Rezension über:

Dušan Zupka: Ritual and Symbolic Communication in Medieval Hungary under Árpád Dynasty (1000-1301) (= East Central and Eastern Europe in the Middle Ages, 450-1450; Vol. 39), Leiden / Boston: Brill 2016, VI + 224 S., ISBN 978-90-04-31467-2, EUR 114,00
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Rezension von:
Julia Burkhardt
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Julia Burkhardt: Rezension von: Dušan Zupka: Ritual and Symbolic Communication in Medieval Hungary under Árpád Dynasty (1000-1301), Leiden / Boston: Brill 2016, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/11/33653.html


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Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Dušan Zupka: Ritual and Symbolic Communication in Medieval Hungary under Árpád Dynasty (1000-1301)

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Studien zu Formen symbolischer Kommunikation und ihrer Bedeutung für das soziale Gefüge mittelalterlicher Reiche haben die mediävistische Forschung der letzten Jahrzehnte maßgeblich geprägt. Die von Dušan Zupka vorgelegte Arbeit schließt an diese Tradition an und präsentiert erstmals eine breite Analyse von rituellen Handlungen in der politischen Öffentlichkeit des mittelalterlichen Ungarns (1000-1301). Dabei handelt es sich um eine erweiterte Fassung einer 2009 an der Comenius-Universität Bratislava verteidigten Dissertation, die zugunsten eines größeren Rezipientenkreises ins Englische übertragen wurde. Zupka hat in kluger Weise einen doppelten Zugriff auf sein Thema entwickelt: Er untersucht einerseits Rituale als zentrale Bestandteile politischen Handelns, begreift deren Darstellung in chronikalischen Quellen aber andererseits als Reaktion zeitgenössischer Beobachter auf das jeweilige Geschehen.

Gezielt will der Autor seine Arbeit nicht als umfassende Studie, sondern vielmehr als Pilotprojekt für die Anwendung der traditionsreichen Ritualforschung auf das Fallbeispiel der ungarischen Geschichte verstanden wissen. Darin ist zugleich der inhaltliche wie zeitliche Fokus der Arbeit begründet: Zupka behandelt vornehmlich Herrschaftsrituale und lenkt seinen Blick mithin auf die ungarischen Könige, auf ihr soziales und religiöses Umfeld. Städtische oder sakrale Rituale kommen deshalb nur bei Schnittmengen zur Sprache (zum Beispiel Adventus regis in der Stadt oder aber die Krönungszeremonien), nicht aber als eigenes Untersuchungsfeld. Mit der Konzentration auf die Zeit des Hohen Mittelalters und die Könige der Árpáden versucht Zupka zwei Forschungsdesideraten zu begegnen: dem Mangel an umfassenderen, aktuellen Ritualstudien zu dieser Epoche (im Unterschied zu verschiedenen Einzelarbeiten zur symbolischen Kommunikation im ungarischen Spätmittelalter) ebenso wie der Frage nach einem möglichen Ritualtransfer aus benachbarten Herrschaftsräumen.

Ausgehend von diesen Überlegungen gliedert sich die Arbeit in sechs Teile. An eine Darlegung aktueller Theorie- und Terminologiedebatten zu Ritualen und symbolischer Kommunikation schließt eine Untersuchung zentraler monarchischer Rituale wie Krönungen oder höfischer Feierlichkeiten an. Kapitel 3 widmet sich der vielschichtigen Bedeutung von Ritualen als Maßnahmen politischer Konfliktbeilegung in verschiedenen chronologischen Phasen, während Kapitel 4 mit dem Adventus regis gezielt ein ausgewähltes Ritual näher beleuchtet. In Kapitel 5 werden Begrüßungsrituale bei Treffen zwischen Monarchen unterschiedlicher Dynastien untersucht. Eine ausführliche Zusammenfassung mit einem Ausblick auf weitere mögliche Untersuchungsfelder (Rituale im städtischen Raum, Rituale und Schriftkultur) beschließt die Studie.

Zupkas Studie zeichnet sich durch eine profunde Kenntnis und einen reflektierten Umgang mit den einschlägigen Forschungsdebatten zu Ritualen und symbolischer Kommunikation aus. Aus ihnen entwickelt der Verfasser eine eigene Lesart. Zwar versteht er politische Rituale als festen Bestandteil der öffentlichen Kommunikation im mittelalterlichen Königreich Ungarn, unterstreicht jedoch, dass es sich dabei um eine unter mehreren, gleichsam komplementären Kommunikationsformen handelte. Insbesondere Zupkas durchgängige Differenzierung zweier Deutungsebenen vermag zu überzeugen: So sieht er die in den Quellen beschriebenen Rituale nicht unbedingt als Spiegelung der eigentlichen Geschehnisse, sondern vielmehr als eine von symbolischer Kommunikation geprägte Reaktionsform der Zeitgenossen auf diese. Innerhalb eines gewissen Erwartungsrahmens in Bezug auf rituelle Abläufe hätten sich den Beobachtern so Möglichkeiten zur Ausdeutung oder Kritik der jeweiligen Ereignisse eröffnet.

Einem mit der Ritualforschung zu westeuropäischen Königreichen des Mittelalters vertrauten Leser mögen diese Erkenntnisse nicht unbedingt neu erscheinen (darauf weist auch der Autor selbst hin). Zupka hat mit seiner Arbeit jedoch den eigenen Anspruch, gleichsam eine Teststudie für die Ritualforschung in Mitteleuropa vorzulegen, erfolgreich eingelöst: Seine Studie zeigt, wie weiterführend das erneute Durchdenken bekannter Theorien und deren Anwendung auf neue Fallbeispiele ist. Besonders überzeugend ist, dass Zupka sich nicht ausschließlich auf das Königreich Ungarn bezieht, sondern den Interferenzen mit benachbarten Reichen und ihrer Spiegelung in den Quellen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Damit hat er eine gute Ausgangslage und zahlreiche Anregungen für weitere komparative Arbeiten zur Geschichte der politischen Gefüge in Mitteleuropa geschaffen.

Julia Burkhardt