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Joachim Knape (Hg.): Bildrhetorik (= Saecula Spiritalia; Bd. 45), Baden-Baden: Verlag Valentin Koerner 2007, 504 S., ISBN 978-3-87320-445-4, EUR 92,00
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Rezension von:
Kolja Lichy
Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Kolja Lichy: Rezension von: Joachim Knape (Hg.): Bildrhetorik, Baden-Baden: Verlag Valentin Koerner 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/12/15643.html


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Joachim Knape (Hg.): Bildrhetorik

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Der "iconic turn" gehört zu den zahlreichen ausgerufenen Wendephänomenen in den Kulturwissenschaften der letzten Jahre. Dies mit einem gewissen Erfolg - hat sich doch in seinem Fahrwasser nicht nur eine breite wissenschaftliche Diskussion entwickelt, sondern auch eine "Bildwissenschaft" über die Kunstgeschichte hinaus zu institutionalisieren begonnen. Das breite theoretische Instrumentarium und der weite Bildbegriff dieser Forschung erleichtern dabei keineswegs eine präzise Definition von Gegenstand und Methode. Auch die Rhetorikforschung will sich nun in den bunten interdisziplinären Reigen der Bildwissenschaft einreihen. Die interdisziplinären Erfahrungen der Rhetorikforschung mögen ein Ausgangspunkt für Joachim Knape gewesen sein, die historische wie systematische Beschäftigung mit Rhetorik an die aktuellen Trends anzudocken. In seiner Einleitung versucht er, analog zur Texttheorie Kernpunkte einer Bildtheorie zu entwickeln, die als Basis bildrhetorischer Analysen dienen soll. Folgerichtig werden "die regelhaft bzw. analogisch rekurrierenden Eigenschaften und Baumuster einer Bildsprache oder eines visuellen Kodes" als "eigentliche 'Bildgrammatik'" bezeichnet (12). Die semiotische Lesart von Bildern als Repräsentationen, die Knapes Ausführungen wohl zugrunde liegt, ist in Hinsicht auf die Frage nach Bildrhetorik angemessen, schießt jedoch an einigen Stellen über das Ziel hinaus. Unnötig scheint etwa die Feststellung, dass nicht jedes Gemälde ein Bild sei. Als irritierender hingegen erweist sich die Ausklammerung der Farbenfrage als "bildtheoretisch akzidentiell" (12), zumal etliche Beiträge des Bandes zu einem anderen Ergebnis kommen.

Neben dem theoretischen semiotischen Interesse der Bildrhetorik für das Orthosystem der Bildgrammatik sei jene, so Knape, durch die pragmatische Frage nach dem erfolgsorientierten Gebrauch von Bildtexten gekennzeichnet. So betont er, dass bildrhetorische Analysen neben bildtexttheoretischen auch kommunikations- und handlungstheoretische Komponenten besäßen. In diesem Sinne ist allen Beiträgen eine starke Berücksichtigung der Kontexte von Produktion und Rezeption gemein. Darüber hinaus schälen sich vor allem drei Schwerpunkte heraus: Hinsichtlich der produktionstheoretischen Bedeutung der Rhetorik beschäftigt sich erwartungsgemäß ein erheblicher Teil der Aufsätze mit dem Verhältnis zwischen Rhetorik- und Kunsttheorie in der Frühen Neuzeit, während sich im Sinne Knapes ein anderer Teil mit den klassischen Grundlagen der Rhetorik und deren systematischer Anwendung auch auf gegenwärtige Bilder bezieht. Daneben richtet sich hinsichtlich der Rezeption von Bildern die Aufmerksamkeit etlicher Beiträge auf Funktionsweisen, wie man mit Sergiusz Michalskis zusammenfassen könnte, "prälogischer Wahrnehmung" (238) von Bildern und deren Konzeptionalisierung. Schließlich bildet das Verhältnis von Bild und verbalem Text einen dritten Schwerpunkt. Dabei ist die systematische Gliederung des Bandes in die drei Teile "Theorie", "Theoriegeschichte" und "Bildrhetorische Analysen" vor allen Dingen hinsichtlich der Theoriegeschichte triftig. Schließlich finden sich angesichts des Versuches, das Konzept einer "Bildrhetorik" zu etablieren, in sämtlichen Beiträgen auch des Analyseteils ausführliche Bemühungen, diesen Ansatz theoretisch zu fassen.

