Rezension über:

Robert Skwirblies: Altitalienische Malerei als preußisches Kulturgut. Gemäldesammlungen, Kunsthandel und Museumspolitik 1797-1830 (= Ars et Scientia. Schriften zur Kunstwissenschaft; Bd. 13), Berlin: de Gruyter 2017, VIII + 827 S., 109 Farb-, 89 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-043940-3, EUR 89,95
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Rezension von:
Bärbel Holtz
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Bärbel Holtz: Rezension von: Robert Skwirblies: Altitalienische Malerei als preußisches Kulturgut. Gemäldesammlungen, Kunsthandel und Museumspolitik 1797-1830, Berlin: de Gruyter 2017, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 1 [15.01.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/01/31075.html


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Robert Skwirblies: Altitalienische Malerei als preußisches Kulturgut

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Bei der hier zu besprechenden Promotionsschrift handelt es sich um eine in mehrfacher Hinsicht äußerst gehaltvolle und ansprechende Publikation: Skwirblies liefert nicht nur, was schon anspruchsvoll genug gewesen wäre - eine quellengesättigte und detaillierte Analyse des Entstehens altitalienischer Gemäldesammlungen im Preußen des frühen 19. Jahrhunderts. Dabei nimmt er neben dem preußischem Königshaus und Staat auch den in Gestalt von privaten Unternehmern europäisch agierenden Kunsthandel genauso in den Blick wie die staatliche Museumspolitik und zeitgenössischen kunstästhetischen Diskurse. Er legt darüber hinaus für den Untersuchungszeitraum neun (oft) aus archivalischen Quellen eigens zusammengetragene und sorgfältig zusammengestellte Dokumentationen vor, mit denen er die damalige massenweise "Umsiedlung" altitalienischer Malerei auf aussagekräftige tabellarische Daten herunterbricht und systematisiert anbietet, so unter anderem die dem preußischen Staat unterbreiteten Gemäldeangebote, die in Berlin ausgestellten oder dort angebotenen frühen italienischen Werke, aber auch die im Auftrag des preußischen Staates vermittelten älteren Gemälde aus Italien. Diese insgesamt knapp 200 Seiten umfassenden neun Dokumentationen bilden zukünftig das Einfallstor für jeden, der sich wissenschaftlich solide mit der altitalienischen Malerei im vom Klassizismus geprägten Preußen befassen will. Der ebenfalls der Arbeit beigegebene Tafelteil (mehr als 100 farbige Abbildungen) erhöht den Anschauungsgrad der Untersuchung und verzahnt gegebenenfalls das abgebildete Kunstwerk durch einen konkreten Verweis auf die Dokumentation, wo dessen "Weg nach Preußen" schnell auffindbar und erkennbar wird.

Zuvor aber, und das ist die wissenschaftliche Hauptleistung von Skwirblies, untersucht er auf fast 500 Seiten ein Phänomen, das um 1800 generell Europa und in Preußen besonders seine Hauptstadt ergriffen hatte: Die gar nicht neue, italienische Malerei der Vor- und Frührenaissance weckte auf einmal das Interesse nicht nur des preußischen Königshauses und Hofes. Ebenso waren von dieser Begeisterung Kunstkenner sowie private Sammler und dementsprechend Kunsthändler, aber auch Museumsenthusiasten und nicht zuletzt das Publikum ergriffen. Innerhalb eines historisch kurzen Zeitraums kamen hunderte derartige Gemälde in die sich erst als Kunstmetropole entwickelnde Hauptstadt an der Spree. Bei der Offenlegung der sehr verschiedenen Umstände des Ankaufs der Kunstwerke verknüpft Skwirblies die jeweils objektbezogenen Besonderheiten mit dem allgemeinen historischen Kontext. Auf diese Weise gelingen ihm gleichermaßen eine beispielhafte materialreiche Analyse von Einzelvorgängen sowie eine gelungene Synthese über den damals in Bewegung geratenen europäischen Kunstmarkt und Kunstgeschmack.

