Rezension über:

Florian Sittig: Psychopathen in Purpur. Julisch-claudischer Caesarenwahnsinn und die Konstruktion historischer Realität (= Historia. Einzelschriften; Bd. 249), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2018, 576 S., ISBN 978-3-515-11969-6, EUR 84,00
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Rezension von:
Florian Krüpe
Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Florian Krüpe: Rezension von: Florian Sittig: Psychopathen in Purpur. Julisch-claudischer Caesarenwahnsinn und die Konstruktion historischer Realität, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 2 [15.02.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/02/32134.html


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Florian Sittig: Psychopathen in Purpur

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Was haben Ares, Kambyses, Catilina, Caligula, Hitler, Stalin, Gaddafi, Berlusconi, Putin und Erdogan gemeinsam? Ihnen allen wurde von der Nachwelt oder ihren politischen Gegnern irgendwann "Wahnsinn" vorgeworfen, eine spezielle Form davon, die nur die Mächtigen befällt ... Diesem Phänomen, diesem Topos widmet sich Florian Sittig in der vorliegenden Arbeit, bei es sich um die redigierte Fassung seiner 2016 an der FU Berlin eingereichten Doktorarbeit handelt.

In seiner Einleitung macht Sittig deutlich, dass wir eine "Ubiquität des Phänomens" zu konstatieren haben und ein Narrativ, das vielfältige literarische Inanspruchnahmen erfahren hat. Es gehe ihm nicht um Rechtfertigungen oder ein postumes Tribunal, sondern um eine Analyse des Narrativs auf Basis der Frage, ob die literarische Verdammung des Wahnsinnigen vielleicht sogar eine jeweils gebotene Notwendigkeit war. Ziel seiner Studie ist die Analyse der stigmatisierenden systemischen Ursachen für den Wahnsinnstopos und insbesondere für die diskursiven Bedingungen der Konstruktion von Geschichtsbildern in dieser Phase des Prinzipats. Sittig will Handlungs- und Interpretationsspielräume der unterschiedlichen Akteure ausleuchten und Gemeinsamkeiten jener Handlungen eruieren, die regelmäßig als "wahnsinnig" verurteilt werden. Es geht ihm darum, Caesarenwahn als Konzept im Rahmen einer strukturgeschichtlichen Analyse zu validieren, fernab jeder Hobbypsychologie. Historischer Diskurs habe Vorrang vor moderner Psychoanalyse.

Im Folgenden unterscheidet er vier verschiedene Wahnsinnskonzepte: mythologische, medizinische, philosophische und juristische, ehe er sich dann in fünf größeren Kapiteln den Teilelementen der sog. "Tyrannentopik" widmet. In Kapitel 2 (theoretisch-methodische Überlegungen) widmet er sich den historiographischen "Klassikern" des Genres, die dazu beigetragen haben, Caesarenwahnsinn als "Berufskrankheit" zu etablieren: Freud, Freytag, Wiedemeister, Quidde, Pelman, von Hentig, Sachs und andere. Caesarenwahnsinn sei kein wertfreies wissenschaftliches Analyseinstrument, sondern politischer Kampfbegriff, deutlich auch an Begriffen wie furor principum und regnum insania - antike Vorstellungen, denen er u.a. bei Herodot, Tacitus, Plinius Maior oder Cassius Dio nachspürt. Kritik an der Psychohistorie sei berechtigt und Skepsis an retrospektiver Diagnostik nicht neu. Konsequenterweise finden daher in Sittigs eigener Analyse nicht die naturwissenschaftlichen Komponenten der Psychoanalyse Anwendung, sondern die sozialwissenschaftlichen, er rekurriert dabei in beachtlichem Umfang immer wieder auf Foucault.

Kapitel 3 widmet sich dem komplexen Wahnsinnsbegriff der Antike, dem Wahnsinn als Strafe und Ekstase in Mythos und Kult ebenso wie der Genese des Begriffs. Sittig analysiert hier eine Reihe von Beispielen für die direkte Übernahme eines mythischen Wahnsinnsbegriffs in Literatur und Historiographie. Er kann zeigen, dass die hippokratischen Schriften den ehedem mythologischen Wahnsinnsbegriff veränderten. Tradierte deistische, dämonische und magische Erklärungsansätze für Wahnsinn wurden in dieser Zeit zwar entkräftet, jedoch keineswegs gänzlich verworfen, sie fanden komplementäre Verwendungen mit jeweils eigenen Erklärungsmustern. Zwar erfolgte eine Ausbildung von Klassifizierungen von Geisteskrankheiten (Manie, Melancholie, Phrenitis) durch Autoren wie Celsus u.a., doch entwickelte sich keine allgemein anerkannte Systematik der Geisteskrankheiten.

