Herrscherideologie definiert er als "System von Ideen, Wertvorstellungen, Insignien und Zeremonien" (22), die den Zweck haben, die spätantike kaiserliche Herrschaft zu legitimieren. Die spätantike Herrscherideologie sei als "Thema sui generis" noch nie behandelt worden, sondern lediglich entweder in Hinblick auf ihre Wurzeln in früheren Zeiten oder auf ihren Charakter als Vorläufer der byzantinischen Zeit. Beide Aspekte, Vergangenheit wie Folgezeit, werden von Kolb daher entsprechend kaum in den Blick genommen. Ebenso schließt er die Themenbereiche von Hofzeremoniell und -gesellschaft, sowie die staats- und verfassungsrechtlichen Implikationen der Herrscherideologie aus (23). Nicht das Herrschaftssystem, das Konzept beispielsweise der unteilbaren Herrschaft oder die Verbindung von kirchlicher und weltlicher Macht, werden diskutiert und der diesbezügliche ideologische Hintergrund erörtert, sondern die visuelle und verbale Legitimation der Herrscher als Herrscher.

Der quantitative und inhaltliche Schwerpunkt der Darstellung im I. Teil (19-140) und der Präsentation von wenigen literarischen und epigrafischen und vielen archäologischen wie numismatischen Quellen im II. Teil ("Materialien": 143-254) liegt in der Zeit von Diokletian bis zu Konstantin. Die Darstellung ist in fünf Abschnitte gegliedert. Neben Einleitung und Schluss sind dies die Kapitel 2 - Göttersöhne: die Grundlegung der spätantiken Herrscherideologie und der Tetrarchie (25-58), Kapitel 3 - Christianisierung des Kaisertums? Constantins Beitrag zur spätantiken Herrscherideologie (59-89) sowie Kapitel 4 - Vom christlichen Kaiser zum Imperator Christianissimus: die Entwicklung der Herrscherideologie in nachkonstantinischer Zeit (91-138). Für Kolb scheint die Spätantike im engeren Sinn das Ende des 3. Jahrhunderts sowie das ganze 4. Jahrhundert zu umfassen. Die Zeit danach wird auch im 4. Kapitel nicht genauer in den Blick genommen. Aus Anlass der Erwähnung der ersten Investitur eines Kaisers durch einen Kirchenmann, die im Jahr 487 stattfand, erfährt der Leser, dass dies schon zum byzantinischen und nicht mehr spätantiken Zeremoniell gehöre. Der spätantike konstitutive Akt der Kaisererhebung war und blieb dagegen profan.

Die von Diokletian entwickelte Herrscherideologie bestand nach Kolb im Wesentlichen aus dem Balanceakt der concordia (Eintracht) zwischen den Herrschern der Tetrarchie unter gleichzeitiger Akzeptanz einer klaren Hierarchie unter den vier Herrschern. Die äußerliche Darstellung dieser Eintracht wurde durch die Angleichung (similitudo) der Personen in den verschiedenen offiziellen bildlichen Medien wie Münzen, statuarischen Herrschergruppen oder Reliefs und Wandgemälden erreicht. Im diesem Ideal bildlicher Darstellung liegen nach Kolb schon die beiden wesentlichen Kernpunkte spätantiker Herrscherideologie und ihrer bildlichen Darstellung begründet, auch wenn sie im Laufe der Zeit einen Wandel durchliefen, nämlich Entindividualisierung als optische Angleichung der Herrscher und Ausdruck der Eintracht und Hierarchisierung durch verschiedene Insignien, Größe, Platzierung.

