Rezension über:

Ferdinand Opll / Martin Scheutz: Die Transformation des Wiener Stadtbildes um 1700. Die Vogelschau des Bernhard Georg Andermüller von 1703 und der Stadtplan des Michel Herstal de la Tache von 1695/97 (= Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; 61), Wien: Böhlau 2018, 212 S., 2 Beilagen, 56 s/w-Abb., ISBN 978-3-205-20537-1, EUR 35,00
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Rezension von:
Arndt Schreiber
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Arndt Schreiber: Rezension von: Ferdinand Opll / Martin Scheutz: Die Transformation des Wiener Stadtbildes um 1700. Die Vogelschau des Bernhard Georg Andermüller von 1703 und der Stadtplan des Michel Herstal de la Tache von 1695/97, Wien: Böhlau 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/31959.html


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Ferdinand Opll / Martin Scheutz: Die Transformation des Wiener Stadtbildes um 1700

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Das zu rezensierende Werk entstand als Reaktion auf einen spektakulären Kartenfund in der Brüsseler Bibliothèque royale de Belgique, der im Rahmen des vom März 2005 bis Dezember 2017 laufenden Wiener Hofburgprojektes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gemacht und in dessen zweiter Veröffentlichung erstmals reproduziert worden war. [1] Es handelt sich dabei um eine mit "VIENNA AVSTRIAE, ichnographice delineata, exhibens singulas plateas, fora, palatia, templa, monasteria, aliqaque tum privata tum publica aedificia. / Wien in Oesterreich, wie es im grundlager zu sehen, mit seinen gassen, marckplätzen, herrenhausern, pallästen, kirchen, klöstern u[nd] andern vornehmsten gebäuen" betitelte kolorierte Federzeichnung des anhaltischen Gesandten Bernhard Georg Andermüller (1644-1717) von 1703, welche laut den beiden Autoren Ferdinand Oppl und Martin Scheutz "in sorgfältiger Analyse und Auswertung einen in vieler Hinsicht neuen, in jedem Fall ungleich detaillierteren Einblick in die Wiener Stadtentwicklung [...] an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert" ermöglicht. Im Anschluss an mehrere stadtgeschichtliche Vorstudien auf kartografischer Basis geht es ihnen allerdings "nicht bloß um die Veränderung von Topografie und Stadtbild", sondern auch darum, den "politische[n], soziale[n] und kulturelle[n] Wandel sowie die künstlerische Neuformung der städtischen Welt" besser zu dokumentieren (125). Gerade vor dem Hintergrund dieser erweiterten Fragestellung hilft ihre Erschließung von Andermüllers Wien-Plan, "die bislang als schmerzlich empfundene Lücke zwischen den Vogelschauen des Jacob Hoefnagel [1609] und des Joseph Daniel Huber [1769-1773/1778]" deutlich zu reduzieren (72).