Die Bedeutung der Rhetorik für die Kunsttheorie der Frühen Neuzeit unterstreichen wiederholt zahlreiche Beiträger. Kritisch hierzu positioniert sich Nadia Koch, die sich aus Sicht der klassischen Archäologie gegen eine Unterschätzung der antiken Lehren zur Kunstproduktion zugunsten rhetorischer Prinzipien in der humanistischen Kunsttheorie seit Alberti wehrt. Wolfgang Brassat wiederum nimmt eine sehr differenzierte Haltung zum unmittelbaren Einfluss einer rhetorisch grundierten Theorie Albertis ein. In seiner diachron angelegten Betrachtung zur italienischen Malerei von Mantegna hin zu Caravaggio kommt Brassat zu dem Schluss, dass sich die noch starke Orientierung Mantegnas an Wirkungs- und Strukturmerkmalen der Rede mit einer gewissen Autonomisierung der Malerei hin zur Adaption einiger Grundsätze wie der Theorie der Metapher entwickelt. Für Brassat formte ein Maler wie Caravaggio in diesem Sinne seine Darstellungsmittel in erster Linie in der Auseinandersetzung mit der malerischen Bildtradition selbst aus.

Naturwissenschaftlich grundierte Überlegungen zur Bildrezeption fließen in zahlreiche Überlegungen im vorliegenden Band ein, am ausführlichsten wird diese Problematik vor allem aber von Ulrich Heinen reflektiert. Für ihn definiert die Affektwirksamkeit von Bildern grundlegend die Rhetorizität eines Bildes. Dabei schlägt er einen durchaus anregenden Weg der Parallelisierung von klassischer rhetorischer Affektenlehre und neurophysiologischer Forschung ein. Heinens Ergebnis, die Bildwirkung auf den Rezipienten sei kontextgebunden, scheint dann so revolutionär nicht; die interessante Schlussfolgerung, dass Bilder im 17. Jahrhundert zur Stressregulierung einer ganzen Elite beitrugen, bliebe in dieser Form noch breiter nachzuweisen. Von Heinen mit zahlreichen Schaubildern konfrontiert, wird der Leser jedenfalls unwillkürlich an den Beitrag von Klaus Sachs-Hombach und Maic Masuch erinnert, heißt es doch bei ihnen, Bildern würden argumentative Funktionen zugeschrieben, "wenn sie Behauptungs- und Begründungszusammenhänge veranschaulichen und so ihre Plausibilität steigern." (60) Dabei fußen auch Sachs-Hombach und Masuch bei diesen Überlegungen mit ihrem Konzept des graduellen Bildverstehens auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie.

Ekphrasis schließlich ist mit Sicherheit ein klassisches Beispiel, um die Beziehung zwischen Bild, Rhetorik und (Wort-)Text auszuloten. Entsprechend finden sich zwei sehr konträre Beiträge zu diesem Thema. Raphael Rosenberg stellt die ubiquitäre Verwendung des Begriffs Ekphrasis im Sinne einer Bildbeschreibung deutlich in Frage und betont die originär rhetorische Funktion der antiken Ekphrasen, die als Festvorträge oftmals fiktive Gemäldebeschreibungen als rhetorische Strategie einsetzen. Demgegenüber verwendet Heinz J. Drügh Ekphrasis als Konzept, um das Problem semiotischer Eindeutigkeit bzw. Offenheit von Bildern und deren Umsetzung in Worten am Beispiel von Kleists 'Zerbrochenem Krug' zu thematisieren. Drügh kommt dabei für seinen Untersuchungszeitraum zu dem Schluss, das Bild habe die Eindeutigkeit seiner Denotationen verloren und mithin aufgehört, "Leitmedium der Einheitsstiftung zu sein" (399). An diesem Prozess seien insbesondere die literarischen Texte beteiligt, die sich auf die Signifikanzebene der Bilder einzulassen versuchen. Was die Verbindung von Bild (Wort-)Text darüber hinaus analytisch leisten kann, führt Wolfgang Ullrich eindrücklich in seinen Ausführungen zu Heidegger im Bild vor, wenn er dessen fotografische Selbstinszenierung mit dessen Schriften und Performativität in den Vorlesungen zusammenführt.

Was Bildrhetorik ist, darauf gibt das vorliegende Sammelwerk keine eindeutige Antwort - was nicht von Nachteil sein muss und dem offenen Charakter eines Konferenzbandes geschuldet ist, der teils einander widersprechende, teils komplementäre Ansätze vereint. Als Beitrag zu einer Diskussion über Tragweite und Nützlichkeit von Bildrhetorik als Konzept ist er allemal anregend. Gerade für die Frühe Neuzeit stellt sich dabei die Frage, ob man eigens ein neues Konstrukt Bildrhetorik braucht, um die Prinzipien der zeitgenössischen Bildgestaltung und -rezeption angemessen zu beschreiben. Interessanter scheint das Konzept als weiterer Mosaikstein in einer allgemeinen bildwissenschaftlichen Theoriebildung und dessen Anwendung auch auf die Moderne. Wünschenswert für ein Konzept Bildrhetorik wäre es letztendlich, nicht allein zu versuchen, textwissenschaftliche Prinzipien auf Bilder anzuwenden, sondern noch stärker das Verhältnis Bild und Text in den Mittelpunkt zu rücken. Hier bestünden sicherlich noch Chancen, aus der Perspektive der Rhetorik interdisziplinäre Analysen mit systematischen Überlegungen anzureichern.

Kolja Lichy