Die "ideologische Deutlichkeit" (passim) spätantiker Abbildungen von Herrschern wird nach Kolb durch genau diesen Verlust der Individualität der Herrscher und deren Hierarchisierung geschaffen. Weniger deutlich und eindeutig sind dagegen die literarischen Zeugnisse, die abhängig von Autor, Gelegenheit und Adressat verschiedene Tugendanforderungen und idealtypische Herrscherprofile zeichnen. Gerade in der direkten Ansprache eines Herrschers wie in den trotz aller Topologie doch unterschiedlichen Reden der Panegyriker oder in denen eines Themistios werden verschiedene Schwerpunkte und Ansichten zu den zivilen Tugenden und Aufgaben wie concordia, providentia, moderatio, Bildung oder Gerechtigkeit sowie zu den militärischen Verpflichtungen und Tugenden wie virtus, fortitudo, Unbesiegbarkeit und Friedensmission der Herrscher deutlich.

Kolb thematisiert vor allem den Ablauf der Kaisererhebung, das Adorationszeremoniell sowie Kleidung und andere Insignien in der bildlichen Darstellung. Purpur und ab konstantinischer Zeit auch das Diadem sind die herausragenden Herrschaftsinsignien der Augusti, die nicht nur bildlich dargestellt, sondern auch real von den Herrschern getragen wurden. Einen wirklichen Wandel in Selbstinszenierung und Zeremoniell konnte es nach Kolb erst geben, als durch Konstantin Konstantinopel gegründet wurde, wo im neuen Machtzentrum, unbelastet von "stadtrömischen Traditionen und Relikten republikanischer Verbrämung" (83), mit entsprechender Prachtentfaltung neue Formen geschaffen werden konnten.

So ist es nach Kolb die zunächst von Diokletian und Maximian als Söhne des Iuppiter und Herkules forcierte, dann aber vor allem von Konstantin geschaffene göttliche Sphäre des kaiserlichen Herrschers, die die neue, von den übrigen Menschen distanzierte inhaltliche und äußerliche Selbstdarstellung des Herrschers charakterisiert. Konstantins Propagierung eines gottgleichen Herrschers setzte sich in dieser Form nicht durch. Die Distanz und Erhöhung, die göttliche Sphäre der Herrschaft blieb dagegen bestehen, trotz eines Iulian mit seiner civilitas und eines Theodosius I. und seines Bußganges nach Mailand. Die göttliche, distanzierte Sphäre wird durch den Wandel in Ansprache, im Zeremoniell, durch das Diadem oder auch den (konstantinischen) Anspruch einer Aufsicht über Glauben und Kirche deutlich.

Hat es in der Spätantike einen christlichen Herrscher gegeben, der durch christliche Zeichen von offizieller Seite deutlich als solcher erkennbar gemacht wurde? Einen offiziellen und nach außen eindeutig sichtbaren Wandel zum "christlichen" Herrscher hat es vor allem auf zwei Ebenen, und zwar erst recht spät gegeben. Nach Kolb war der erste Schritt die humilitas, der Ausdruck der Demut und damit die Unterordnung von Theodosius I. unter die Kirche, der zweite dann in byzantinischer Zeit die zunehmende bildliche und verbale Christianisierung der Kaiser im Laufe des 6. Jahrhunderts. Offiziell tritt sie als Teil der Herrschertitulatur erst ab der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts auf (133). Das Christogramm und Kreuz sind zwar schon vereinzelt zuvor auf Münzporträts zu sehen, das Kreuz wird aber regelmäßiges offizielles Kaiserattribut erst ab Tiberius Constantius, der in den Jahren von 578-582 herrschte (114).

