Rezension über:

Anthony Bale (ed.): The Cambridge Companion to the Literature of the Crusades, Cambridge: Cambridge University Press 2019, XVIII + 281 S., 4 s/w-Abb., ISBN 978-1-108-46486-4, GBP 18,99
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Rezension von:
Christoph T. Maier
Historisches Seminar, Universität Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Christoph T. Maier: Rezension von: Anthony Bale (ed.): The Cambridge Companion to the Literature of the Crusades, Cambridge: Cambridge University Press 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 4 [15.04.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/04/33632.html


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Anthony Bale (ed.): The Cambridge Companion to the Literature of the Crusades

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Der vorliegende Band aus der Reihe der Cambridge Companions setzt sich zum Ziel, einen Überblick über die rhetorischen und kulturellen Konstruktionen der mittelalterlichen Kreuzzüge im Spiegel literarischer Texte des Mittelalters und der darauffolgenden Epochen zu geben. Wie bei anderen Bänden der Reihe geht es dabei nicht darum, eine systematische handbuchartige Darstellung zu liefern. Laut den Ausführungen des Herausgebers Anthony Bale in der Einführung soll der Band durch ausgewählte thematische Schlaglichter die Bandbreite und Beschaffenheit kreuzzugsbezogener literarischer Texte vorstellen und somit einen Anstoß zu weiterführenden Untersuchungen zum Thema geben. Der in der historischen Mediävistik viel diskutierten Frage der Definition der Kreuzzüge geht Bale aus dem Weg, indem er einen möglichst weiten und deshalb mitunter vagen Bezugsrahmen wählt, nämlich das Verständnis des Kreuzzugs als eine durch Glaube oder Frömmigkeit inspirierte militärische Unternehmung bzw. als eine militärische Pilgerfahrt ("military campaign inspired by faith or piety", "militarised pilgrimage", 1). Die Beiträge des Bandes sind in fünf Themenfelder gegliedert: Textsorten ("genres"), Kontextualisierungen ("contexts and communities"), Inhalte ("themes and images"), Heldenfiguren ("heroes") und Nachleben ("afterlives").

Im ersten Kapitel zur chronikalen Überlieferung erklärt Elizabeth Lapina mit viel Sachkenntnis, dass es ein Genre der Kreuzzugschroniken im engeren Sinn nicht gab und dass bezüglich Form und Motivation die chronikalen Narrative mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen. In ihrem gut gegliederten Überblick berücksichtigt Lapina jedoch Kristin Skottkis wichtige Arbeit zu den Chroniken des Ersten Kreuzzugs nicht. [1]

Im zweiten Kapitel stellt Marianne Ailes Kreuzzugschansons als thematisch klar situierte Textgattung vor, die unabhängig von den konkreten historischen Kontexten meist als christliche Heldenepen konzipiert waren. Im dritten Kapitel zur Dichtung der Troubadoure zeigt Linda Paterson anhand einiger interessanter Beispiele auf, wie sich die Dichter in den öffentlichen Diskurs um die Kreuzzüge einbrachten und sich dabei durchaus kritisch mit einzelnen Vorhaben auseinandersetzten, vor allem was die Kreuzzüge in Europa anbelangt.

Irritierend präsentiert sich das vierte Kapitel am Anfang des zweiten Themenfelds. Dort skizziert Connor Wilson grob den Reflex des militärisch-spirituellen Engagements der Kreuzzüge in lateinischen und byzantinischen Texten des 11. und 12. Jahrhunderts. Der Beitrag ist leider nur oberflächlich in der Forschungslandschaft verortet und widmet sich auch nicht wie die anderen Kapitel einer klar definierten literarischen Textgruppe oder einem klar definierten Umgang mit Literatur. Dagegen präsentiert Helen Nicholson im fünften Kapitel eine kompetente und konzise Darstellung der literarischen Aktivitäten von Frauen im Kontext der Kreuzzüge und beleuchtet gleichzeitig deren Patronage von Zeugnissen der Memorialkultur. Nicholson weist mit Hilfe einiger prominenter Beispiele nach, dass auch Frauen Entscheidendes zum öffentlichen Diskurs zu den Kreuzzügen beitrugen. Im sechsten Kapitel zeichnet Anthony Bale ein detailliertes Bild der literarischen Aktivitäten im Kontext der Kreuzzüge und in den Kreuzfahrerstaaten des östlichen Mittelmeers nach. Er behandelt dabei unter anderem Fragen zum Leseverhalten von Kreuzfahrern, zur Zirkulation von Texten sowie zur literarischen Produktion im lateinischen Osten. Im abschließenden Kapitel des zweiten Themenfelds erforscht Uri Zvi Shachar Aspekte der literarischen Verarbeitung der Judenpogrome von 1096 in hebräischen Texten sowie literarische Entgegnungen arabischer Autoren, die als Reaktion auf die christliche Invasion ins Heilige Land verfasst wurden.

