Rezension über:

Golo Maurer: Preußen am Tarpejischen Felsen. Chronik eines absehbaren Sturzes. Die Geschichte des Deutschen Kapitols 1817-1918, Regensburg: Schnell & Steiner 2005, 320 S., 169 Abb., ISBN 978-3-7954-1728-4, EUR 39,90
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Rezension von:
Bärbel Holtz
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Bärbel Holtz: Rezension von: Golo Maurer: Preußen am Tarpejischen Felsen. Chronik eines absehbaren Sturzes. Die Geschichte des Deutschen Kapitols 1817-1918, Regensburg: Schnell & Steiner 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/10222.html


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Golo Maurer: Preußen am Tarpejischen Felsen

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Ein ansehnlicher Band über die Geschichte der Berliner Botschaft in Rom ist vorzustellen. Diese Botschaft stand auf dem Kapitolhügel. Allein deshalb gab sie bereits den Zeitgenossen Gelegenheit zu bewundernswerter wie auch skeptischer Beachtung und ebenso der Forschung Anlass zu sachlicher Analyse wie bildhafter Sinndeutung.

Ambitioniert nähert sich der Kunsthistoriker Golo Maurer seinem Untersuchungsgegenstand. Er will weder, was bei seiner Profession nahe liegen würde, die Baugeschichte des Gebäudes schreiben noch eine Historie der diplomatischen Beziehungen zwischen Preußen-Deutschland und Rom bzw. Italien, vorlegen. Vielmehr geht es ihm darum, jene preußisch-deutsche Zeit auf dem Kapitol der Vergessenheit zu entreißen und als kulturhistorische Episode wieder "lebendig" werden zu lassen. Die Ergebnisse hat Maurer anschaulich in Text und Inschriften, in Zeittafeln und Diplomatenlisten, in Editionsstücke und Bilder gebannt. Dabei bedient er sich des Wissensfundus verschiedener Disziplinen, wie der Altertumswissenschaften und der Archäologie, der politischen Geschichte, der Wissenschafts-, Kultur- und Kunstgeschichte sowie der Soziologie, um die Geschichte jener preußisch-deutschen "Insel" über dem Tiber erstmals in ihrer Gesamtheit erzählen zu können. Entstanden ist eine lesenswerte "kulturarchäologische Erzählung". (7)

Reich an Metaphern führt Maurer seinen Leser auf den Kapitolhügel, dem religiösen und kultischen Zentrum des antiken Roms, vergegenwärtigt ihm die Höhe des Tarpejischen Felsen, von dem die Römer einst Verräter und Straftäter in die Tiefe stürzten und erzählt in drei Kapiteln die Geschichte des Deutschen Kapitols. Zunächst verweilt er mit "Preußens römischen Aufstieg" bei ersten herausragenden Diplomaten, die seit 1802 Preußen am Heiligen Stuhl vertraten. Mit spürbarer Sympathie sind Wilhelm von Humboldt, Barthold Georg Niebuhr und Christian Carl Josias Bunsen porträtiert, die mehr als Intellektuelle im deutschen Rom, denn als diplomatisch agierende Beamte vorgestellt werden. Und beinahe vergnüglich lässt Maurer damalige Briefe berichten, dass die Standortwahl für das Botschaftsgebäude letztendlich auf einen privaten Spaziergang Bunsens mit seiner Frau im Jahre 1817 zurückging. Das frisch vermählte Paar, Bunsen war zu diesem Zeitpunkt Niebuhrs Privatsekretär und erst ab 1823 selbst für 15 Jahre Gesandter, hatte im Palazzo Caffarelli auf dem Kapitolhügel für sich eine Wohnung entdeckt. Das Haus, als Wohnstatt bei den "fußfaulen Römern" wenig begehrt, war heruntergekommen, aber die Aussicht auf die Stadt einmalig. Gerade ihretwegen kam sehr bald in preußischen Gesandtschafts- wie Hofkreisen der Wunsch auf, aus dem Mietvertrag für die Wohnung einen Kaufvertrag für den ganzen Palast zu machen und der diplomatischen Vertretung Preußens damit eine herausragende Adresse zu verschaffen. Die Verhandlungen zogen sich bis 1854 hin. Und auch danach erregte die "Besitznahme" dieses symbolträchtigen Ortes durch das protestantische Preußen beim Vatikan sowie im erwachenden Italien, wo man mit dem Kapitolhügel nunmehr nationale Identität verband, allergrößtes Missbehagen.

