Rezension über:

Zymunt Klukowski: Tagebuch aus den Jahren der Okkupation 1939-1944. Hrsg. von Christine Glauning und Ewelina Wanke, Berlin: Metropol 2017, 583 S., zahlr. s/w-Abb., ISBN 978-3-86331-244-2, EUR 29,90
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Andrea Löw
Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Andrea Löw: Rezension von: Zymunt Klukowski: Tagebuch aus den Jahren der Okkupation 1939-1944. Hrsg. von Christine Glauning und Ewelina Wanke, Berlin: Metropol 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 6 [15.06.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/06/31523.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Zymunt Klukowski: Tagebuch aus den Jahren der Okkupation 1939-1944

Textgröße: A A A

Mit dem Tagebuch des polnischen Arztes Zygmunt Klukowski (1885-1959) ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Quellen aus dem deutsch besetzten Polen endlich in deutscher Übersetzung verfügbar. Klukowski hat seine umfangreichen Aufzeichnungen von Anfang an bewusst als historische Quelle verfasst, wie er selbst mehrfach betont. Er war sich der Ungeheuerlichkeit dessen, was um ihn herum in Szczebrzeszyn und insgesamt der Gegend um Zamość im Osten des sogenannten Generalgouvernements geschah, sehr bewusst, und sah es daher als notwendig an, dies ausführlich zu dokumentieren. Zum ersten Jahrestag des Kriegsbeginns schrieb er am 1. September 1940 dazu seine Gedanken auf: "Ich schaue mein Tagebuch von Anfang an durch und sehe, wie unterschiedlich Erscheinungen und Ereignisse sogar aus einem so kurzen zeitlichen Abstand eine andere Färbung und Bedeutung annehmen. Gleichzeitig überzeuge ich mich von dem höheren Wert der Tagebücher als eines historischen Dokuments, oftmals weniger kritisch, aber voller frischer und unmittelbarer Eindrücke, gegenüber den Erinnerungen, die nach einiger und sei es noch so kurzer Zeit geschrieben wurden, die sich immer auf die Einstellung des Schreibenden auswirkt und das gesamte Kolorit vergangener Erlebnisse verändert." (223)

Der Arzt, belesene Intellektuelle und Regionalhistoriker, der bereits vor und dann auch während der deutschen Besatzung Direktor eines Krankenhauses in Szczebrzeszyn war, beschrieb detailliert und schonungslos einen Alltag, der von Terror und Gewalt gekennzeichnet war und in dem sich jüdische, aber auch nichtjüdische Polen nie ihres Lebens sicher sein konnten. Klukowski war als Intellektueller selbst gefährdet, im Juni 1940 auch inhaftiert, doch war er den Deutschen als Krankenhausdirektor und Arzt vermutlich zu wichtig, und so kam er wieder frei. Die im Tagebuch so eindringlich geschilderte Erfahrung permanenter Gewalt demoralisierte die Menschen: Immer wieder notierte Klukowski verbittert Fälle von Kollaboration und Denunziationen. Freilich schrieb er auch über den polnischen Widerstand, in dem er selbst aktiv war. Hier entsteht ein facettenreiches Bild der polnischen Gesellschaft unter deutscher Besatzung.

Zygmunt Klukowski war - wie sollte es anders sein - ein "Kind seiner Zeit" (29). Und so finden sich auch in seinem Tagebuch mitunter abwertende Einträge über Juden, zumal in der Anfangszeit der Besatzung. In diese Einträgen griff der Autor in einer durch ihn selbst verantworteten polnischen Edition seiner Tagebücher ein, rückte sie gewissermaßen zurecht, wie sowohl die beiden Herausgeberinnen in ihrer biografischen Einleitung als auch Ingo Loose in seiner kenntnisreichen Einführung über "Zygmunt Klukowski und das Generalgouvernement 1939-1945" betonen. Doch bemerkte Klukowski rasch, dass gerade den polnischen Juden unter deutscher Besatzung ein verhängnisvolles Schicksal bevorstand, und so wurde er zum gewissenhaften und mitleidenden Kronzeugen der deutschen Verbrechen. Kaum eine andere Quelle gibt so detaillierte zeitgenössische Einblicke in den Judenmord im Generalgouvernement.

