Rezension über:

Ronny Heidenreich: Die DDR-Spionage des BND. Von den Anfängen bis zum Mauerbau (= Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945-1968; Bd. 11), Berlin: Christoph Links Verlag 2019, 704 S., ISBN 978-3-96289-024-7, EUR 50,00
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Rezension von:
Armin Wagner
Dresden
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Armin Wagner: Rezension von: Ronny Heidenreich: Die DDR-Spionage des BND. Von den Anfängen bis zum Mauerbau, Berlin: Christoph Links Verlag 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 2 [15.02.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/02/32831.html


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Ronny Heidenreich: Die DDR-Spionage des BND

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Weiter geht es mit den Publikationen der Unabhängigen Historikerkommission (UHK) zur Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND): Die Aufarbeitung von Kontinuitäten und "Wahlverwandtschaften", aber auch Unterschieden zwischen nationalsozialistischen und Nachkriegsbehörden bei Personal, Handlungsfeldern, Arbeitsweisen und Denkmustern hat sich seit der Pionierstudie über das Auswärtige Amt von 2010 zu einem breit aufgestellten zeitgeschichtlichen Forschungsfeld entwickelt. Nun ist ein materialgesättigter Band über Pullachs Spionage in der SBZ/DDR erschienen. Die Vorannahme liegt nahe, dass es sich um den operativen Kern von Reinhard Gehlens Dienst handelte. Allerdings ist anhand der vorgelegten Arbeiten von Rolf-Dieter Müller, Klaus-Dietmar Henke und Jost Dülffer hinlänglich bekannt, dass sich ein Gutteil der Tätigkeit von Organisation Gehlen (Org) und BND der Bespitzelung innenpolitischer Protagonisten der 1950/60er Jahre widmete; Agilolf Keßelring hat darüber hinaus die zentrale Funktion der Org im Vorfeld der westdeutschen Wiederbewaffnung nachgezeichnet. [1] Tatsächlich relativiert Ronny Heidenreich in seiner Dissertation die grundsätzliche Bedeutung der DDR für Pullach.

Die Arbeit hat der Autor in drei große inhaltliche Kapitel aufgeteilt: zwei davon wenden sich auf knapp 250 Seiten der Org zu, zunächst in der Zeit von ihrer Etablierung 1946 bis zum Gründungsjahr der DDR, dann vom Koreakrieg bis zum "Geheimdienstkrieg" 1953 und dessen Folgen. Es schließen sich ca. 330 Seiten von der Gründung des BND bis zum Mauerbau und der Enttarnung des KGB-Spions Heinz Felfe sowie dem Ende der Ära Gehlen an. Analysiert werden jeweils die Militär-, Wirtschafts- und politische Spionage, zudem die Gegenspionage.

Welche empirischen Erkenntnisse bringt die Studie? U.S. Army und auch die CIA als aufeinander folgende Finanziers und Kontrollinstanzen der Org drängten auf konkrete Aufklärung in Ostdeutschland. Gehlens Apparat hat dieses Geschäft mit unterschiedlichem Elan und verschiedenen Schwerpunkten betrieben. In der Militäraufklärung kam die große Zeit der Org mit dem Koreakrieg, als es verstärkt zur Aufgabe wurde, die sowjetischen Standorte in der DDR zu überwachen, was zwar nicht flächendeckend, aber doch mit recht guten Ergebnissen gelang. Innenquellen, sowjetische Offiziere etwa, ließen sich allerdings nicht gewinnen, bestenfalls deutsche Angestellte, die eher "Innenbeobachter" waren. Auch die quellenmäßige Penetration der Kasernierten Volkspolizei erfolgte nur in Einzelfällen. Als erfolgreiche Operation für die militärische Frühwarnung erwies sich dagegen die Überwachung militärischer Eisenbahntransporte. In der eng mit der Militärspionage verknüpften Wirtschaftsaufklärung konnten zunächst einige positive Ergebnisse erzielt werden, teilweise auch bei der Ausspähung des Uranbergbaus im Erzgebirge. Dagegen hat Pullach in der politischen Aufklärung und in der Gegenspionage nie wirklich gepunktet. Ohne nennenswerte Erfolge bei der Anwerbung von SED-Funktionären gab es immerhin einige Zugänge im staatlichen Verwaltungsapparat. Am Vorabend der BND-Gründung war die Hochzeit der DDR-Spionage laut Heidenreich bereits vorbei. Die Fähigkeiten der DDR-Aufklärung reichten "für eine allumfassende Lagebeurteilung" nicht aus (288).

