Rezension über:

Andreas Kappelmayer: Johann Casimir von Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg (1589-1652). Standeswahrung und Fremdheitserfahrung im Schweden Gustavs II. Adolf und Christinas, Münster: Aschendorff 2017, XXII + 704 S., 3 Kt., 17 Farb-, 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-402-13234-0, EUR 59,00
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Rezension von:
Joachim Krüger
Historisches Institut, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Joachim Krüger: Rezension von: Andreas Kappelmayer: Johann Casimir von Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg (1589-1652). Standeswahrung und Fremdheitserfahrung im Schweden Gustavs II. Adolf und Christinas, Münster: Aschendorff 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 3 [15.03.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/03/31208.html


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Andreas Kappelmayer: Johann Casimir von Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg (1589-1652)

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Die vorliegende Publikation stellt die überarbeitete Fassung einer 2016 an der Eberhard Karls Universität in Tübingen angenommenen Dissertation dar. Im Zentrum steht die Person Johann Casimirs von Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg, einem nachgeborenen Sohn des Pfalzgrafen Johanns I. von Pfalz-Zweibrücken. Durch seine Heirat mit Katharina, der Tochter des schwedischen Königs Karl IX. und Schwester Gustavs II. Adolf, wurde er zum Begründer des schwedischen Hauses Pfalz-Zweibrücken, das immerhin drei schwedische Könige und eine Königin gestellt hat. Damit ist auch die Grundidee umrissen, die bei der Abfassung der Arbeit Pate stand: die Auseinandersetzung mit den Anfängen des Hauses Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg in Schweden. Johann Casimir wurde aber auch deshalb als Objekt ausgewählt, da er auch im schwedischen Exil, trotz des andauernden Dreißigjährigen Krieges, seine Beziehungen zum südwestdeutschen Raum aufrecht erhielt und gewissermaßen eine "Scharnierfunktion zwischen den Eliten zweier Reiche" (2) ausübte.

Konkret geht es dem Autor um eine (selbst-)bestimmte Rolle des Protagonisten, nämlich die des auf seinen Stand bedachten fremden Fürsten im schwedischen Exil. Deren Wechselwirkung soll mit einer Auswahl verschiedener Wirkungsfelder genauer untersucht werden. Als apanagierter und nichtregierender Fürst verfügte Johann Casimir über eine nur unzureichende materielle Basis. Kappelmayer fragt, inwieweit das ein Antrieb für die politischen Aktivitäten des mindermächtigen Fürsten darstellte. Weiterhin wird untersucht, "welche Auswirkungen die rechtliche Qualität des Grundbesitzes auf den Rang und Status Johann Casimirs und seiner Kinder im Gefüge der schwedischen Adelslandschaft hatte" (19). Kappelmayer weist ausdrücklich darauf hin, keine Lebensgeschichte und Biografie des Protagonisten verfassen zu wollen. Ein biografischer Charakter der Studie ist allerdings trotzdem gegeben.

Die einzelnen Wirkungsfelder werden in den Kapiteln 5-10 behandelt. Kapitel 5 dreht sich um die Selbstwahrnehmung und Inszenierung des Protagonisten im Schwedischen Reich sowie um die Fremdwahrnehmung durch den schwedischen Adel. In Kapitel 6 geht es um die aufgrund der Heirat mit Katharina Vasa bestehenden Finanzforderungen an die schwedische Krone sowie um den rechtlichen Charakter des von Johann Casimir in Schweden erworbenen Landbesitzes. Dem Verhältnis zwischen Johann Casimir und Gustav II. Adolf widmet sich das 7. Kapitel. Johann Casimir wurde mit wichtigen Kontrollfunktionen betraut, da der König offensichtlich dem von Eigeninteressen geleiteten einheimischen Adel misstraute. Da die Stellung Johann Casimirs nicht institutionalisiert war, war er vom König vollkommen abhängig, was diesem wiederum die Sicherheit gab, in Johann Casimir einen loyalen Gefolgsmann zu finden. Die Unsicherheit einer solchen Stellung wurde mit dem Tod des Königs im November 1632 offenbar. Johann Casimir geriet ins politische Abseits.

Für den Aufbau des schwedischen Machtstaats waren die Gewinnung von militärischem Knowhow und der Zugriff auf die Rekrutierungsgebiete von Söldnern in Mitteleuropa von enormer Bedeutung. Hier nahm, vor allem noch zu Lebezeiten Gustavs II. Adolf, Johann Casimir eine wichtige Mittlerfunktion ein, da er auf sein familiäres Netzwerk im Reich zurückgreifen konnte (Kapitel 8).

