Rezension über:

Mark Edward Ruff: The Battle for the Catholic Past in Germany, 1945-1980, Cambridge: Cambridge University Press 2017, XVI + 394 S., 25 s/w-Abb., ISBN 978-1-107-19066-5, GBP 34,99
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Rezension von:
Daniel Gerster
Centrum für Religion und Moderne, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
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Daniel Gerster: Rezension von: Mark Edward Ruff: The Battle for the Catholic Past in Germany, 1945-1980, Cambridge: Cambridge University Press 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 6 [15.06.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/06/30752.html


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Mark Edward Ruff: The Battle for the Catholic Past in Germany, 1945-1980

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Über die Rolle der katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus und das Verhalten von katholischen Bischöfen, Priestern und Laien im Angesicht der Verbrechen der Hitler-Diktatur ist nach 1945 immer wieder heftig gestritten worden. Zentrale Gegenstände der Auseinandersetzung - beispielsweise das Reichskonkordat von 1933 oder Rolf Hochhuths Theaterstück "Der Stellvertreter" von 1963 - sind inzwischen auch all jenen ein Begriff, die sich nur am Rande mit der Geschichte des Katholizismus beschäftigen. Kontroverse Positionen - sei es vom grundsätzlichen Widerstand der Kirche gegen das 'Dritte Reich' oder die bisweilen behauptete mutmaßliche Mitschuld von Papst Pius XII. am Holocaust - sind inzwischen auch der breiten Öffentlichkeit hinlänglich bekannt. Mark Ruff, Professor für europäische Geschichte an der Saint Louis University in Missouri, macht es sich dem Titel seines neuen Buches nach zur Aufgabe "die Schlacht um die katholische Vergangenheit in Deutschland" neu aufzurollen. Er setzt sich zum Ziel zu untersuchen, warum auf diese neuen "Kulturkämpfe" (2) um die Rolle der katholischen Kirche im 'Dritten Reich' nach 1945 so viel Energie verwendet wurde und in welchem Zusammenhang die Kontroversen mit der grundsätzlichen Neuverortung der katholischen Kirche in der bundesdeutschen Gesellschaft standen. Ruff ist kein Unbekannter auf dem Feld der deutschsprachigen Katholizismusforschung. Bereits 2005 wartete er mit einer Monografie zur Geschichte der katholischen Jugend in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auf [1] und erst vor wenigen Jahren fungierte er als Mitherausgeber eines Bandes, der sich als eine Einführung zur Geschichte der katholischen Kirche im Nationalsozialismus versteht [2].

Es ist ohne Frage ein großer Gewinn für die vorliegende Untersuchung, dass der Autor ein ausgewiesener Kenner der zahlreichen Akteure und verflochtenen Diskurslagen des deutschen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert ist. Denn der Umgang mit der katholischen Vergangenheit in der bundesdeutschen Geschichte zwischen 1945 und 1980 erweist sich nicht nur als - zum Teil bis heute - stark emotional aufgeladen, sondern auch als äußerst komplex. Ruff konzentriert sich daher in seiner Darstellung auf sieben zentrale Konfliktmomente, die er chronologisch anordnet. Dabei nimmt er sich allerdings die Freiheit, in den einzelnen Kapiteln zeitlich vorgelagerte Ereignisse und Diskussionen - vor allem aus den 1920er und 1930er Jahren - ausführlich aufzubereiten und kurze biografische Abrisse wichtiger Akteure einzustreuen, um so dem Leser die Geschichte, die er erzählen möchte, verständlich zu machen. Das gelingt ihm durchweg - und zwar sowohl in den Teilen, in denen er sich mit eher bekannten Aspekten auseinandersetzt wie dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1956 zur Rechtsgültigkeit des Reichskonkordats (Kapitel 2), der von Ernst-Wolfgang Böckenförde 1961 angestoßenen Grundsatzdiskussion um das Verhältnis von Kirche und Staat (Kapitel 3), dem schon genannten Streit um Hochhuths "Der Stellvertreter" (Kapitel 5) und der Kontroverse zwischen dem protestantischen Historiker Klaus Scholder und seinem katholischen Kontrahenten Konrad Repgen Ende der 1970er Jahre (Kapitel 7) - als auch in den Teilen, die eher unbekannte Dynamiken aufdecken wie die zahlreichen kirchlichen Verteidigungsschriften, die katholische Autoren wie Walter Adolph und Johannes Neuhäusler zwischen 1946 und 1949 veröffentlichten (Kapitel 1) oder die Angriffe des US-amerikanischen Soziologen und Pazifisten Gordon Zahn (Kapitel 4) sowie des Politikwissenschaftlers Guenther Lewy (Kapitel 6) auf die katholische Kirche in Deutschland während der späten 1950er und 1960er Jahre. Jedes Kapitel ist in kleinere Einheiten unterteilt, mit Abbildungen seiner zentralen Akteure versehen und endet mit einem eigenen Zwischenfazit, was der Lesbarkeit und dem Verständnis des Buches äußerst dienlich ist.