Danach rückte die DDR im Aufklärungsinteresse des Gehlen-Dienstes in den Hintergrund, mit Ausnahme der Militärspionage - de facto: der Standortüberwachung von außen. Dennoch war selbst in dieser Domäne des BND weder die Erstellung eines statischen Lagebildes noch eine Vorwarnfunktion aus eigenen Kräften möglich. DDR-Aufklärung war bis zum Ende der Dienstzeit Gehlens nur noch im Kontext der sowjetischen Deutschlandpolitik von Interesse. Den 17. Juni 1953 hielt Pullach lange für eine von den Sowjets selbst provozierte Erhebung; beim Mauerbau wurden die vorhandenen Indizien nicht zuletzt aufgrund der Fehlmeldungen des in KGB-Diensten stehenden Doppelagenten Günter Hofé nicht richtig gedeutet. Dafür entwickelten sich der Nahe und Ferne Osten sowie Afrika zu Operationsgebieten abseits der eigentlich anzunehmenden regionalen Kernkompetenz des BND.

Warum aber war der Gehlen-Dienst strukturell dysfunktional aufgestellt und arbeitete inhaltlich defizitär? Zentral für das Verständnis sind dessen grundsätzliche Konstruktionsfehler. An erster Stelle ist die praktische Autonomie der Außenstellen ("Generalvertretungen") Pullachs zu nennen, die der Org eine kontrollierte Quellenrekrutierung, eine zentral gesteuerte systematische Informationsbeschaffung und eine analytische Verarbeitung des Nachrichtenaufkommens erschwerten. Der rasche und unkontrollierte Aufbau des V-Leute-Netzes im Osten erwies sich als Einfallstor für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und die sowjetischen Dienste. Es gibt weitere Gründe: Die Abstimmung der Aufklärungsaufträge mit Auswärtigem Amt, Bundeskanzleramt und Bundeswirtschaftsministerium funktionierte kaum. Parallel zu Pullach war das Bundesamt für Verfassungsschutz in der DDR mit größerem Erfolg aktiv, ja der "bessere BND". Ressortegoismen überlagerten sogar den gemeinsamen Antikommunismus. Schließlich schuf sich Gehlen eine Art "Privatgeheimdienst" für die Ostaufklärung, der mit der Pullacher Linienstruktur nicht kooperierte und sich besonders anfällig für die östliche Gegenspionage erwies. Die Verluste unter den V-Leuten nach dem Mauerbau konnten durch westliche Reise- und Transitspione nicht dauerhaft kompensiert werden, und die Verlagerung des operativen Ansatzes der DDR-Aufklärung vom Osten in den Westen (z. B. durch sog. Umweganbahnung) reduzierte zwar das Risiko, gleichermaßen aber auch den Ertrag. Bis in die Details hinein erwiesen sich Entscheidungen als wenig durchdacht, so die 1962 erfolgte Trennung der einheitlichen operativen Führung von Militär- und Wirtschaftsspionage, die für die Erkennung von Kapazitäten und Fähigkeiten des östlichen strategischen Potenzials eigentlich eng zusammengehörten. Der BND hatte sich selbst in die nachrichtendienstliche Defensive manövriert.

Doch diese handwerklich-institutionellen Defizite sind nur dann als operative Misere zu lesen, wenn das nachrichtendienstliche Geschäft in Pullach wirklich im Vordergrund gestanden hätte. Heidenreich gibt, im Anschluss an die Gehlen-Biografie Rolf-Dieter Müllers, eine andere Interpretation: Beschaffung und Auswertung "vermeintlich exklusiver Nachrichten" (639) waren, wenigstens für den Chef des Dienstes, weniger relevant und dienten als Fassade, als "Camouflage (vor sich selber)" (62). Tatsächlich nämlich ging es Gehlen darum, in Bonn Einfluss zu nehmen. Die Wahrnehmung und Beurteilung der Politik von Ost-Berlin und Moskau beruhte deshalb weniger auf geheimen Beobachtungen jenseits des Eisernen Vorhangs als auf vorgefestigten Annahmen und Überzeugungen aufgrund eines hermetischen, antikommunistischen Weltbildes. Diese These ist plausibel hergeleitet, wenngleich Heidenreich dazu tendiert, die von ihm selbst dargestellten Eigenlogiken innerhalb der Org und des frühen BND im Resümee zugunsten einer Perspektive allein aus dem "Doktorhaus", also Reinhard Gehlens und seiner engsten Vertrauten, zu vernachlässigen.

