Rezension über:

Michael Robson / Patrick Zutshi (Hgg.): The Franciscan Order in the Medieval English Province and Beyond (= Church, Faith and Culture in the Medieval West), Amsterdam: Amsterdam University Press 2018, 296 S., 17 s/w-Abb., ISBN 978-94-6298-647-3, EUR 105,00
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Rezension von:
Paul Zahner
Franziskanerkloster Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Paul Zahner: Rezension von: Michael Robson / Patrick Zutshi (Hgg.): The Franciscan Order in the Medieval English Province and Beyond, Amsterdam: Amsterdam University Press 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 6 [15.06.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/06/32511.html


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Michael Robson / Patrick Zutshi (Hgg.): The Franciscan Order in the Medieval English Province and Beyond

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Das vorliegende englischsprachige Buch wurde in Achtung gegenüber der sehr wertvollen Arbeit des anglikanischen Bischofs und Wissenschaftlers John Moorman (1905-1989) verfasst. Diesem gelang es als "franziskanischer Historiker" ("Franciscan historian", 11) die franziskanische Geschichte Englands bis in die beginnende Reformation grundlegend zu erarbeiten und wissenschaftlich darzustellen.

Das Buch versucht in drei Teilen die franziskanische Ordensgemeinschaft in der mittelalterlichen englischen Provinz darzustellen: 1.) John Moorman und seine franziskanischen Studien, 2.) den Minderbrüderorden in England und 3.) die Brüder und die Schulen.

In zwei Artikeln wird im kurzen ersten Teil (15-47) John Moorman als franziskanischer Historiker dargestellt, dessen 1968 veröffentlichtes Werk "A History of the Franciscan Order from its Origins to the Year 1517" die Geschichte des Minderbrüderordens in England fundiert beschreibt. Moorman studierte schon in seinen Studententagen die franziskanischen Quellen und gründete 1926 eine "University Franciscan Society" (30-34) in Cambridge, die zum franziskanischen Dialog einlud und den Kontakt zwischen Anglikanern und Katholiken förderte. Auch der Kontakt mit Assisi und den franziskanischen Armutsvorstellungen waren ein wichtiger Teil seiner persönlichen Auseinandersetzung.

Der zweite Teil (51-155) bietet einen breiten Einblick in den Minderbrüderorden in England. Der Mitherausgeber des Buches Patrick Zutshi (51-66) analysiert das Manuskript "Florilegium" (Cambridge University Library) samt seiner Bilder von Franziskanern und Dominikanern und versucht die frühe wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Text darzustellen. Ein weiterer Beitrag (67-92) aus der Feder des zweiten Mitherausgebers Michael Robson stellt anhand der Kustodie von York biographische Einzelheiten aus dem Leben der Brüder dar, etwa die Aufnahme in den Orden und das Noviziat, die Schulen der Theologie und die Ordinationen der Brüder, ihren Predigt- und Beichtdienst und ihr Eingebundensein in zivile und kirchliche Strukturen. Jens Röhrkasten (93-113) behandelt die ökonomischen Grundlagen der Kustodie von Cambridge und ein eigener Artikel (115-138) nimmt die Gräber in Franziskanerkirchen im mittelalterlichen London in den Blick. Historisch gesehen führt die Gräberfrage in Franziskanerkirchen sehr deutlich die Bedeutung des Minderbrüderordens für die damalige Gesellschaft vor Augen. Sehr viele Menschen wollten sich in Franziskanerkirchen begraben lassen und der Dienst an den Verstorbenen wurde zu einem wichtigen und auch umstrittenen Tätigkeitsfeld der Franziskaner. Zur Minderbrüdertradition gehören oft Register der in ihrer Kirche Bestatteten. Allerdings ist für England nur ein solches Register für London erhalten. Die entsprechenden Gräber waren sowohl für Brüder (129-137), als auch für auswärtige Personen vorgesehen.

Im Artikel von Bert Roest aus Nijmegen "Late Medieval Franciscan Preaching in England" (139-155) wird auf die intensive Predigttätigkeit der Franziskaner in Italien, Frankreich und Deutschland verwiesen. Gerade neuere fundierte Untersuchungen stellen diesen Dienst sehr gut dar. Auch die Franziskaner in England widmeten sich intensiver dem Predigtdienst. Der Artikel zitiert sehr viele predigende Minderbrüder und ihre Werke vor allem aus dem 15. und 16. Jahrhundert und stellt fest, dass mehrere protestantische Prediger vorher Franziskaner waren (154).