Weil sich das Werk so gut strukturiert präsentiert, wird leicht vergessen, welche immense Forschungsarbeit dahinter steckt. Insgesamt elf Jahre hat Ruff - in unterschiedlicher Intensität - daran gearbeitet und dabei Material aus 77 Archiven zusammengetragen sowie mit wichtigen Akteuren wie Ernst-Wolfgang Böckenförde und dem jüngst verstorbenen Konrad Repgen Zeitzeugengespräche geführt. Das Ergebnis ist eine quellengesättigte dichte Beschreibung, die ihre Ergebnisse in transnationale Zusammenhänge einordnet und Bezug auf die aktuelle historiografische Literatur nimmt, wobei etwas zu bedauern ist, dass eine übersichtliche Bibliografie im Buch fehlt. Die Lektüre des Textes verschafft selbst dem bereits informierten Leser interessante Einsichten, die, wenn auch nicht neu, in einer eigenen Pointiertheit formuliert werden. Dazu zählt auf der einen Seite die von Ruff immer wieder nach vorne gebrachte Erkenntnis, dass die westdeutsche Gesellschaft der 1950er Jahre keineswegs so harmonisch und unkritisch war, wie dies im Allgemeinen, auch in historischen Narrativen, gerne dargestellt wird. Mit Blick auf die Fragestellung seines Buches verweist er vielmehr darauf, dass auch in diesen Jahren bereits über die katholische Vergangenheit im Nationalsozialismus gestritten wurde, und warnt insgesamt davor, die Bedeutung dieses Jahrzehnts vor dem Hintergrund der lautstarken Studentenproteste der 1960er Jahre zu unterschätzen. Auf der anderen Seite unterstreicht Ruff die anhaltende Bedeutung konfessioneller Gegensätze, wie sie mit Bezug auf die 1950er Jahre bereits wiederholt herausgestellt wurde, für den gesamten Untersuchungszeitraum bis 1980. Er begreift den konfessionellen Gegensatz als ein zentrales Erklärungsmuster für die andauernden Kontroversen um die katholische Rolle im Nationalsozialismus. Indem Ruff die Debatten in Verbindung mit grundlegenden politischen Konflikten der Zeit wie dem Schulstreit stellt, deutet er sie als Teil einer grundsätzlichen Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken um die Ausrichtung der Bundesrepublik.

So wichtig es ist, auf die anhaltende Bedeutung konfessioneller Gegensätze für die Geschichte der Bundesrepublik aufmerksam zu machen, so sehr lässt ein solcher Fokus Fragen nach anderen Einflussfaktoren aufkommen. In welchem Zusammenhang standen die Debatten um die katholische Vergangenheit zum Beispiel mit innerkatholischen Auseinandersetzungen? Ruff greift hier selbstverständlich zentrale Konfliktlinien auf, wenn er unter anderem die Verwerfungen von konservativen und liberalen Katholiken in der frühen Bundesrepublik oder die tiefgehenden Differenzen zwischen Traditionalisten und Reformern während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil anspricht. Von Interesse wäre es aber durchaus gewesen, mehr darüber zu erfahren, wie die katholische Vergangenheit als - auch symbolische - Ressource in anderen Machtkämpfen im katholischen Raum, beispielsweise zwischen der Jugend und dem Establishment, Verwendung fand. Wo Ruff dies mit Blick auf eine katholische Geschichtsschreibung macht, ist zu bedauern, dass er die Bedeutung neuerer Forschungsansätze am Ende vorschnell abtut. Gerade Arbeiten, die beispielsweise seit Ende der 1980er Jahre im Umfeld des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung entstanden, dürften in der Retrospektive einen bemerkenswerten Beitrag zu einer Historisierung der katholischen Vergangenheitsdebatte geleistet haben. Weitere Fragen drängen sich mit Blick auf grundlegende Veränderungen im religiösen Feld auf, genannt seien nur die anhaltende Säkularisierung sowie die Pluralisierung und Individualisierung. Können die Auseinandersetzungen um die katholische Vergangenheit nicht gerade als Teil des sich verschärfenden Wettbewerbs um religiöse Integrität verstanden werden? Dass Mark Ruff diese und ähnliche Fragen kaum adressiert, macht seine Studie keineswegs weniger wertvoll. Sie leistet als quellengesättigte dichte Beschreibung einen grundlegenden Beitrag zur Historisierung der Debatten um den Umgang mit der katholischen Vergangenheit und damit zur Verortung der Katholiken in der Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik.


Anmerkungen:

[1] Mark Edward Ruff: The Wayward Flock. Catholic Youth in Postwar West Germany, 1945-1965, Chapel Hill 2005.

[2] Mark Edward Ruff / Christoph Kösters (Hgg.): Die Katholische Kirche im Dritten Reich. Eine Einführung, Freiburg 2011.

Daniel Gerster