Nur auf den ersten Blick provokanter erscheint eine andere Feststellung: Die Spionage Pullachs lieferte einen "Begründungzusammenhang" (643), der es Ost-Berlin erlaubte, den Ausbau des eigenen Polizei- und Überwachungsstaates zu rechtfertigen. Dem Dienst wird somit ein Anteil an der Verantwortung für die Repression der eigenen Landsleute östlich der Elbe zugeschrieben. Dieser Zusammenhang ist angesichts der zeitgenössischen Spionagepraxis, -furcht und -propaganda evident. Nicht zu verkennen ist allerdings, dass eine Geheimpolizei zur innenpolitischen Herrschaftssicherung in allen Regimen sowjetischer Provenienz unabhängig von äußeren Bedrohungen konstitutiv war.

Mit diesem Buch kristallisiert sich im Sinne der "Fassadenthese" Heidenreichs weiter heraus, dass Org/BND unter Reinhard Gehlen in der deutsch-deutschen Systemkonfrontation des Kalten Krieges noch ganz andere als nachrichtendienstliche Funktionen erfüllten. Sie fungierten als antikommunistische Agentur im gesellschaftlichen Diskurs der 1950er Jahre, als personelle Keimzelle des Aufbaus westdeutscher Streitkräfte, als Vermittlungsinstanz und institutionelles Bindeglied gegenüber der US-Seite, als Überwachungsapparat rechtsradikaler Veteranenverbände und nicht zuletzt als innenpolitischer Handlanger des Kanzleramtes. Dagegen stellt Heidenreich die DDR-Spionage Pullachs wesentlich als Misserfolg dar. Offen bleibt hier, welchen Aufwand wiederum das MfS betrieben hat, um die westdeutsche Spionage zu bekämpfen, und wie effektiv die Stasi zwar im Ergebnis, wie ineffizient sie aber auf dem Weg dorthin war. [2] Zu diesem Thema, das erst die gegenseitige Inter- oder eher Konteraktion von MfS und Org/BND in eine wirklich vergleichende Perspektive rückt, ist eine Arbeit aus der BStU-Forschungsabteilung angekündigt. Es bleibt außerdem abzuwarten, bis innerhalb der UHK-Reihe der angekündigte umfangreiche Sammelband von Wolfgang Krieger über die BND-Spionage "im Rest der Welt" erscheint, um ermessen zu können inwiefern Pullach global player war und dort relevantere Informationen erwirtschaftete als in der DDR.

Nachsatz: Solange die Quellen, auf welche die UHK zurückgreifen konnte, der Zeitgeschichtsforschung nicht allgemein zugänglich gemacht werden - wie es für die Akten der DDR-Staatssicherheit mit Einrichtung der BStU galt -, relativiert dies den Wert der Studien in erheblichem Maße. Der Rezensent hat im Februar 2017 beim BND Antrag auf Einsicht in die Akte des Doppelagenten Hans-Joachim Geyer, ein Fall aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre, gestellt. Bis heute (Januar 2020) gab es in der Sache keinen Aktenzugang, im Unterschied zu den Dokumenten der gleichen Personalie beim BStU. Derart jedoch kann Zeitgeschichtsforschung nicht funktionieren. Die Historikerkommission trägt Mitverantwortung, dass die von ihnen genutzten Akten auch Dritten zugänglich werden. Denn nur auf diese Weise kann eine Grundvoraussetzung von Wissenschaft überhaupt gewährleistet werden: dass nämlich die vorgelegten Ergebnisse veri- oder falsifizierbar sind.


Anmerkungen:

[1] Zu den bisher erschienenen Bändern der UHK-Reihe, auch mit Nachweis der Rezensionen, siehe: http://www.uhk-bnd.de/ [08.12.2019].

[2] Vgl. Hans-Hermann Hertle: Die Ohnmacht der Allmacht. Der ZOV "Operation II" oder wie die DDR-Staatssicherheit erfolglos Spione jagte, in: Potsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien Nr. 34/35 (2005), 23-39, online: https://zzf-potsdam.de/sites/default/files/publikation/Bulletin/bull_34_35.pdf [08.12.2019]; Armin Wagner / Matthias Uhl: BND contra Sowjetarmee. Westdeutsche Militärspionage in der DDR, 3. Aufl., Berlin 2010, 121-181.

Armin Wagner