Rezension über:

Joachim Knape: 1521. Martin Luthers rhetorischer Moment oder Die Einführung des Protests, Berlin: de Gruyter 2017, XII + 354 S., ISBN 978-3-11-054549-4, EUR 49,95
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Rezension von:
Stefan Rhein
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Rhein: Rezension von: Joachim Knape: 1521. Martin Luthers rhetorischer Moment oder Die Einführung des Protests, Berlin: de Gruyter 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 11 [15.11.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/11/31567.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "500 Jahre Reformation - II" in Ausgabe 18 (2018), Nr. 11

Joachim Knape: 1521

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Die Feierlichkeiten zum 500. Jubiläum des Thesenanschlags sind kaum vorbei, da richtet sich der Blick bereits auf den nächsten Meilenstein des Reformationsgeschehens: Luthers Auftritt auf dem Wormser Reichstag 1521. Datierte Luther selbst den Beginn der Reformation auf 1517 und seinen Kampf gegen den Ablass, so genießen auch andere Ereignisse der Reformationsgeschichte die Zuschreibung des Epochalen. So ergeht es dem Jahr 1520, in dem Luther mit seinen vier Hauptschriften, etwa der Adelsschrift, die reformatorische Lehre bis heute wirkmächtig ausformulierte, oder dem Jahr 1521, in dem durch den Wormser Auftritt Luther in die Öffentlichkeit des Reiches katapultiert wurde. Der Tübinger Professor für Allgemeine Rhetorik Joachim Knape verleiht dem Geschehen von 1521 eine zusätzliche Dignität, die weit über die Sache Luthers und der Reformation hinausgeht. Denn er sieht in Luthers Rede vom 18. April 1521 vor den Repräsentanten der weltlichen und kirchlichen Macht den Beginn des Prinzips Protest und erkennt in diesem Auftritt einen "weltgeschichtlichen rhetorischen Moment" (XII), ja eine "Schlüsselszene in der Menschheitsgeschichte des Aufbegehrens und der unangepassten Kommunikation" (X).

Vorgeschichte und Ereignisse des Wormser Reichstags werden von Knape minutiös dargestellt, gleichsam aus der Nähe, da seine Ausführungen die historischen Akteure, ihre Motive und Handlungen oft im Präsens heranzoomen. So entsteht ein in Passagen spannender Bericht, etwa wenn die Fahrt nach Worms als Triumphfahrt der "Luther-Reisegesellschaft" beschrieben wird und zugleich den dramatischen Rahmen für eine Rekonstruktion der Vorgänger Hus und Savonarola bildet, deren Abweichung vom kirchlichen Mainstream Luther für sich selbst als modellhaft erkannte. In diese Vorgeschichte des Wormser Reichstags packt Knape auch die Darstellung der Genese des theologischen Denkens Luthers, das er unter den Aspekten der Methodenkritik, der Kritik an zentralen Dogmen und einer fundamentalen Institutionenkritik zusammenfasst. Auch Luthers persönliche Verzweiflung gepaart mit Mut kommen zur Sprache, die ihn "vom Modell des machtergebenen, selbstquälerischen Normerfüllers und angeleiteten Erkenntnissuchers zum Modell des ebenso kompromisslosen, mutigen und selbstdenkenden Abweichlers sowie theoretischen Neutöners" haben wechseln lassen (51).

Im Mittelpunkt steht die rhetorische Lektüre der einschlägigen Texte insbesondere der beiden Hauptprotagonisten, zum einen des päpstlichen Nuntius Hieronymus Aleander, zum anderen des Reformators Martin Luther. Sie sind als Vertreter des Prinzips der Macht bzw. des Prinzips des Protests Antagonisten und liefern sich eine Schlacht mit Worten, die so präzise und rhetorikgeschichtlich kundig noch niemals nachgezeichnet wurde. Den Beginn setzt Aleander mit einer Rede am 13. Februar 1521, als Luther noch gar nicht in Worms anwesend war, da er erst nach vielfältigen politischen Abstimmungen auf den Reichstag vorgeladen wurde. Die rhetorische Analyse der Rede lässt die Anrede, den Aufbau, die Argumentation, die Beweismittel, den Publikumsbezug etc. eindrücklich nachvollziehen bis hin zum Schlussteil, in dem sich Aleander gegen persönliche Attacken wegen des Vorwurfs jüdischer Abstammung zur Wehr setzt. Während diese Rede zwar nach Knape die Note "erstklassig" erhält, so wurde sie doch nicht zum "Event", da ihr Inszenierungsformen wie die Vorfeld-Einstimmung des Publikums, die Überraschungsmomente und die publizistische Nachbereitung fehlten (130f.). Die Langeweile der Machtaffirmation eines Aleander wird wenige Wochen später von der Ereignisinszenierung der Rede Luthers abgelöst, die prototypisch für das Aufregungspotenzial eines jeden Protests steht. Luthers Auftreten wird von Knape detailliert nachgezeichnet; dabei wird die Kooperation in "Luthers Team", z.B. die inhaltlichen und politischen Strategiedebatten mit dem kurfürstlichen Ratgeber Georg Spalatin, ausführlich gewürdigt. Hier setzt sich Knape von der Einzelkämpferthese ab (148), die aber in der Forschung schon, ohne dass Knape darauf rekurriert, als widerlegt gelten darf, besonders umfassend von Jens-Martin Kruse mit seinem Konzept der "Wittenberger Diskussionsgemeinschaft". [1] Gleichwohl kursiert der einsame Glaubensheld immer noch durch die Literatur, während Knape z.B. den Antrag Luthers auf Bedenkzeit und Fristverlängerung als politisch überlegtes Manöver des juristisch erfahrenen Luther-Teams verständlich macht.