Im Detail sind in diesem Studienbuch viele Aussagen und Interpretationen sowohl in der Darstellung wie im Materialteil durchaus nicht so unumstritten, wie sie hier erscheinen. Davon dürfte aber vieles dem schwierigen Genre eines solchen Studienbuches geschuldet sein, dessen Darstellungsweise eher durch Aussagen als durch Diskussion charakterisiert ist. Umso verwunderlicher sind daher einige ausführliche Quelleninterpretationen, die in ihrer Ausführlichkeit zum Verständnis des Generalthemas kaum etwas beitragen. Dazu gehört zum Beispiel die Quelle M 9 (175-186): Die Wandmalereien aus dem ehemaligen Fahnenheiligtum des Legionslagers in Luxor (mit teilweise seitenverkehrten Abbildungen); ebenso M 10 (186-191): Die Diskussion der Anlage des Palastes von Romuliana-Gamzigrad wird dadurch erschwert, dass der Grundriss ungekennzeichnet gesüdet und nicht genordet ist. Außerdem erfährt der Leser beispielsweise nicht, dass sich der Palast - anders als die genannten in Rom - außerhalb einer Stadt befindet und nicht zuletzt deshalb auch einen wehrhaften Charakter hat. Auch die Diskussion einer literarischen Quelle wie eines Ausschnittes aus einer Rede des Synesios (M 19: 214-218; zuvor schon 97f.) ist für den Leser eines Studienbuchs zur Herrscherideologie nur schwer nachvollziehbar. Es überzeugt zwar unmittelbar, dass die von Kolb kritisierte Autorin (A. Pabst) mit ihrer Interpretation der Heeresversammlung als eines republikanischen Wahlgremiums zu weit geht. Mehrere Seiten dazu erscheinen jedoch in Hinblick auf Umfang und Aufbau des Buches überproportioniert.

In der Reihe "Studienbücher" des Akademieverlags sind bisher drei Bücher erschienen. Das programmatische Vorwort der Herausgeber von 1998 (7-9) benennt ein weit gefasstes Zielpublikum: jeder, der noch Neugier für die Antike Welt hege, der aber wegen der Bildungsmisere nicht mehr die alten Sprachen beherrsche. Ihnen soll durch die Lektüre der Bücher nicht nur Wissen vermittelt werden, sondern auch die Möglichkeit eröffnet werden, sich intensiver mit einem Thema zu befassen. Nicht nur Fachstudenten, sondern auch Lehrer an Schulen oder Studenten und Dozenten fachfremder Studiengänge sowie ein allgemein gebildetes Publikum sind angesprochen. Dass ein derartiger Spagat gelingen kann, haben die ersten beiden Bände der Reihe von Hartwin Brandt sowie von Friedhelm Hoffmann auf unterschiedliche Weise gezeigt. Das dort dargebotene Quellenmaterial in Übersetzung, wenige große Abbildungen, umfangreiche Glossare und jeweils eine Zeittafel sowie eine gegliederte und recht umfangreiche Liste mit weiterführender Literatur zeigten Möglichkeiten, mit einem solchen Anspruch umzugehen. In Kolbs Buch gibt es kein Glossar, keine Zeittafel, die Abbildungen sind eher klein, Größenangaben der abgebildeten Objekte sind selten. Das Abkürzungsverzeichnis gibt keinerlei Hilfestellungen für die Aufschlüsselung von literarischen, epigrafischen und numismatischen Quellenzitaten, obwohl als Zielpublikum doch gerade nicht nur Fachstudenten benannt sind. Der Index führt bei weitem nicht alle im Text genannten wichtigen Personen oder Autoren wie Johannes Chrysostomos, Claudian oder beispielsweise Orosius auf. Dabei wären Hilfestellungen mittels eines Glossars oder auch einer kurzen Charakterisierung von im Text behandelten Personen sinnvoll gewesen. Dass man erst bei der dritten Nennung von Ambrosius (etwa sieben Seiten nach der ersten) erfährt, dass es sich um einen Christen, sogar einen Bischof handelt, ist für den besonderen Charakter eines Studienbuches wenig verständisfördernd. Die im Anhang dargebotene Literaturauswahl ist vor allem deutschsprachig; fremdsprachige Literatur ist zumeist in die Anmerkungen verbannt.

Das Buch von Kolb ist für ein breites Publikum anregend und informativ. Für ein Fachpublikum ist es außerdem auch aufregend, da es in vielen Einzelaspekten zur Diskussion herausfordert.


Marietta Horster