Krieg und Besatzung führten zu einer allgemeinen Brutalisierung und einem Klima, in der die jüdische Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit zu Freiwild wurde, und sich zunächst ihres Besitzes, bald aber auch ihres Lebens nicht mehr sicher sein konnte. Nach einer Schilderung, wie nichtjüdische Polen einen Juden beraubten, notierte Klukowski etwa am 11. Januar 1940: "Die Methoden der Deutschen fallen in gewissen Kreisen der polnischen Gesellschaft auf fruchtbaren Boden." (152) Freilich dokumentierte Klukowski vor allem die deutschen Verbrechen, ab Frühjahr 1942 dann den Massenmord im nahe gelegenen Vernichtungslager Bełżec, über den Klukowski - und nicht nur er, wie sehr deutlich wird - von Tag zu Tag mehr wusste. Er zeichnete das grauenvolle Verbrechen, die Gerüchte, Ahnungen und dann Gewissheiten sowie die Bandbreite von Reaktionen auf allen Seiten detailliert und ausführlich auf. Mit großer Anteilnahme dokumentierte er die Verfolgung. Tag für Tag musste er neue schreckliche Dinge verzeichnen, kam dabei auch an seine Grenzen. So schrieb er Ende Oktober 1942: "Etwas vergleichbar Entsetzliches, Furchtbares hat nie jemand gesehen und von etwas Ähnlichem nie gehört. Ich notiere meine Eindrücke chaotisch, unbeholfen, ich bin stark aus dem Gleichgewicht geraten, bin aber der Überzeugung, dass sogar solche Notizen einmal eine Art Dokument der gegenwärtig erlebten Zeit darstellen werden." (381)

Im Laufe der Zeit konnte Klukowski mehr und mehr Aktivitäten des polnischen Widerstands dokumentieren, dem er selbst angehörte. Immer wieder wurden nun Deutsche ermordet, was wiederum brutale Vergeltungsmaßnahmen gegen die polnische Bevölkerung zur Folge hatte. Am 3. Mai 1944 wurde Klukowski zu geheimen Feierlichkeiten der polnischen Heimatarmee anlässlich des polnischen Nationalfeiertags eingeladen. Ausführlich beschrieb er diesen besonderen Tag, bezeichnete die Soldaten im Waldlager als "Kaderzellen der künftigen Polnischen Armee" (526) und schloss den betreffenden Eintrag: "Ich verbrachte einige wunderbare, unvergessliche Stunden. Ich fühlte mich wie ein freier Bürger des wiedergeborenen Polens." (528) Wie wir wissen, sollte es anders kommen, und die Befreiung von der deutschen Besatzung brachte für viele Polen, und auch für Zygmunt Klukowski, keine Freiheit.

1946, 1950 und 1952 verhafteten ihn die kommunistischen Machthaber, nach einem Prozess wurde er 1956 zwar rehabilitiert, sein Sohn Tadeusz Klukowski jedoch zum Tode verurteilt und hingerichtet. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1956 arbeitete Zygmund Klukowski an der Publikation seiner Kriegstagebücher. Seine Nachkriegsaufzeichnungen veröffentlichte er nicht. Seine antikommunistische Einstellung, die in diesen Tagebüchern offen zutage trat, hätte ihn direkt wieder in Gefahr gebracht und viele seiner Weggefährten gleich mit. 1958 erschien das Tagebuch erstmals in Polen. Auf der bereits 1959 erschienenen zweiten Auflage beruht die hier vorliegende deutsche Übersetzung weitgehend, allerdings wurden damals vorgenommene Abweichungen vom Original-Tagebuch wie Kürzungen aus politischen Gründen für diese Edition korrigiert. [1]