Von der zünftigen Kirchengeschichtsschreibung und ihrem Gestus, die Ereignisse des Wormser Reichstags v.a. nachzuerzählen, unterscheidet sich der rhetorische Ansatz dieser Studie in seinem Fokus auf die Performanz von Luthers Rede. Die Einstiegsfrage - "War Luther in Worms beim Friseur?" (166) - erscheint bei dieser Perspektive nicht abwegig, denn Luther trat in Worms bewusst als Mönch auf, mit deutlich sichtbarer Tonsur, nicht als Professor in eleganter Gelehrtenkleidung, sondern im einfachen Habit als Gegeninszenierung zu den zeitgenössischen Klerikern. Die von Spalatin orchestrierte Luther-PR-Kampagne hatte bereits im Vorfeld von Worms die Ikonografie des Mönch-Propheten geschickt unter die Leute gebracht. Die Rede selbst ist nicht das Werk eines inspirierten Propheten, sondern Ergebnis einer breiten rhetorischen Kompetenz, über die Luther in hohem Maße verfügte und die er geschickt mit Blick auf das anwesende, mehrheitlich weltliche, romfeindliche Politikerpublikum anwendete. So erweist Knape Luthers Rede als sorgfältig ausgearbeitete und in der Übersetzungsvariante als eine der "ersten, 'authentischen' bzw. faktisch auch mit diesem Wortlaut performierten deutschen Redetexte überhaupt" (176). Kaiser Karl V. reagierte ganz im Sinne seines traditionalen Herrschaftsverständnisses harsch ablehnend mit der Tradition als Argument ohne Verständnis für das Gewissensargument Luthers. Zahlreiche diplomatische Verhandlungen schließen sich an, für Knape das Satyrspiel nach dem dramatischen Höhepunkt, die aber auch ohne Verständigung enden, da Luthers Schriftprinzip sich jeder Diplomatie verweigerte.

Ein ganz eigenes Pathos entwickelt der Schlussteil, in dem Luthers Wormser Rede zur "maßgebliche[n] Vorbedingung modernen Denkens" erklärt wird, sodass der Wittenberger Theologe zum Türöffner der Moderne avanciert und am Beginn der Entwicklung zu säkularen Konzepten etwa von Toleranz und Pluralismus steht (304). Die konfessionelle Spaltung wird zur Etappe eines selbstbestimmt differenzierten Denkens, die Kirchenkritik wird zum Kernelement einer aufklärerischen Akzeptanz von Vielfalt und Veränderung. Grundlegend dafür ist (übrigens nicht nur) nach Knape Luthers Konzept vom Priestertum aller Gläubigen, das das Verhältnis des Individuums zu seinem Gott grundsätzlich neu bestimmt und gegen die Macht als Einheits- und Gemeinschaftsdruck wirkt. Damit reaktiviert Knape das "klassisch protestantische Meisternarrativ einer gleichsam aus der Reformation entsprungenen Neuzeit" (Thomas Kaufmann), das indessen bereits vielfältig diskutiert und destruiert wurde, ohne dass Knape diese vor allem kirchenhistorische Debatte wahrnimmt. [2] Davon unbenommen bleibt der große Reiz des Buches, durch den erstmaligen rhetorischen Blick auf bekannte historische Vorgänge diese inhaltlich und sprachlich neu erschlossen zu haben.


Anmerkungen:

[1] Jens Martin Kruse: Universitätstheologie und Kirchenreform. Die Anfänge der Reformation in Wittenberg 1516-1522, Mainz 2002.

[2] Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016, v.a. 356-367.

Stefan Rhein