Das dritte Themenfeld zu den Inhalten wird von Suzanne Yeagers Beitrag über das Motiv des himmlischen und irdischen Jerusalem eröffnet. Schwerpunktmäßig geht es hier vor allem um den Ursprung und die Genese des Motivs und nur ganz am Rande um dessen Verarbeitung in Texten, die direkt auf den Kreuzzug Bezug nehmen. Des Weiteren zeigt Lynn Ramey anhand von ausgewählten Passagen der Chansons de gestes und der Dichtung der Troubadouren und Trouvères, dass Edward Saids Konzept des Orientalismus durchaus auch auf mittelalterliche Texte angewendet werden kann. Im dritten Beitrag zum Abschnitt Inhalte erörtert Matthew Mesley Konzepte von Ritterlichkeit, Männlichkeit und Sexualität und deren Zusammenspiel in einzelnen kreuzzugsbezogenen Texten.

Im Themenfeld Heldenfiguren erläutert Christine Chism anhand mittelenglischer Texte, dass Sultan Saladin als Gegenspieler Richard Löwenherz' Einzug in die Heldengalerie des Spätmittelalters fand und Facetten eines Heldenbilds transportierte, die jenseits von religiösen Wertigkeiten verortet waren. Im darauffolgenden Kapitel porträtiert Julian Weiss die Legende des Cid als ein typisches Konstrukt der Iberischen Halbinsel, das geprägt war vom wechselseitigen Reflex kultureller Ansprüche und religiöser Normen zwischen christlichen und muslimischen Kulturen. Die Ausführungen zur Heldengalerie der Kreuzzüge wird abschließend ergänzt durch Anne Latowskys Beitrag über berühmte fränkische Kreuzfahrer, allen voran Karl der Große, Gottfried von Bouillon und König Ludwig IX. Latowsky legt dar, wie sich im Spätmittelalter aus der Geschichte dieser drei Heldenfiguren eine eigene fränkisch-französische Erzähltradition bildete.

Das letzte Themenfeld zum Nachleben der Kreuzzüge wird von Robert Rouse eröffnet, der in seinem Beitrag zeigt, wie lebendig die Kreuzzugsthematik in der mittelenglischen Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts war. In ähnlicher Manier führt Lee Manion aus, dass noch im 16. und 17. Jahrhundert zahlreiche literarische Werke die fortlaufenden Traditionen des Kreuzfahrens in ihr Themenrepertoire aufnahmen. Das abschließende Kapitel des Bandes beschäftigt sich mit den Erscheinungen des medievalism in Roman und Film während des 19. und 20. Jahrhunderts. Louise d'Arcens erklärt, dass der Stoff der Kreuzzüge auch in jüngster Zeit als Projektionsfläche politischer, religiöser und moralischer Erzählstrategien diente.

Die sechzehn hier versammelten thematischen Schlaglichter bieten einen äußerst vielseitigen und insgesamt gut gelungenen Ein- und Überblick zur Forschung über die Literatur der Kreuzzüge im Mittelalter. Zwar sind die einzelnen Beiträge wie in vielen Sammelbänden von unterschiedlicher Qualität. Auch stört aus hiesiger Perspektive die mit ganz wenigen Ausnahmen fehlenden Bezüge zu deutschsprachigen Quellen und Studien. Und obwohl der in der Einleitung angekündigte konkrete Anstoß zu weiterführenden Forschungen in den meisten Beiträgen nicht wirklich eingelöst wird, so lohnt sich die Lektüre allemal. Die Forschung zur literarischen Verarbeitung der Kreuzzüge versteckt sich allzu oft in den Themenknäuel einzelner Spezialdisziplinen. Im vorliegenden Band werden die verschiedenen thematischen Stränge des Forschungsfelds jedoch zusammengeführt und in einem wohlgeordneten Panoptikum präsentiert.


Anmerkung:

[1] Kristin Skottki: Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug. Die Macht der Beschreibung in der mittelalterlichen und modernen Historiographie, Münster 2015.

Christoph T. Maier