Rezension über:

Frank Kolb: Tatort »Troia«. Geschichte - Mythen - Politik, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2010, 310 S., ISBN 978-3-506-77009-7, EUR 29,90
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Rezension von:
Karl-Wilhelm Welwei
Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Wilhelm Welwei: Rezension von: Frank Kolb: Tatort »Troia«. Geschichte - Mythen - Politik, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18991.html


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Frank Kolb: Tatort »Troia«

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Dieses Buch ist eine Dokumentation wissenschaftlicher Irrwege. Es wäre ohne die "Troia-Fiktionen" des verstorbenen Archäologen Manfred Korfmann sicherlich nicht geschrieben worden. Korfmann war überzeugt, durch seine 1988 begonnenen Grabungen auf dem Hisarlik-Hügel in der Troas den Nachweis erbracht zu haben, dass die dortige spätbronzezeitliche Siedlung, die seit Schliemann allgemein mit Troia identifiziert wird, sowohl eine bedeutende altorientalische Residenz als auch ein zentraler Handelsplatz war. Er fand mit dieser These vor allem bei dem Klassischen Philologen Joachim Latacs lebhafte Zustimmung. Beide Forscher hielten Troia sogar für einen Vorort eines mit der Hanse vergleichbaren Bundes, erfuhren aber von kompetenten Kennern der Thematik, zu denen auch Kolb zählt, von Anfang an berechtigten Widerspruch. Kolb fasst in seinem neuen Buch seine gegen Korfmanns These vorgebrachten Argumente zusammen und erörtert das Problem in einem weiten historischen Rahmen.

Bereits in der Einleitung verdeutlicht Kolb (19-31), dass Korfmanns Auffassung von einem anatolischen Charakter Troias auch unter politischen Aspekten zu verstehen ist und lächerliche Kuriositäten zur Folge haben kann. So ist es geradezu absurd, wenn die Forschungsthese, dass die ersten europäischen Bauern im Neolithikum aus Anatolien nach Europa gelangt seien, in der englischen Presse dahingehend verballhornt wurde, dass der Ursprung der englischen Sprache auf türkische Bauern zurückgeführt werden könne, wie Kolb vermerkt (35).

Seine Warnung vor einer Politisierung des Troia-Mythos ist völllig berechtigt, zumal der Glaube an die Historizität eines langen Krieges um Troia und an die Zerstörung der Siedlung durch mykenische Heerscharen in einer breiteren Öffentlichkeit noch immer lebendig zu sein scheint. Offenbar kann man nicht oft genug betonen, dass die Griechen in klassischer Zeit keine verlässlichen Quellen zu Ereignissen hatten, die schon in homerischer Zeit (um 700 v.Chr.) ein halbes Jahrtausend zurücklagen. Dementsprechend enthält auch der homerische Schiffskatalog (Ilias 2,494-759) keine authentischen Nachrichten über eine politische Konfiguration im mykenischen Griechenland. Die epischen Dichter orientierten sich generell an Verhältnissen in Siedlungsgemeinschaften, die zwar noch vorstaatliche Strukturen hatten, aber gleichsam schon an der Schwelle einer Entwicklung zur "Staatlichkeit" standen. Hiervon kann in spätmykenischer Zeit noch keine Rede sein.

Kolb kritisiert auch mit Recht voreilige Schlüsse, die Latacz und andere Altertumsforscher aus neuen Funden von Linear B - Tafeln aus Theben ziehen, indem sie annehmen, dass dort das Zentrum eines großen mykenischen Reiches existiert habe, das mit dem in hethitischen Quellen genannten Land Ahhijawa identisch gewesen sei. Die Gleichsetzung der Bewohner von Ahhijawa mit den in der Ilias (2,126) erwähnten Achaioi ist eine Spekulation.

Es ist unverständlich, dass Korfmann nicht nur ein mächtiges spätbronzezeitliches Troia auf dem Hisarlik-Hügel nachzuweisen suchte, sondern auch dort Wurzeln europäischer Kultur postulierte. Er ignorierte fundierte Forschungsergebnisse, wie sie beispielsweise Dieter Hertel (Troia, München 2001; ders. Das frühe Ilion, München 2008) in Reaktion auf Korfmanns Thesen dargelegt hat. Hertel verweist darauf, dass die Zerstörungsschicht von Troia VI aufgrund einer neuen Durchsicht des betreffenden Keramikmaterials bereits auf eine Katastrophe um 1300 hindeutet, die durch ein Erdbeben verursacht wurde. Die Siedlung wurde wieder aufgebaut, und ihre neue Phase gilt als Troia VIIa. Nach einer Brandkatastrophe wurde der Ort erneut restauriert, so dass nunmehr die Phase Troia VIIb 1 entstand. In dieser Siedlung fanden sich Spuren von Zuwanderern aus dem thrakisch-makedonischen Raum, die neben der schon ansässigen Bevölkerung dort lebten. Der balkanische Einfluss verstärkte sich in der Folgezeit, und nach dem Ende der Phase Troia VIIb 2 (um 1020 v.Chr.) begann offenbar die griechische Besiedlung, die nunmehr die Stufe Troia VIII einleitete.

Mit Blick auf den von Hertel skizzierten Befund bezeichnet Kolb den spätbronzezeitlichen Ort auf dem Hügel Hisarlik als Burgsiedlung. Die dort lebende "aristokratische Elite" könnte nach seiner Interpretation die Landschaft Troas kontrolliert haben. Er nimmt nicht in Anspruch, mit seinem Buch die "endgültige Lösung eines alten Rätsels" zu bieten (251), zitiert aber im Schlusskapitel Harald Hauptmanns Rat in einem Nachruf auf Korfmann, dass die Bedeutung jener Ruine "aufgrund der vorhandenen archäologischen Quellenlage abwägend zu werten" sei (248-249). Kolb selbst hat keine Bedenken, "eine wirkliche Aufarbeitung der Sünden Korfmanns" zu fordern. Außenstehenden mag diese Wertung als barsches Urteil erscheinen. Kolbs Darstellung kann indes als Muster einer Anleitung zu methodologischer Korrektheit gelten.

Karl-Wilhelm Welwei