Rezension über:

Laurent Bourquin / Olivier Chaline / Michel Figeac et al.: Noblesses en exil. Les migrations nobiliaires entre la France et l'Europe (XVe-XIXe siècle), Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2021, 289 S., 2 Kt., 4 s/w-Abb, ISBN 978-2-7535-8093-0, EUR 25,00
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Rezension von:
Jort Blazejewski
Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Jort Blazejewski: Rezension von: Laurent Bourquin / Olivier Chaline / Michel Figeac et al.: Noblesses en exil. Les migrations nobiliaires entre la France et l'Europe (XVe-XIXe siècle), Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 2 [15.02.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/02/36275.html


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Laurent Bourquin / Olivier Chaline / Michel Figeac et al.: Noblesses en exil

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Adels- und Migrationsforschung fördern sich gegenseitig. So kann man die Kernaussage des vorliegenden Buches begreifen, dessen Entstehung einer Konferenz der Arenberg-Stiftung im Sommer 2018 zu verdanken ist. Es steht für die methodische Zusammenführung zweier Disziplinen, die sich je einer anhaltenden Konjunktur erfreuen. Während die Adelsforschung aufgrund ihrer späten Hinwendung zu theorieorientierten Fragestellungen Nachholbedarf verspürt, erschließt die Historische Migrationsforschung aus der Betrachtung von Gegenwartsproblemen stetig neue Themen. Es sind deren Leitfragen, die den Herausgebern zur Strukturierung des weiten Forschungsfeldes zur adligen Migration in der Frühen Neuzeit dienen. In nahezu paritätischen Anteilen ordnen sie insgesamt 19 thematische Beiträge den drei Bereichen "itinéraires", "intégrations" und "identités" zu, die ihrerseits die Prozesshaftigkeit adliger Migrationsbewegungen herausstellen sollen (12).

Die räumliche Einordnung, wie sie der Untertitel vorgibt, ist mit einer für Tagungsbände typischen Unverbindlichkeit zu verstehen, die Raum für Abweichungen lässt. Wie Michel Figeac und Martin Wrede einleitend betonen, führen Spuren der adligen Migrationsgeschichte zwar immer wieder nach Frankreich, doch könnten Forschungen zum Heiligen Römischen Reich, besonders zu Mitteleuropa, grundlegende Querverbindungen aufdecken und neue Vergleichsperspektiven eröffnen. So zeige sich, dass adlige Migration in vornationalen Epochen zur Vereinigung ("unification") des Kontinents beigetragen habe, indem sie die Herausbildung von Netzwerken und kulturelle Austauschprozesse in Gang setzte (10-13).

Den Beiträgen im ersten Teil "itinéraires" ist zu entnehmen, dass das Mobilitätsverhalten adliger Migranten standestypischen Vorstellungen unterlag. Dazu gehörte bereits die Wahl von Zufluchtsorten. Kurstädte, die durch die Zuwanderung von Revolutionsflüchtlingen nach 1789 zu Resilienzorten des Ancien Régime wurden (Mathieu Magne), bilden einen sinnbildlichen Fall. Wo sie ihr Exil auch verbrachten, untätig blieben die wenigsten. Wie Anne Motta am Beispiel vertriebener lothringischer Adliger im 17. Jahrhundert aufzeigt, suchten viele Akteure danach, ihrer Marginalisierung durch militärisches oder publizistisches Engagement entgegenzuwirken. Karriereperspektiven bestimmten ebenfalls die Wege adliger Hugenotten (Céline Borello und Caroline Le Mao) und wichtiger Fronde-Akteure (Christian Kühner). Ihre Exilaktivitäten erstreckten sich über die Bereiche Militär, Verwaltung, Kirche und Diplomatie. Sébastien Schick zeigt am Beispiel emigrierter Staatsminister auf, dass adliges Exil sogar grundlegend für die Entwicklung internationaler Beziehungen war. Aus den persönlichen Kontakten eines wachsenden "groupe nobiliaire transfrontalier" (89) entstanden nach und nach diplomatische Verbindungen zwischen Frankreich und Reichsständen.

Der zweite Teil befasst sich mit Integrationsprozessen, wobei besonders migrantische Handlungsspielräume im Mittelpunkt stehen. Éric Hassler stellt so die Wirksamkeit strategischer Heiratspolitik fremder Adliger am Wiener Hof heraus. Perspektiven eröffneten sich auch durch Handelsgeschäfte, wie im Fall der englischen Royalisten, die nach der Hinrichtung von König Karl I. im Jahr 1649 über den Ärmelkanal nach Frankreich geflüchtet waren. Ihnen kamen Kontakte zu kaufmännischen Milieus zugute (Aurélien Ruellet).