Die Vorbildwirkung des Pariser Louvre sowie Einflüsse von anderen, bereits etablierten Kunstzentren Europas auf die Ankaufs- und Ausstellungsaktivitäten in Berlin werden dabei genauso in den Blick genommen, wie interne Debatten und Auseinandersetzungen von Preußens kulturpolitischer Elite. Deren Ringen um eine eigene, ja identitätsstiftende Positionierung innerhalb der Sammlungs- und Museumswelt belebt die Darstellung. Der Leser begreift, warum Preußen nach seiner großen Krise von 1806/07, dem großen Reformwerk und dem errungenen Sieg über Napoleon nunmehr kulturpolitisch besonders aktiv wurde. Detailliert beschriebene Akteure wie Aloys Hirt [1], Karl Friedrich von Rumohr, Karl Josias von Bunsen, Karl von Altenstein, Karl Friedrich Schinkel und viele andere geben den Jahrzehnte währenden Anstrengungen dabei mehr als ein Gesicht und ein Konzept. Nach Lektüre des Studie ist unstrittig, dass die Sammlungs- und Museumsgeschichte altitalienischer Malerei in Preußen eine gemeinsame Leistung von Staat, Hof, Experten, Diplomatie, Markt und persönlichen Netzwerken war, die sich mitunter über ganz Europa spannten - eine Leistung, die in einer Zeit der Umbrüche, gerade auch für Preußen, vonstatten gegangen war. Diese dem Buch zugrunde liegende These von Bewegung, Veränderung und Transfer wird schon im Titel mit der Begrifflichkeit von der altitalienischen Malerei "als preußisches Kulturgut" in vorbildhafter Weise verdichtet.

Die gut lesbare Studie untersucht zunächst die Ausgangslage im 18. Jahrhundert in Europa und Preußen, beschreibt sodann ausführlich "keimendes Interesse" (181) an einem öffentlichen Kunstmuseum im Lande, um sich dann eingehend den verschiedenen Trägern des Transfers und der Rezeption der altitalienischen Malerei in Preußen zuzuwenden. Hierbei werden neben den bereits bekannten Ankaufsaktivitäten der Sammlung Giustiniani bzw. Solly viele bislang unbekannt gebliebene Angebote und Ankäufe identifiziert, das Auftreten und mitunter europaweite Agieren von Kunsthändlern und Maklern rekonstruiert und die entsprechenden Kunstwerke in den Gesamtkontext der "preußischen Sammlungsgeschichte" gestellt. Immer wieder wird dabei die zeitgenössische Diskussion über diese Kunst eingefangen - eine Diskussion, die neben ihren ästhetischen Wert auch den historischen wie politischen Gehalt dieser Malerei thematisierte. Aber der Autor spannt den Bogen noch weiter und kann einen geschmacksbildenden Effekt dieser Kunst auf das Publikum ebenso plausibel aufzeigen wie er deren Wirkung auf das Schaffen zeitgenössischer Künstler überzeugend belegt.

Dieses Forschungsergebnis verdient höchste Aufmerksamkeit, geht es doch um kulturstiftende Wirkung in einem gänzlich anderen Umfeld. Dieser Einschätzung des Buches steht die darin enthaltene, schon detektivisch anmutende, solide Rekonstruktion des Weges jeden Gemäldes aus Italien in keiner Weise nach. Der Autor beweist damit nicht nur seine hohe Quellenkundigkeit, sondern auch mehr als die nötige Sicherheit, an den richtigen Stellen zu "bohren". Robert Skwirblies hat mit seiner Arbeit für nachfolgende Studien, die sich mit ähnlichen Schicksalen von Kunstwerken beschäftigen wollen, wertvolle und in vieler Hinsicht unverzichtbare wie auch anregende Maßstäbe gesetzt.


Anmerkung:

[1] Im Falle von Aloys Hirt, dem Kunstexperten, Museumspolitiker und Kunstberater Friedrich Wilhelms III., haben die Ergebnisse der hier zu besprechenden Arbeit bereits Aufnahme in die derzeit entstehende digitale Edition des Briefwechsel gefunden, vgl.: https://aloys-hirt.bbaw.de/about/text.xql?id=aloys-hirt.

Bärbel Holtz