Kapitel 4 widmet sich Motiven wie Unbeherrschtheit und Fremdbestimmung, die Sittig in Kontrast zum römischen Leitbegriff der Virilität sieht. Er diskutiert sie auf Signifikanz für Aristokraten hin und untersucht den Vorwurf, einzelne Kaiser seien nur Marionetten ihrer familia gewesen an den Beispielen Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. In den Urteilen dieser Zeit habe deren mangelnde Urteils- und Entschlussfähigkeit Abhängigkeiten von Ehefrauen, Schwestern, Mutter, Freigelassenen oder Prätorianerpräfekten erzeugt. In den Schilderungen erhielten diese Personen zu viel Einfluss auf den princeps. Die Folge sei soziale Unordnung, Chaos gewesen. Politischer Anspruch und die geschilderten Fähigkeiten der jeweiligen Herrscher klafften auseinander, nicht nur einmal als Folge eines Realitätsverlustes.

In Kapitel 5 widmet sich Sittig dem Sadismus, der wahnsinnigen Caesaren nachgesagt wurde. Er bemerkt zu Recht, dass Gewaltexzesse jüngst teilweise mit Übergangsphänomenen von Republik zu Monarchie bzw. dem Niedergang einer staatlich-konstitutionellen Ordnung erklärt worden sind, und die antike Vorstellung von Gewalt grundsätzlich positiver war als dies heute der Fall ist. In einer res publica sei die Anwendung von Gewalt per se problematisch, daher habe ein immanentes Dilemma für die julisch-claudischen principes existiert, denen Gewaltmonopol und Gewaltrecht fehlten. Gewalt innerhalb der eigenen Familie wurde zudem als selbstzerstörerisch und irrational und damit grausam bewertet; es galt das Leitbild der concordia familiae principis.

Kapitel 6 fokussiert auf die Tyrannenfurcht, hier sieht Sittig eine Korrelation von Gewalt, Furcht und Wahnsinn. Furcht sei ein wichtiges Motiv des Wahnsinnsnarrativs - und movens für princeps wie Senatoren. Sie allein sei jedoch für beide Seiten zunehmend unzureichender gewesen, Gewaltakte zu rechtfertigen. Je größer eine Verschwörung war, desto größer die Furcht des Kaisers und umso weitreichender seine Vergeltungsmaßnahmen.

Luxuria und avaritia sind die Leitbegriffe für Kapitel 7. Luxus, so Sittig, sei in der Untersuchungszeit zunehmend als Störung des gesellschaftlichen consensus gesehen worden, die Verbindung von luxuria, avaritia und ambitio war problematisch, galten doch luxuriöse Lebensgewohnheiten als mitverantwortlich für Krankheiten des Körpers. Hybris schien eine Folge des Überflusses; so wie manche Kaiser von ihren Frauen und Freigelassenen abhängig gewesen seien, seien dies andere von ihren Gelüsten.

Kapitel 8 widmet sich Stolz und Hochmut, hier macht Sittig deutlich, dass superbia als antikes Pendant zum sprachlich nicht existierenden Begriff Caesarenwahnsinn Verwendung fand. Es war so etwas wie ein antimonarchischer Kampfbegriff, der in der Meinung der Zeitgenossen unmittelbar mit Realitäts- und Kontrollverlust verbunden war. Für deren Autoren war es eine Wahrnehmungsstörung, in den Quellen werden die abstinentia und moderatio der "guten" Kaiser des 2. Jahrhunderts gegen die adrogantia und superbia ihrer Vorgänger montiert. Sittig granuliert sehr fein, dass es nicht der Herrschaftsanspruch war, der anmaßend erschien, nicht der Herrschaftsantritt, der hochmütig machte, sondern diese Wendung nur dann erscheint, wenn sich der Herrscher dieser Aufgabe als nicht gewachsen erwies. Kaiserliche Arroganz paarte sich dann mit dem Wahnsinnsnarrativ.

Kap. 9, die Schlussbetrachtung, kommt zu einer Reihe bemerkenswerter Urteile. Die Historiographie des 2. und 3. Jahrhunderts habe einen wichtigen Beitrag zur Beschreibung kaiserlichen Wahnsinns geleistet und zur Deutung eines politischen Ist-Zustandes, der sich ebenso als Aristokratie wie als Monarchie oder als Mischform deuten ließ und der Ansätze sowohl zu positiven als auch negativen Bewertungen bot. Das Wahnsinnsnarrativ habe die Möglichkeit eröffnet, verschiedene Detaildeutungen zueinander in Beziehung zu setzen und Optionen und Alternativen zu formulieren. Wenn in den Quellen mit dem Wahnsinn früherer Kaiser argumentiert wurde, seien dies oft eigene Projektionen gewesen, manchmal aber auch Ausdruck eines Vernunftoptimismus. Caesarenwahnsinn sei, heute wie damals, als historische Analysekategorie mehr als nur ein antimonarchischer Kampfbegriff oder Krankheitsdiagnose.