Im zweiten Kapitel geht es um das Agieren der preußischen Gesandtschaft und deutschen Botschaft in Rom. Für die drei Bereiche Religion, Wissenschaft und Künste beschreibt Maurer zum einen die damaligen Absichten und Einflüsse der preußischen Gesandtschaft innerhalb der Stadt und zeigt wie diese zum anderen auf das Verhältnis zwischen dem protestantischen Königreich und dem katholischen Kirchenstaat ausstrahlten. Der Konflikt um die "Kölner Wirren", der Ende der 1830er-Jahre zum zeitweiligen Abbruch der diplomatischen Beziehungen führte, wird dort in die ungewöhnliche, anregende Perspektive individuellen Ehrgeizes gestellt. Bunsen wollte auf dem heiligen Berg Roms nicht nur eine preußische Gesandtschaftskapelle einrichten, sondern diese auch den in der Stadt lebenden deutschen Protestanten als Gotteshaus zugänglich machen. Der Vorwurf des Vatikans, vor seiner Haustür missionieren und die erste protestantische Gemeinde Roms gründen zu wollen, war nicht unberechtigt und hatte die Krise zwischen dem Heiligen Stuhl und Preußen noch zementiert. Maurer, der leider auf die Auswertung des Dahlemer Archivs verzichtete, hätte hier das Bild von Bunsen weiter schärfen können. Schließlich hatte der Gesandte Ostern 1838, und damit auf dem Höhepunkt der Krise mit dem Vatikan, vom Kapitol aus an den preußischen Kronprinzen über Teilerfolge beim Ankauf des Palazzo berichtet und den verärgerten Papst als einen "schäumenden Eber" bezeichnet.

Weniger polemisch erwiesen sich die wissenschaftlichen (Mit)Aktivitäten, bei denen die Gründung und Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts im Zentrum standen bzw. die Förderung der Künste. Aufschlussreiche Sichtweisen lassen auch die Passagen über Kurd von Schlözer, dem ersten preußischen Gesandten nach dem Kulturkampf, zu.

Das dritte Kapitel widmet sich sodann dem "Deutschland am Tarpejischen Felsen", das dort nach Gründung des Deutschen Kaiserreiches Einzug hielt. Der Leser wird unter anderem in die Empfangsvorbereitungen für den jungen Kaiser Wilhelm II. eingeweiht, bei denen sich die Stadt Rom aufwändig und fantasiereich der "potjomkinschen Dörfer" bediente, um den Gast mit einem angenehmen Stadtbild zu beeindrucken, was für eine noch deutschfreundliche Stimmung sprach. Doch die pompöse, von mythenreicher Freskenmalerei begleitete Ausstattung des Ballsaales im Palazzo Caffarelli, die Wilhelm angeordnet und mit der Aufstellung einer Germania und einer fest installierten Thronanlage überzogen hatte, zeugte von wenig Bescheidenheit und Zurückhaltung gegenüber der Ewigen Stadt. Überhaupt kühlten bis 1910 die deutschen Großmachtpläne das Verhältnis zu Italien merklich ab. Auch für das Deutsche Kapitol, das sich immer mehr ausweitete, nahm man mit Verstimmung und Distanz eine fortgesetzte prussificazione und germanizzazione wahr. Nicht viel später war das finale Stadium der Beziehungen zu den italienischen Behörden erreicht. Mit der Abreise des Botschafters Johannes von Flotow nach dem Kriegseintritt Italiens 1914 schlossen sich auch die Türen des Amtssitzes. Die fast 100-jährige vor allem kulturelle Präsenz Preußens und Deutschlands auf dem Kapitol war zu Ende.

Maurers Erzählung bezieht die Aussagen anderer Fachzweige gekonnt ein, verbreitet in zahlreichen Zitaten zeitgenössisches Flair und offeriert dem Leser eine äußerst spannende und stark von Persönlichkeiten getragene Geschichte in gefällig niedergeschriebener Form. Dabei bedient er sich feinsinniger Vergleiche und geschichtsträchtiger Symbolik. So beginnt er im Prolog mit der Beschreibung der "Fallhöhe", überschreibt seine drei Kapitel mit Anabasis, Parnass und Katabasis, um den Epilog dann in die Katharsis zu führen. Diese aus der griechischen Antike entlehnten Begriffe bündeln wirkungsvoll die Grundthese des Buches, sind aber nicht immer stimmig. So steht Anabasis nicht nur schlechthin für den wörtlich übertragenen Hinaufmarsch, sondern vor allem für Xenophons Kriegsgeschichte. Diese Analogie jedoch ist für Preußens Anfangsjahre auf dem Kapitol, die der Autor selbst mit den Geistesgrößen eines Humboldt, Niebuhr und auch eines Bunsens personifiziert, alles andere als zutreffend. Die im Prolog thematisierte "Fallhöhe" des Tarpejischen Felsens zäumt die Geschichte des deutschen Kapitols zu stark von ihrem Ende auf und schreibt von Beginn an - ähnlich wie beim griechischen Drama - den Ablauf der Ereignisse auf das Unvermeidliche zu. Geschichte aber ist grundsätzlich offen; anders als der Titel des Buches vorgibt, war der Sturz lange Zeit nicht "absehbar".

An vielen Stellen wünscht man sich inhaltliche Vertiefung, wo der Autor schon zum nächsten Zitat greift oder bereits das nächste Ereignis in den Blick nimmt. Jene Praxis entspricht seinem Anliegen, erzählen zu wollen. Dies ist ihm mit diesem empfehlenswerten Sachbuch unzweifelhaft gelungen.

Bärbel Holtz