Rezension über:

Henryk Samsonowicz: Das lange 10. Jahrhundert. Über die Entstehung Europas (= Klio in Polen; 11), Osnabrück: fibre Verlag 2009, 128 S., ISBN 978-3-938400-44-9, EUR 14,80
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Rezension von:
Julia Burkhardt
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Julia Burkhardt: Rezension von: Henryk Samsonowicz: Das lange 10. Jahrhundert. Über die Entstehung Europas, Osnabrück: fibre Verlag 2009, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 9 [15.09.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/09/20495.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Henryk Samsonowicz: Das lange 10. Jahrhundert

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Im Frühjahr 2009 wurde dem polnischen Mediävisten Henryk Samsonowicz der Historikerpreis der Stadt Münster verliehen. Mit dem Preis, der seit 1978 alle fünf Jahre zur Auszeichnung von Historikern oder bedeutenden Werken zur europäischen Geschichte ausgelobt wird, wurden dessen Lebenswerk und sein Verdienst um eine gegenwartsbezogene Geschichtsschreibung zum europäischen Mittelalter gewürdigt. Das Deutsche Historische Institut in Warschau hat die Preisverleihung zum Anlass genommen, um den von Samsonowicz bereits im Jahr 2002 in polnischer Sprache vorgelegten Band [1] durch die Herausgabe einer Übersetzung dem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich zu machen.

Es ist gewiss der Begriff des "langen 10. Jahrhunderts", der zu Beginn der Lektüre die besondere Aufmerksamkeit des Lesers zu wecken vermag. Samsonowicz beschreibt damit einen Prozess grundlegender struktureller Veränderungen in Europa, der vom 9. bis zum 11. Jahrhundert andauerte und in dessen Rahmen die Fundamente der heutigen europäischen Kulturen gelegt wurden. Eben diesen Umgestaltungen, namentlich den kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Grundlagen frühmittelalterlicher Herrschaftsbildung und -verfestigung in Europa, geht der Autor in vier kurzen Essays nach. Dabei versteht er Europa nicht geographisch, sondern wertebezogen als einen Zivilisationskreis, dessen Kultur durch die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstorganisation, die Freiheit des Menschen und die Akzeptanz ethischer, vom Christentum getragener Normen determiniert werde. Während deren Ursprünge in der Antike angesiedelt seien, verortet Samsonowicz ihre Anfänge im karolingischen Mittelalter. Erst im 10. Jahrhundert sei es jedoch zum Anschluss des "jüngeren" an das "ältere Europa" (25) gekommen.

Mit dem Gegensatz des "älteren" und jüngeren" Europa überdenkt der Autor eine bekannte Terminologie neu und zeigt in einleuchtender Weise, wie scheinbar überholte Forschungskategorien wieder fruchtbar gemacht werden können. So knüpfe das Begriffspaar an die nachfolgenden Etappen einer europäischen Gemeinschaft, des "jüngeren" oder "neueren" Europa, und die dortige Staatenbildung und Christianisierung an. Entscheidende Bedeutung für die Schaffung moderner Staaten in den zuvor paganen Gebieten im Norden und Osten misst Samsonowicz der Annahme des Christentums und der Ausprägung einer Kirchenorganisation bei. Die infolge der - regional freilich selektiven - Christianisierung in Europa entstandene gemeinsame Sprache materieller und geistiger Werte habe die Bildung und Ausformung staatlicher Organisationsformen als Werte- und Kommunikationssystem wesentlich begünstigt. Freilich sieht Samsonowicz die damit verbundenen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen nicht auf den Osten Europas beschränkt. Vielmehr sei die Formierung der westlichen Nationalstaaten parallel zu der Entwicklung gesellschaftlicher Organisationsformen im Osten zu sehen. Der Autor charakterisiert das 10. Jahrhundert deshalb als Jahrhundert tiefgreifender gesellschaftlicher Umgestaltungen in ganz Europa und zugleich als Kontext für die Durchsetzung des Dualismus der europäischen Kultur, der "Vielheit in der Einheit" (124).

Durch Überlegungen zur Dauer und Prägekraft religiöser und hegemonialer Konflikte wird die reflektierte Arbeit zur Konstituierung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen Europas abgerundet. Mit seiner essayistischen Synthese hat Samsonowicz einen beeindruckenden Beitrag zur Debatte über die Entstehung Europas geleistet und einmal mehr auf die Aktualität des Mittelalters verwiesen. Sein behutsamer und abwägender Umgang mit den terminologischen und konzeptionellen Herausforderungen des Themas regt gerade im Kontext gegenwärtiger Debatten um Europa, seine politischen Strukturen und kulturellen Grundlagen, zum Innehalten und Nachdenken an.


Anmerkung:

[1] Henryk Samsonowicz: Długi wiek X. Z dziejów powstania Europy [Das lange 10. Jahrhundert. Über die Entstehung Europas], Poznań 2002 (Mała Biblioteka, 8).

Julia Burkhardt