Im Kapitel 9 geht es überwiegend um die Konservierung des eigenen fürstlichen Standes im schwedischen Exil, der von der schwedischen Adelsgesellschaft auch anstandslos akzeptiert worden ist. Johann Casimir erhielt zeitlebens die von ihm geforderten Ehrenbezeugungen, die allerdings nichts über seine tatsächliche politische Bedeutung aussagen. Im Gegensatz zu seiner Frau Katharina, die als Erzieherin Königin Christinas eine wichtige Rolle in Stockholm spielte, zog er sich auf seine Güter in Östergötland zurück, wo er repräsentative Schlossbauten mit einem eigenen Hofstaat errichten ließ.

Im zehnten Kapitel wird die Versorgung der überlebenden Kinder aus der Ehe Johann Casimirs und Katharinas analysiert. Nach der Lektüre des Kapitels gewinnt der Rezensent den Eindruck, dass vor allem Katharina Vasa eine wichtige Rolle im Standesdenken der Familie zukam, denn offensichtlich empfand sie den schwedischen Hochadel als Heiratspartner für ihre Kinder als nicht geeignet. Nach ihrem 1638 erfolgten Tode war es, die Zustimmung der Königin vorausgesetzt, offensichtlich kein Problem, zwei der Kinder mit schwedischen Adligen zu verheiraten. Da stellt sich auch die Frage, ob die durch diese Heiraten erfolgte Integration bzw. Naturalisation tatsächlich als sozialer Abstieg zu begreifen ist (496) und auch durchgehend von Johann Casimir so verstanden wurde? Stehen sich nicht vielmehr zwei unterschiedliche gesellschaftliche Konzepte gegenüber, die über Jahrhunderte gewachsene altfürstliche Adelsstruktur des Alten Reichs und das sich erst 1626 endgültig formierende schwedische Ritterhaus? Und zeigen nicht gerade auch die von Kappelmayer angeführten Beispiele (Kapitel 4.3), dass die beiden Systeme zunehmend als miteinander kombinierbar angesehen wurden, dass vor dem Hintergrund der Verwerfungen des 17. Jahrhunderts der schwedische Adel (zumindest der 1. Stand) als Heiratspartner des altfürstlichen Adels akzeptiert wurde? Die Heirat der Tochter Maria Euphrosyne mit Magnus de la Gardie ist doch eher ein Beispiel für eine gelungene Naturalisation auf höchster Ebene, auch wenn der Ehepartner später in Ungnade fiel.

Kritisch zu bemerken sind der Umfang und die Auswahl der einzelnen Kapitel. Der Autor kommt erst auf Seite 181 zu seinem eigentlichen Thema! Die Kapitel sind so umfangreich, dass manchmal nicht nur ein Fazit, sondern sogar ein Zwischenfazit gezogen wird. Auf dem Weg dahin erfahren die Leser allerhand Interessantes. Die Ausführungen zur Pfalz im Dreißigjährigen Krieg (Kapitel 3) und der Ausbildung des schwedischen Adelssystems in der Frühen Neuzeit (Kapitel 4) sind durchaus lesenswert und sorgfältig erarbeitet. Die angebotene Stofffülle auf insgesamt 128 Seiten lenkt allerdings vom eigentlichen Kern der Arbeit ab. So darf man durchaus fragen, ob nicht kürzere und prägnante Exkurse mit dem Hinweis auf weiterführende Fragestellungen und Literatur ausgereicht hätten.

Die Ausführungen Kappelmayers basieren auf einem soliden Quellenstudium in schwedischen und deutschen Archiven, ein Punkt, der leider immer öfter in den Hintergrund tritt. Ein 80-seitiges Literaturverzeichnis zeugt von einer enormen Stofffülle, die der Autor bewältigt hat. Karten, genealogische Tafeln sowie ein umfangreiches Orts- und Personenregister erleichtern die Orientierung. Alles in allem fällt das Fazit positiv aus. Es handelt sich um eine (ge-)wichtige Studie angehend die Beziehungen und Netzwerke zwischen dem Reich und dem skandinavischen Norden und um eine fundierte Einführung in die schwedische Adelsgesellschaft in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Joachim Krüger