Die Aufzeichnungen des Arztes sind in vielerlei Hinsicht interessant, zeigen sie etwa, wie sich der Judenmord im Osten des besetzten Polen tatsächlich vor aller Augen abspielte. Auch geben sie Einblicke in das unterschiedliche Verhalten von nichtjüdischen Polen angesichts des Holocaust. So notierte Klukowski beispielsweise am 22. Oktober 1942: "Die jüdischen Wohnungen werden teilweise versiegelt, dennoch wird unglaublich viel geplündert. Insgesamt verhielt sich die polnische Bevölkerung nicht korrekt. Viele Menschen nahmen sehr aktiv an der Verfolgung und dem Aufspüren der Juden teil. Sie zeigten, wo sich Juden versteckt haben, Jungen liefen sogar kleinen jüdischen Kindern hinterher, die die Polizisten vor den Augen aller töteten. Insgesamt sind furchtbare, ungeheuerliche, entsetzliche Dinge geschehen, bei denen einem die Haare zu Berge stehen." (377 f.) Er diagnostizierte gar eine "Art Psychose", die viele seiner Landsleute im Umgang mit den Juden erfasst habe, betonte aber auch, dass viele Bauern Juden vor allem aus Angst vor Repressionen verrieten. (387) Damit sind diese Tagebücher von großer Bedeutung für die momentan in Polen hitzig diskutierte Frage nach den Reaktionen der nichtjüdischen Bevölkerung auf den Judenmord. [2]

Doch noch etwas ist in genau diesem Zusammenhang bedeutsam: Gerade eine deutsche Leserschaft erfährt durch die Aufzeichnungen von Zygmunt Klukowski auch sehr detailliert und konkret vom Ausmaß des Terrors und der Gewalt gegen die nichtjüdische polnische Bevölkerung. Bedrückend dicht dokumentierte Klukowski, wie die deutschen Besatzer immer wieder polnische Zivilisten verhafteten und in Konzentrationslager verschleppten oder gleich erschossen, und wie die Angst vor deutscher Gewalt auch in ruhigeren Phasen den Alltag prägte. So notierte er am 4. Juni 1941: "Wir führen das kümmerliche Leben gehetzter und in die Enge getriebener Tiere, die der Feind jeden Augenblick fangen kann." (282) Sicherheit gab es eben auch für Nicht-Juden unter deutscher Besatzung kaum. [3] Dies ist ein Aspekt, der hierzulande häufig außer Acht gelassen wird bzw. einer breiteren Öffentlichkeit gar nicht so bewusst ist. Und so ärgern sich viele Polen zurecht über das Unwissen über das eigene Leid und ahnungslose Formulierungen wie "polnische Vernichtungslager". Gerade in Deutschland ist dem Tagebuch von Zygmunt Klukowski auch aus diesem Grund eine große Aufmerksamkeit zu wünschen.


Anmerkungen:

[1] Zur gekürzten englischen Ausgabe, einer weiteren polnischen und einer französischen Ausgabe siehe die Einleitung der beiden Herausgeberinnen, Seite 19.

[2] Forscher, die auf polnische Beteiligung am Holocaust hingewiesen haben wie Jan Tomasz Gross, Jan Grabowski oder Barbara Engelking, werden derzeit in Polen, auch von Historikern aus dem Umfeld des Instituts für Nationales Gedächtnis IPN, massiv verbal angegriffen. Im Gegensatz dazu wird dort besonders betont, wie zahlreich auf Seiten der Polen die Retter von Juden gewesen seien. Auf dieses Thema und die darüber weit hinausgehende Debatte um das umstrittene "Holocaust-Gesetz" und mögliche Einschränkungen für kritische Forscher soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.

[3] Vgl. dazu auch Daniel Brewing: Im Schatten von Auschwitz. Deutsche Massaker an polnischen Zivilisten 1939-1945, Darmstadt 2016.

Andrea Löw