Der erfahrene Dessauer Kanzlei- und Regierungsrat Bernhard Georg Andermüller wurde im März 1699 durch die Fürsten von Anhalt an den Kaiserhof geschickt, um dort vor allem die Ansprüche der noch lebenden Askanier auf das Erbe der 1689 ausgestorbenen Herzöge von Sachsen-Lauenburg durchzusetzen. Im letzten Jahr seiner erfolglosen diplomatischen Mission fertigte er eigenhändig seine dem Buch als leicht verkleinertes Faksimile (Beilage 1) beigefügte Ansicht der kaiserlichen Residenzstadt Wien mitsamt ihren damaligen Befestigungsanlagen, doch - mit Ausnahme der Bebauung des Donauufers im Norden - ohne die ausgedehnten Vorstädte an. Während die darin nicht näher bezeichneten Bürgerhäuser kaum individuelle Züge aufweisen, sind viele der über eine deutschsprachige Legende identifizierten Gebäude (davon 6 unter der Befehlsgewalt des Kaisers, 24 Kirchen und Ordensbauten, 8 Kapellen und 40 Adelspaläste) sowie die meisten "namenlosen" Brunnen und Denkmäler bereits mit typisch barocken Elementen dargestellt. Da Andermüller jene recht prachtvoll gestaltete Vogelschau in seinen 242 Relationen nach Anhalt und den anderen konsultierten schriftlichen Quellen mit keinem Wort erwähnt, können Oppl und Scheutz nur vermuten, dass er damit entweder das Netzwerk seiner offiziellen und informellen Kontaktpersonen in der sächsisch-lauenburgischen Erbschaftssache abbilden oder seine tiefe Ergebenheit und Hochachtung gegenüber seinen fürstlichen Dienstherren ausdrücken wollte. Wie die Karte in den Bestand der Königlichen Bibliothek in Brüssel gelangte, ließ sich leider nicht klären. Dem außerdem im Buchtitel genannten Stadtplan des Lütticher Festungsbauexperten Michel de Herstal de la Tache von 1695, der allein in Form einer zwei Jahre jüngeren Kopie im Wiener Stadt- und Landesarchiv überliefert ist (farbiger Kartenausschnitt als Beilage 2), fällt dementgegen lediglich die Aufgabe zu, die "weißen Flecken" bei Andermüller zu kompensieren. Er enthält nämlich auch die dort weitestgehend fehlenden Vorstadtareale und unterbreitete Kaiser Leopold I. mit Hilfe eines kartografisch ausgearbeiteten Fortifikationsprojekts Vorschläge, wie die Stadt am wirksamsten flächendeckend zu befestigen sei.

Entsprechend ihrer Prämisse, dass der Entstehungskontext eines bildlichen Zeitzeugnisses genauso viel Forschungsanstrengungen verdient wie dessen inhaltliche Analyse, haben Oppl und Scheutz zunächst auf fast 60 Seiten ausführliche Informationen zur Biografie Andermüllers, über dessen Tätigkeit als Interessenvertreter des mindermächtigen reformierten Fürstenhauses Anhalt am kaiserlichen Hof und zur Genese seiner Vogelschau auf die Stadt Wien zusammengetragen. Erst darauf erfolgt eine gründliche Untersuchung der kartografischen Details und - gleichsam von Innen nach Außen - deren Einordnung in eine sehr differenzierte und hier deswegen schwer zu resümierende Transformationsgeschichte der frühneuzeitlichen Kernstadt, ihres Festungsgürtels und der Vorstadtgebiete, wozu neben dem Projektplan von la Tache noch einige weitere einschlägige Bildquellen herangezogen wurden. Abschließend kommentiert ein umfangreicher Anhang (135-161) die Legende des Andermüllerschen Kartenwerks.

Mit Ferdinand Oppl und Martin Scheutz konnten für die Beschreibung und Auswertung der Wien-Karte des mitteldeutschen Diplomaten Andermüller zwei Wissenschaftler gewonnen werden, die bereits mit ihrer gemeinsamen Publikation zum "Schlierbach-Plan" des protestantischen niederösterreichischen Adligen Job Hartmann von Enenkel [2] ihre profunde Sachkenntnis auf diesem Forschungsfeld mehr als hinreichend bewiesen haben. Der absolut mustergültige, als Edition und Monografie zugleich fungierende Band ist zudem durch ein Orts- und Personenregister sehr gut recherchierbar.


Anmerkungen:

[1] Herbert Karner (Hg.): Die Wiener Hofburg 1521-1705. Baugeschichte, Funktion und Etablierung als Kaiserresidenz (= Veröffentlichungen zur Bau- und Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg; Bd. 2), Wien 2014, 70f. (Abb. III.20).

[2] Ferdinand Oppl / Martin Scheutz: Der Schlierbach-Plan des Job Hartmann von Enenkel. Ein Plan der Stadt Wien aus dem frühen 17. Jahrhundert (= Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; Bd. 13), Wien 2014.

Arndt Schreiber