Dem Militär kam mit Abstand die größte integrative Funktion zu. Nach der Besetzung des Herzogtums Lothringen 1633 durch französische Truppen wechselten zahlreiche Adlige in den Dienst des französischen Königs. Laurent Bourquins Untersuchungen zeigen, dass hochrangige Familien dafür langfristig in die nahegelegene Champagne übersiedelten, wo sie attraktive Laufbahnen einschlagen konnten. Das 1791 gegründete Corps Condé, ein Kampfverband französischer Revolutionsemigranten, worunter viele adlige Offiziere, kann als Paradebeispiel für die Zusammenhänge von Exil, Militär und Integration gelten. Nach der Übernahme des Corps durch die kaiserliche Armee gelang es einigen seiner Angehörigen, in Österreichs führende Kreise aufzusteigen. Die in dem Gemeinschaftsartikel von Margarete Longueval Buquoy und Olivier Chaline beleuchtete Vita des bretonischen Offiziers Picot de Peccaduc veranschaulicht dies exemplarisch. Vergleichbare Beispiele liefert die Geschichte der Familie Arenberg, deren Vertreter zur gleichen Zeit über mehrere Stationen in die habsburgischen Erblande gelangten (Bertrand Goujon).

Ob kurze oder lange Exilaufenthalte, in der Regel setzten sich Betroffene verstärkt mit Identitätsfragen auseinander. Diesem Thema wendet sich der letzte Teil zu. Die damit angesprochenen Eigenperspektiven und Selbstwahrnehmungen lassen sich aus Selbstzeugnissen rekonstruieren. Agnieszka Jakuboszczak und Stanislas Roszak eröffnen vergleichende Perspektiven auf die Memoiren zweier Frauen unterschiedlicher Herkunft, nämlich der aus Kleve stammenden Charlotte Louise von Heyden, Gräfin Schwerin, und Regina Salomea Pilsztynowa, der Angehörigen eines verarmten polnischen Adelsgeschlechts. In beiden Fällen vollziehen die Autoren die prozesshafte Akzeptanz des zuweilen schwierigen Exillebens nach. Inwiefern unter Emigranten Ausprägungen einer Gruppenidentität zu beobachten waren, zeigt Ferenc Tóth am Beispiel ungarischer Husaren im 18. Jahrhundert. Durch Königstreue, Militärkarrieren und Einheirat gelang ihnen eine eindrucksvolle Eingliederung in die französische Adelsgesellschaft. Unter kulturellen Gesichtspunkten führten Integrationsprozesse wie diese aber nicht zu einem Identitätsverlust. Bei den Husarenfamilien muss ebenso wie im Fall des polnischen Exilanten und Schriftstellers Xavier Branicki, biographisch erforscht von Michel Figeac, von einer "hybridation culturelle" (277) ausgegangen werden.

So ersichtlich die Gliederung des Bandes ist, gelegentlich lenkt sie von charakteristischen Problemstellungen ab. Luc Duerloos aufschlussreiche Untersuchung verschiedenster Exilanten im Brüssel des 17. Jahrhunderts wäre unter dem Gesichtspunkt der "itinéraires" möglicherweise besser zur Geltung gekommen als im letzten Teil "identités". Dasselbe ließe sich über den Beitrag von Nicolas Le Roux sagen, der die mit wechselnden Aufenthaltsorten verbundene Vita des schottischen Regenten John Stewart in den Blick nimmt. Umgekehrt hätten vielleicht die Artikel zum hugenottischen Adel einen vorteilhafteren Platz im Schlussteil "identités" eingenommen.

Unabhängig davon überzeugt das Buch durch übergreifende und gemeinschaftliche Beobachtungen der Beiträge, die hier aus Platzgründen nicht alle thematisiert werden können. Dazu gehören Erkenntnisse zur integrativen Bedeutung des Militärs oder Ansätze zur Periodisierung adliger Migrationsbewegungen (infolge der diplomatischen Revolution von 1756 verlagerten sich beispielsweise wichtige Exilräume adliger Migranten). Damit übertrifft der Band seine primäre Zielsetzung, die der Schlussbetrachtung von Laurent Bourquin und Olivier Chaline zufolge vor allem in der Entwicklung neuer Fragestellungen bestand (279). Auch derer fehlt es am Ende nicht. Sie betreffen geschlechterspezifische Emigrationserfahrungen, gescheiterte Integrationsprozesse oder die Bedeutung von kleineren Höfen als Exilorten. Aufgrund des Überlieferungsreichtums von Adelsarchiven sind die Aussichten fundierter Migrationsforschung ausgesprochen günstig. Der Band liefert dafür vielfältige Beispiele und wichtige Impulse.

Jort Blazejewski