Rezension über:

Joachim Brüser / Konrad Krimm (Hgg.): Die Ortenauer Reichsritterschaft am Ende des Alten Reiches (= Oberrheinische Studien; Bd. 33), Stuttgart: Thorbecke 2015, 377 S., 8 Farb-, 5 s/w-Abb., ISBN 978-3-7995-7834-9, EUR 34,00
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Rezension von:
Jort Blazejewski
Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Jort Blazejewski: Rezension von: Joachim Brüser / Konrad Krimm (Hgg.): Die Ortenauer Reichsritterschaft am Ende des Alten Reiches, Stuttgart: Thorbecke 2015, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/11/28831.html


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Joachim Brüser / Konrad Krimm (Hgg.): Die Ortenauer Reichsritterschaft am Ende des Alten Reiches

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Der vorliegende Band dokumentiert Forschungsergebnisse der gleichnamigen Tagung, die im Juni 2013 von der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein sowie vom Historischen Verein für Mittelbaden auf Schloss Altdorf in Ettenheim und damit an einem für ihr Programm emblematischen Veranstaltungsort organisiert wurde. Das Schloss ist bis heute Sitz der 1790 in die Ortenauer Reichsritterschaft aufgenommenen Freiherren von Türckheim, deren Familienarchiv 2007 im Generallandesarchiv Karlsruhe hinterlegt wurde. Seine Erschließung bildet den Hintergrund für die Tagung und den daraus hervorgehenden Sammelband.

Mit den Worten der Herausgeber ist von allen Reichsritterschaften "die der Ortenau die am wenigsten erforschte" (8). Wundernehmen kann dies durchaus, denn die Ortenauer Ritterschaft blieb von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Mediatisierung ihrer Gebiete 1803/1806 dem Ritterkanton Neckar-Schwarzwald auf eigentümliche Art als Annex verbunden. Diese Sonderstellung im Schwäbischen Ritterkreis hätte tiefergehende Untersuchungen eigentlich erwarten lassen können. Gleichzeitig ist es nicht von der Hand zu weisen, dass gerade diese Sonderstellung, mit ihren verworrenen rheinübergreifenden Verbindungen zum Elsass innerhalb der ohnehin schon komplexen Organisation der Reichsritter, solche Vorhaben bislang mehr abschreckte als anlockte. Mit sieben Einzelbeiträgen und einem als Anhang beigefügten Inventar des ritterschaftlichen Archivs will der Band nun "zu weiteren Forschungen zur Geschichte der Ortenauer Reichsritterschaft anregen" (10). Mit dem Fokus auf die Übergangszeit knüpft er an die jüngere Forschung an, die sich spätestens seit den 1990er-Jahren und den Studien Volker Press' auf die lange vernachlässigten Reichsritterschaften eingelassen hat und zunehmend Fragen nach existenzbedrohenden Momenten am Ende des Alten Reichs stellt. [1]

Der chronologisch aufgebaute Beitragsteil entwirft ein facettenreiches Bild der Ortenauer Reichsritterschaft, deren Organisationsbestrebungen im 16. Jahrhundert primär mit der Entrichtung der kaiserlichen Türkensteuer verbunden waren. Die grundlegende Untersuchung ihres Mitglieder- und Güterbestands (Kurt Andermann, 11-47) trifft dabei auf Phänomene sozio-ökonomischer Mobilität, die attraktive Aufstiegsmöglichkeiten einschloss. Zur "Prestige vermittelnden und die Rechte Mindermächtiger wahrenden Standesvertretung" (15) entwickelte sich die Reichsritterschaft aber erst allmählich. Wie sich die Aufnahme in die Korporation vollziehen konnte, veranschaulicht das Beispiel der Freiherren von Türckheim, die 1788 einen sogenannten Rezeptionsantrag stellten und zwei Jahre später in die reichsunmittelbare Stellung als Reichsritter aufstiegen (Joachim Brüser, 49-67).

Die Anschaffung eines eigenen Ordenskreuzes (Henning Volle, 69-72) und die langwierige, durch die Revolutionsereignisse erschwerte Suche nach einem geeigneten Ritterhaus (Wolfgang M. Gall, 73-88) zeugen davon, dass die Reichsritter zum Ende des Reichs auf ihre Außenwahrnehmung bedacht waren. Lange konnten sie sich dieser Errungenschaften im Vorfeld der Mediatisierung nicht mehr bedienen. Die in beiden Beiträgen anklingende Frage (69, 86f.), inwiefern in diesem aussagekräftigen Gebaren das standesbewusste Zusammenrücken einer angegriffenen Adelsgruppe zu sehen ist, bleibt bedauerlicherweise offen. Immerhin waren existenzbedrohende Anzeichen bereits eindringlich zu beobachten gewesen, als einige ihrer linksrheinischen Standesgenossen aus dem revolutionären Frankreich in die Ortenau flohen. Ein "Behauptungswille im Moment des Herrschaftsverlustes" (162) lässt sich indessen im Rahmen der ritterschaftlichen Archive (Konrad Krimm, 136-166) nachweisen, die in der Revolutionszeit mehrmals geflüchtet wurden. Abgesehen davon, dass sich das Kanzleischrifttum von herrschaftlich-juristischer Bedeutung erwies, war das Archiv als solches auch ein Gegenstand öffentlicher Wahrnehmung (148), den es nicht nur materiell zu wahren galt.