Der dritte Teil (159-288) schließlich geht dem Einfluss der englischen Franziskaner auf die Schulen nach. Adam von Marsh, der 1232/1233 in den Franziskanerorden eintrat, gewann durch seine Lehre in Oxford einen sehr großen Einfluss. Der erste Theologieprofessor der Minderbrüder an der Pariser Universität war der Engländer Alexander von Hales, der erst in höherem Alter in den Franziskanerorden eingetreten war. Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluss von Robert Grosseteste (vor 1170-1253), der sich als Theologe und Bischof sehr für die Ausbildung der Franziskaner einsetzte. Das Generalstudium der Franziskaner war nach den Narbonner Konstitutionen von 1260 einzig die Pariser Schule (175), erst später wurden auch die englischen Schulen von Oxford und Cambridge zu Generalstudien des Minderbrüderordens. Die Oxforder franziskanische Schule versuchte durch Thomas Docking, Roger Bacon und Robert Grosseteste auch die Naturwissenschaften theologisch zu verwenden. Auch die Mathematik hatte den drei genannten Autoren zufolge einen großen Einfluss auf die Theologie (196-201) und muss so eigens in der theologischen Wissenschaft mitbedacht werden.

Im Beitrag "English Franciscans and their Influence on the Early History of the Order" (211-228) hebt Neslihan Şenocak die Bedeutung des englischen Einflusses auf die frühe Geschichte des Minderbrüderordens hervor. Gebildete Franziskaner aus England förderten im Orden die Studien intensiv, unter ihnen vor allem Haymo von Faversham, der von 1240 bis 1244 als Generalminister amtierte, und drei weitere englische Lektoren. Unter Haymo, nicht etwa erst unter Bonaventura, begann die Wandlung der Minderbrüdergemeinschaft von einer Laiengemeinschaft in einen klerikalen Orden (213). Offensichtlich hatten die englischsprechenden Lektoren der Franziskaner darauf einen großen Einfluss. So bezeichnet Şenocak Haymo von Faversham als zweiten Gründer des Franziskanerordens und nicht wie üblich Bonaventura (217-220). Haymo war der erste Ordenslektor, der zum Generalminister aufstieg. So wird Haymos Bedeutung für den Orden ganz neu hervorgehoben: "Perhaps it is time to revise that narrative and make a case for the English minister general Haymo of Faversham´s transformative influence on the order" (218).

Cesare Cenci stellt nach Şenocak fest, dass der größte Teil der Narbonner Konstitutionen von 1260 schon viel früher vorlag, vermutlich schon im Kapitel von 1239 diskutiert und im Kapitel von 1242 revidiert wurde, als Haymo von Faversham Generalminister war (218f.). Der Franziskaner Michael F. Cusato erörtert in seinem Artikel "Who Destroyed Assisi? The Lament of Jacopone da Todi" (229-254) anhand kunsthistorischer Fragen eine Aussage von Aegidius von Assisi oder Jacopone da Todi. Er stellt fest, dass die von der Giottoschule in der Oberkirche von San Francesco gemalten Bilder adelige Personen im Umfeld von Franziskus sehr hervorheben und seine Beziehung zum Papst betonen ("Assisi is joined to Rome", 237), während die Bilder des Meisters des heiligen Franziskus in der Bardi-Kapelle der Kirche Santa Croce in Florenz in der Begegnung mit Franziskus vor allem Arme und Bedürftige darstellt. Das seien zwei völlig verschiedene Deutungsmöglichkeiten des Franziskus. Cusato betont, dass dies zu einem Konflikt in der Franziskusdeutung führte, der in der Aussage "Paris, Paris, du hast Assisi zerstört!" gipfelte. Diese Aussage sei eine spätere Zufügung zu den "Dicta" des Aegidius von Assisi und stamme ursprünglich von Jacopone da Todi (249-251). Sie wurde gerne von den Spiritualen gegen den gebildeten, von Paris beeinflussten Orden verwendet.

Im Appendix werden schließlich die Briefe von John Moorman an das Collegio San Bonaventura veröffentlicht (271-288).

Der vorliegende Band enthält neben einem Vorwort (11f.) eine Liste von Abkürzungen (7f.), eine Liste der im Buch gedruckten Bilder (9f.) und einen Index wichtiger Begriffe, Namen und Orte (289-296).

Es gelingt den Herausgebern, die grundlegenden Forschungen von John Moorman über die Franziskaner der mittelalterlichen englischen Provinz kurz zu skizzieren und die neuere, darauf aufbauende Forschung umfassend darzustellen. Die Würdigung und Analyse von Schriften, Bildern, Predigten, Gräbern, der wirtschaftlichen Grundlage und der Schulen der Franziskaner ermöglicht einen breiten Einblick in Leben und Arbeit der damaligen Franziskaner in England. Auch die aktuelle Literatur zu verschiedensten Themen wird breit zitiert, wenn auch nicht in einem eigenen Literaturverzeichnis systematisch aufgeführt. Wer einen Einblick in die Welt der Franziskaner in England bis zum Beginn der Reformation sucht, findet in diesem Buch einen umfassenden und wertvollen Überblick.

Paul Zahner