Er verdankte, so Sittig, seinen Erfolg den vielen akteurspezifisch divergierenden Begriffskonnotationen; er ließ ganz unterschiedliche Deutungen der Ursachen und Konsequenzen von Praktiken und Verhaltensweisen zu, verlangte aber keine einheitliche moralische Positionierung oder die Forderung nach konkreten Konsequenzen. Er war Sprachregelung, manchmal kleinster gemeinsamer Nenner und damit sozialer Kit zwischen Akteuren unterschiedlicher sozialer Herkunft und Katalysator für die Entwicklung der Monarchie in ihren Anfangsjahren. Das Narrrativ verband politisch relevante Symptome mit der vielschichtigen Person des Herrschers und dem soziopolitischen System; es leistete damit deutlich mehr als die Tyrannentopik oder eine psychologische Deutung, nämlich einen Beitrag zu einer narrativen Schöpfung einer historischen Realität voller Ungewissheiten. Es lieferte Sinnzuschreibung an die eigene Gegenwart und war eine Aushandlung aktueller wie vergangener Realitätskonstruktionen.

Verschiedene hilfreiche Indices und ein voluminöses Quellen- und Literaturverzeichnis runden eine Arbeit ab, an der man fraglos Dinge kritisieren kann: Sittigs Vorliebe für sehr bildgewaltige Titel ("Schürzenjäger, Muttersöhnchen und Pantoffelhelden"; "Dynastiebildung als domestizierter Bürgerkrieg") beispielsweise, die unnötig für Orchesterdonner sorgen. Bisweilen störend sind zudem nicht gerade wenige Flüchtigkeitsfehler im Bereich Orthographie und Zeichensetzung, die sich leicht hätten vermeiden lassen. Das Luxuskapitel (7) ist etwas arg detailverliebt und redundant geraten, dies hätte man ohne allzu große Einbußen kürzer fassen können, stattdessen hätte der Abriss der modernen Forschungsgeschichte in der Neuzeit gerne etwas ausführlicher ausfallen dürfen. Redundanzen sind überhaupt in nicht unbeträchtlichem Maße vorhanden, dies sollte jedoch angesichts der Detailfülle dieser Studie und der Tatsache, dass sie Ergebnis der Arbeit eines Einzelnen ist, nicht verwundern. Diese Kritik ist jedoch Klagen auf hohem Niveau: Sittig beherrscht seine Instrumente, er spielt auf der Klaviatur der Quellenkritik ebenso wie auf der einer ungemein weitreichenden Kenntnis moderner Forschungsliteratur. Dass in dem entsprechenden Anhang in den Augen mancher Rezensenten einzelne Titel fehlen, sollte man als Partikularkritik auffassen, die großen Linien sind es, die beeindrucken: Die Verwendung der soziologischen Klassiker, die en passant einfließenden Wortfeldanalysen und semantischen Klärungen, die Durchdringung der Materie, die klaren Analysen, der Blick für das "große Ganze".

Sittig schafft mit seinem Ansatz fast klinische Laborbedingungen für eine retrospektive mikro- wie makroskopische Untersuchung des Phänomens Caesarenwahnsinn und lotet damit entgegen seiner diesbezüglich entschuldigenden Vorbemerkungen dann doch Untiefen der Psychologie einer ganzen Epoche aus. Man kann seine Vorgehensweise, die eine Form von reverse engineering ist, kritisieren und mit der er eine Art sandbox kreiert, in der das Vorhaben schwerlich scheitern kann. Doch ist dies nicht die Art, wie wir ständig mit den Unzulänglichkeiten unserer Quellen und Autoren verfahren? Am Ende geht es doch immer wieder warum, neue Fragen mit neuen Methoden an altbekannte Texte und Autoren zu stellen und insbesondere das allzu Bekannte anzuzweifeln - und diese Aufgabe hat Sittig fraglos glänzend erfüllt. Sein Werk schließt jene Lücke, die die psychologischen Standardwerke und -lexika aufweisen: Er legt eine enorm fundierte, auf vielen Detailstudien basierende Analyse von Caesarenwahnsinn vor und führt diesen als Analysekategorie in unsere Wissenschaftsdisziplinen ein. Opus auctorem probat ...

Florian Krüpe