Als es 1805 zur Mediatisierung durch den badischen Staat kam, "riss dieser Vorgang eine tiefe Wunde in das Selbstwertgefühl der Betroffenen" (90), wie der Blick auf das wechselvolle Verhältnis der Ritterschaft zum neuen Großherzogtum verdeutlicht (Martin Furtwängler, 89-106). Das badische Adelsedikt von 1824 beschnitt zwar endgültig ihre Patrimonial- und Polizeirechte, stellte den künftigen Grundherren aber nicht unwesentliche Vorrechte auf lokaler Ebene in Aussicht. Allgemein, das zeigen auch Karrierewege in Staat und Militär, muss festgestellt werden, dass ihre "Integration in den badischen Staat trotz der erkennbaren Reibungen gelang" (106). Durch die territorialen Gebietsgewinne Badens war die Adelsgesellschaft auf einen Schlag angewachsen. Potentiell war damit in Restauration und Vormärz eine gleichsam klassische Trägergruppe konservativer Bewegungen gegeben. Diese blieben letztlich, im Gegensatz zum badischen Liberalismus, schwach ausgeprägt, besaßen in ideologischer Hinsicht aber chancenreiche Voraussetzungen (Daniel Menning, 107-134).

Das beigegebene Inventar bedarf der Hervorhebung. Dieser Anhang geht als überwiegender Teil des Bandes (169-355) nicht aus dem Titel hervor und könnte bibliografischen Recherchen leicht entgehen. Es steht zu hoffen, dass der funktionelle Nutzen des Bandes aufgrund dieser formellen Unstimmigkeit nicht hinter dem informativen zurückbleiben wird. Das Inventar ist nämlich ein beachtenswerter Rekonstruktionsversuch der ritterschaftlichen Archivsituation um 1800. Es verzeichnet aus ersichtlichen Gründen zwar nicht alle ritterschaftlichen Archivalien, soll dafür aber die "thematische Breite ritterschaftlicher Verwaltung" (171) vermitteln. Dies leistet auf erster Verzeichnungsebene die "in logischem Gefälle vom Allgemeinen zum Besonderen" (154) fortschreitende Systematik der alten ritterschaftlichen Registratur, die hier teilweise beibehalten wurde und über 15 aktuelle Bestände im Generallandesarchiv umspannt. Künftigen Untersuchungen dürfte mit diesem virtuellen Inventar einer der denkbar unmittelbarsten Zugänge (inklusive Orts- und Personenregister) zu den wesentlichen Interna der ritterschaftlichen Organisation in der Übergangszeit eröffnet sein.

Mit diesem Format und dem durchgängigen Quellenbezug wird der Band seinem vorrangigen Ziel, neue Forschungsimpulse zu geben, zweifellos gerecht. Insofern darf es nicht allzu sehr gewichtet werden, dass die Beiträge in der Zusammenschau keine systematische Behandlung der Ortenauer Ritterschaft darstellen. Vielmehr erfolgen punktuelle und akteursbezogene Zugriffe auf eine Adelsgruppe, die sich als "Verlierer" der Mediatisierung im Übergang vom Ancien Régime zur Moderne - so viel wird man bilanzieren müssen - überaus betriebsam präsentiert, weiterer Untersuchungen allerdings harrt. Zu denken ist etwa an die Disposition greifbarer Behauptungstendenzen, die gerade vor dem Hintergrund der jahrhundertelang behüteten Sonderstellung Fragen aufwerfen. Der Band samt Inventar jedenfalls schafft in dieser Hinsicht eine neue Grundlage, der in Zukunft die verdiente Beachtung zu wünschen bleibt.


Anmerkung:

[1] Vgl. zuletzt Michael Puchta: Mediatisierung "mit Haut und Haar, Leib und Leben". Die Unterwerfung der Reichsritter durch Ansbach-Bayreuth (1792-1798) (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; Bd. 85), Göttingen 2012.

Jort Blazejewski